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Viel Lärm, wenig Gift
Hormonfleisch, Eier, Coca-Cola - wir sind nicht in Gefahr

Von Hans Schuh, Hamburg

Coca-Cola, Dioxineier, Genkartoffeln, Hormonfleisch? Viel Aufregung, aber wenig Grund zur Sorge. Wir sind nicht in Gefahr. Doch nicht nur die Medien, sondern auch die Politiker schüren und nutzen die Hysterie.


Nirgends wird das so deutlich wie im Streit um das "Hormonfleisch". Darf die Europäische Union die Einfuhr des Fleisches hormonbehandelter Tiere aus Nordamerika verhindern? Am Montag (12. Juli, die Redaktion) sagte das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO wieder einmal nein. Seit fast zehn Jahren führen die Europäer einen verlogenen und deshalb aussichtslosen Kampf. Sie geben vor, die Verbraucher zu schützen. In Wahrheit wollen sie den eigenen Markt schützen.

Noch im April schockte Joschka Fischer seine Parteigenossen mit der Ankündigung, man werde wohl den europäischen Markt für amerikanisches Hormonfleisch öffnen müssen, weil Beweise für dessen Schädlichkeit fehlten. Wichtig sei allerdings eine Kennzeichnung der Importware - damit der Verbraucher entscheiden könnte.

Was aber ist "gesünder": das Fleisch von stallgemästeten deutschen Bullen oder das Steak von amerikanischen Ochsen, die auf der Weide aufwuchsen? Amerikanisches Ochsenfleisch enthält weit weniger Hormone als das Fleisch europäischen Bullen. Deren Hoden produzieren reichlich Sexualhormone, Bullen sind daher viel aggressiver als Ochsen - und bleiben meist angekettet im Stall.

Doch statt den Freihandel zu wagen, das Fleisch zu etikettieren und die Verbraucher aufzuklären, berief sich die EU im letzten Moment auf ein fragwürdiges Gutachten, das einen schweren Vorwurf erhebt: Bei der Mast à l'américaine - mit einem Hormondepot hinter dem Ohr des Tieres - werde ein krebserregender Stoff verwendet, das weibliche Sexualhormon Östrogen (17-beta Östradiol). Zwar lasse sich der Zusammenhang nicht erweisen, aber die Brustkrebsrate in Amerika sei außergewöhnlich hoch - und der dortige Konsum von Hormonfleisch ebenfalls. Irgendwas wird schon daran sein, argwöhnten die Brüsseler Protektionisten. Vorbeugender Verbraucherschutz gebiete einen weiteren Importstopp.

Ein solch fadenscheiniges Argument fand bei der Welthandelsorganisation keine Gnade. Sie kann sich auf ein Gutachten von Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO stützen, die kurz zuvor zum Schluss gekommen waren, die amerikanische Weise der Fleischproduktion berge keine Gefahr für die Gesundheit. Dabei hatten die Fachleute von WHO und FAO hohe Sicherheitsmargen einkalkuliert und unterstellt, der tägliche Konsum betrage 300 g Muskelfleisch, 100 g Leber außerdem je 50 g Niere und Fett. Bon appetit!

Die Europäische Union mag mit ihrem Krebsalarm eine Zeit lang politischen Rückhalt beim Verbraucher finden. Auf die Dauer jedoch wird ihre Warnung vor Östrogen mehr schaden als nützen. Denn träfe ihr gravierender Verdacht zu, dann geriete nicht nur amerikanisches Fleisch, sondern auch Rindfleisch europäischer Biobauern in Verruf, ebenso Eier und Milch. All diese Produkte strotzen vor Östrogen. Ein Hühnerei oder ein Liter Milch enthalten das fünf- bis zehnfache dessen, was sich in einem 300 g schweren US-Steak vom Ochsen findet, der mit Testosteron und Östrogen im Ohr gemästet wurde. Stammt das Fleisch gar von einer jungen europäischen Kuh, die auf der Weide per Natursprung vom Biobullen trächtig wurde, dann kommt eine wahre Östrogenbombe auf den Tisch. Kein Wunder, dass das Schiedsgericht jetzt der Europäischen Union eine Abfuhr erteilte. Und wir Europäer müssen nun büßen - zu Recht. Künftig dürfen Amerikaner und Kanadier Strafzölle in Höhe von jährlich 235 Mio. Mark auf Waren aus der EU erheben, solange die Europäer die Einfuhr von "Hormonfleisch" blockieren.

Offenbar beeindrucken solche Strafen nicht. Europa steuert auf den nächsten Handelskonflikt mit Amerika zu. Auslöser ist das Brüsseler De-facto-Moratorium in der "grünen Gentechnik", der Anwendung gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft. Auch dieser Konflikt könnte sehr teuer werden. Und auch ihn werden die Europäer wohl verlieren - wenn sie sich weiter als die strengsten Wächter von Gesundheit und Umwelt aufspielen, dabei alarmistische Risikodebatten führen, die mehr Vorurteile nähren als beseitigen.

Von einer verzerrten Wahrnehmung der Risiken zeugen die jüngsten Beschlüsse der EU-Umweltminister, die unter Vorsitz von Jürgen Trittin der grünen Gentechnik einen Riegel vorschoben. Als Vorwand dienten zwei Warnungen aus Laborversuchen. Zum einen: dass Kartoffeln, in die gentechnisch ein Insektengift eingebaut wurde, möglicherweise ein Gesundheitsrisiko bergen - falls solche Kartoffeln je auf den Markt kämen. Zum anderen: dass US-Forscher herausgefunden haben, eine Maissorte mit gentechnisch eingebautem Insektizid könnte eventuell eine beliebte Schmetterlingsart gefährden, den Monarch-Falter.

Die Autoren selbst warnten hier vor übereilten Schlüssen aus ihrem Experiment. Aber die Umweltminister handelten. Dass Hunderte Studien keine Gesundheitsgefahr ermittelt hatten, spielte angesichts zweier hypothetischer Risiken keine Rolle.

Zum Glück geht nun die noch amtierende EU-Umweltkommissarin Ritt Bjerregaard gegen die Verzögerungstaktik in Sachen Gentechnik vor: Die Brüsseler Kommission hat in der vergangenen Woche Verfahren gegen Frankreich und Luxemburg eingeleitet, die mit ihrer Blockadepolitik gegen geltendes Recht verstoßen. Mehr als ein Dutzend gentechnisch veränderter Organismen harren der Zulassung, relevante Risiken wurden trotz langwieriger Prüfung nicht entdeckt. Mit ihrem Spiel auf Zeit und dem wirren Hin und Her stellt die EU die Antragsteller auf harte Geduldsproben und riskiert Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof oder vor der WTO.

Falls die EU tatsächlich ein Moratorium oder gar einen Ausstieg aus Teilen der Gentechnik anstrebt - wohlan! Dann sollte sie sich jedoch klar dazu bekennen und ähnlich wie in der deutschen Atompolitik den offenen Dialog mit den Kontrahenten suchen. Die derzeitige Politik des Blockierens und stimmungsgeprägter Unberechenbarkeit führt in eine Sackgasse.

Auffällig ist, dass die europäische Presse die Heuchelei der EU kaum aufgreift, Warnungen vor jedwelchen Lebensmittelgefahren hingegen ausführlich thematisiert. Beispiele für an Hysterie grenzende Alarmreaktionen waren jüngst der belgische Coca-Cola- und zuvor der Dioxineier-Skandal.

Seit Wochen sammelt und bewertet das Berliner Bundesinstitut für den gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin(BgVV) die Analysendaten zu Cola-Giften und Dioxinbelastungen belgischer Produkte. Das Fazit lautet: viel Lärm um wenig Gift. "In der Cola wurden bisher keine Giftstoffe gefunden, die eine plausible Erklärung für die Beschwerden ergeben. Und bei insgesamt 800 Dioxinanalysen belgischer Produkte wurden in Deutschland ganze 20 Überschreitungen des Richtwertes festgestellt; sie liegen jedoch im üblichen Rahmen und stellen selbst bei langfristiger Einnahme keine Gesundheitsgefahr dar", lautete der Befund des Instituts.

Ursprüngliche Befürchtungen, die Dioxinbelastung der Deutschen könnte sich erhöhen, haben sich als falsch erwiesen. Richtig ist vielmehr, dass dank strenger Umweltschutzauflagen und Lebensmittelüberwachung die Belastung der Verbraucher durch Umweltgifte seit Jahren deutlich sinkt. Beim Dioxin hat sie sich mehr als halbiert.

Darüber allerdings schweigen meist die Medien, während die Politiker das große, falsche Wort führen. Was sie betreiben, ist letztlich Missbrauch der Wissenschaft zu politischen Zwecken. Sie schmeicheln dem Verbraucher und verhöhnen den Bürger.

Aus: DIE ZEIT, 15. Juli 1999, mit freundlicher Genehmigung des Zeitverlags, Hamburg.
 
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