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Alle Sinne

Von Cäcilie Daus-Speicher, Wiesbaden

Hand aufs Herz: Wer erwischt sich nicht laufend dabei, D-Mark und Euro zu verwechseln? Wer glaubte in den vergangenen Tagen nicht das eine oder andere Mal, ein tolles Schnäppchen zu machen? Doch plötzlich die Erkenntnis: schon wieder bin ich in die Euro-Falle getappt. Doch es kommt noch schlimmer. Beim Bäcker geht es mir nicht anders als dem betagten Herrn von nebenan, der jede Münze zwei Mal umdreht, bevor er entnervt zum 10-Euro-Schein greift, um seine zwei Brötchen zu bezahlen. Und wenn ich ehrlich bin, graust es mir davor, wenn sich in meiner alten "Portokasse" im Küchenschrank keine Mark und auch kein Groschen mehr finden lassen, um die zehn frisch gelegten Eier beim Biobauern berappen zu können. "Unmöglich und von vorgestern" denke ich insgeheim und unbarmherzig und bin froh, bei der allwöchentlichen Kartoffelmarkt-Recherche am Montag auf den einen oder anderen Händler zu stoßen, der - je nach Temperament - mehr oder weniger offen eingesteht, dass er so seine liebe Not hat mit dem Euro und dem permanenten gedanklichen Umrechnungsvorgang von Mark in Euro und umgekehrt. Wie symphatisch, denke ich und werde auch gleich nachsichtiger mit mir selbst.

Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das Beharrende alter Gewohnheiten, Bräuche und Traditionen fesselt manchen mehr, als einem lieb und vor allem auch bewusst ist. Im Moment wird dies tagtäglich mehrmals deutlich und zeigt, wie tief verwurzelt die Mark im Bewusstsein, mehr noch im Unbewussten der Deutschen ist. Diesen Prozess hat der Euro noch vor sich. Bis er wirklich Fuß gefasst hat im Alltag, wird er noch sehr häufig gedreht und gewendet, begriffen, gekippt und ins Licht gehalten werden, bis er wirklich erfasst und erfahren und letztendlich in Fleisch und Blut übergegangen sein wird, wie dies die gute alte Deutsche Mark war.

Solange muss mein Kopf beim Hören eines Euro-Preises zuverlässig wie ein Uhrwerk den Mark-Preis errechnen. Um sich von der Mark wirklich verabschieden zu können und ganz selbstverständlich in Euro denken zu lernen, wird man sich immer wieder aufs Neue dieser "Krücke" bedienen müssen. Der Nutzen des Euros im Alltag wird für viele Zeitgenossen erst dann richtig begreifbar werden, wenn für sie in ihrem Urlaub das leidige Umtauschen und Umrechnen in Franc, Peseta, Lire oder Drachme entfällt und sie mit ihrer neuen Heimatwährung ganz selbstverständlich ihr Baguette, ihre Paella, ihre Pizza oder ihren Ouzo bezahlen. Selbst so etwas Profanes wie eine neue Währung muss offensichtlich mit allen Sinnen erfahren werden, um Akzeptanz und Vertrauen zu gewinnen.
 
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