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Wehmut

Von Hermann Steffen, Bonn

Im Prinzip könnten die rheinischen Kartoffelbauern mit dem Verlauf der Saison zufrieden sein. Die Frühkartoffelkampagne verlief zufrieden stellend und trotz der verspäteten Auspflanzungen kam das Rheinland Ende Juni/Anfang Juli sogar noch in den Genuss der sich abschwächenden Hochpreisphase bei Frühkartoffeln. Ein kleiner Wehmutstropfen waren allerdings die rund 10 bis 15 Prozent niedrigeren Erträge, doch sorgten sie zumindest dafür, dass die Ware zügig in die Industrie und auch im Speisebereich abfloss. Unproblematisch dann der Übergang zu den Anschlusssorten, die fast nahtlos an das Preisniveau der letzten Frühen anknüpfen konnten. Auch in der Haupternte hielten niedrige Erträge und zum Teil ungünstige Witterungsverhältnisse das Preisniveau auf einem ziemlich konstanten und verhältnismäßig hohen Niveau. Sogar die absortierte Industrieware fand Abnehmer zu Kursen, die sich in schlechten Jahren gerade einmal für Übergrößen erzielen ließen.

Doch von den Erzeugerpreisen, die mit über 20 DM/100 kg etwa doppelt so hoch wie in den Vorjahren lagen, konnten nicht alle Landwirte profitieren. Es gab ja schließlich noch die Vorverträge und für die kontrahierte Industrieware ließ sich in der gesamten Kampagne weniger als im freien Markt erzielen. Im Nachhinein ist man bekanntermaßen zwar immer klüger, doch sollte sich der Ärger hierüber in Grenzen halten. Schließlich haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass diese Situation eher die Ausnahme ist. Zwar konnten sich die Erzeuger mit Vorkontrakten noch nie eine goldene Nase verdienen, im Schnitt der Jahre ließ sich allerdings ein Teil des Vermarktungsrisikos abdecken. Tröstlich mag es für einige sein, dass sie in diesem Jahr ihr Kontraktvolumen durch die gedrückten Vorgaben der Verarbeitungsindustrie kräftig reduziert haben und nur noch mit etwa 30 bis 40 Prozent des normalen Aufwuchses in der Andienungspflicht an die Fabriken standen.

Auch den Verarbeitern wird es kaum entgangen sein, dass sie billiger an einen Teil der Rohware herangekommen wären, hätten sie im Vorfeld ihre Verträge zu besseren Konditionen angeboten. Erste Lehren scheint die Industrie gezogen zu haben, denn bei den Verhandlungen über die Konditionen für das kommende Jahr, hat sie bereits die Bereitschaft zu höheren Kontraktpreisen signalisiert. Und das war auch nötig, will man die Bauern als Rohstofflieferant bei der Stange halten. Schließlich sind allein die Pflanzkartoffelpreise für das nächste Jahr im Schnitt um 20 Prozent angezogen. Ein gutes Argument, das der Handel zu Gunsten seiner Klientel Landwirtschaft in die Verhandlungen mit einbringen kann. Das wichtigste Argument dürfte jedoch das gegenwärtige Preisniveau und die feste Tendenz bis Juni nächsten Jahres sein. Die Kurse der Amsterdamer Warenterminbörse, wo der Aprilkontrakt mit 20 Euro notiert wird, mag manchem als überzogen erscheinen, doch bietet er dem Kassamarkt allemal Spielraum nach oben. Für die Rheinländer, die etwa 60 Prozent der Haupternte eingelagert haben, fängt die zweite Vermarktungsphase gerade erst an. Auch wenn sich davon bereits 50 bis 70 Prozent unter Kontrakt befinden, bietet der Rest den Bauern noch genügend Manövriermasse, um noch etwas Geld zu verdienen. Da unterm Strich höchstwahrscheinlich ein Plus herauskommen wird, bringt es wenig, wehmütig der Mark nachzutrauern, die man nicht mitnehmen konnte.

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