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Unbelehrbar

Von Otmar Weinreich, Bonn

Im Zusammenhang mit der BSE- und Dioxinproblematik wird in letzter Zeit wieder verstärkt von politischer Seite der Ruf nach Wiedereinführung der sogenannten "offenen Deklaration" von Mischfutter laut. Gemeint ist damit die Angabe aller Einzelfutter mit ihren prozentualen Anteilen in der Mischung. Der Mischfutterbranche, die einen solchen Schritt für falsch und kontraproduktiv hält, wird vorgeworfen, sie sei unbelehrbar, hätte etwas zu verbergen und würde die Zeichen der Zeit nicht erkennen.

Es lohnt sich also, den Dingen einmal auf den Grund zu gehen. Die Forderung nach Einführung der "offenen Deklaration" erweckt bewusst oder unbewusst den Eindruck, Mischfutter würde nicht ordnungsgemäß und umfassend gekennzeichnet, ja es würde sogar etwas verheimlicht. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Ein Schweinemastalleinfutter zum Beispiel ist mit über 20 nachprüfbaren Angaben gekennzeichnet (Rohprotein, Lysin, Rohfett, Rohfaser, Rohasche, Zusammensetzung in absteigender Reihenfolge, Enzyme, Vitamine A, D, E, Kupfer, Antioxidantien, gegebenenfalls Fütterungshinweis für den sicheren Gebrauch, Herstellungsdatum, Mindesthaltbarkeitsdatum, Nettomasse, Anschrift des Inverkehrbringers. Weitere freiwillige Angaben insbesondere zum Energiegehalt werden durchweg gemacht.

Ohne besondere Kennzeichnung, aber gleichwohl garantiert, ist bei jedem Mischfutter die Einhaltung von über 40 futtermittelrechtlich festgelegten Höchstgehalten für unerwünschte Stoffe. Mischfutter wird somit umfassend, aussagefähig, nachprüfbar - also offen - deklariert. Dies wird auch von allen ernst zu nehmenden Fachleuten in der Landwirtschaft, in der Beratung und der Wissenschaft so gesehen.

Es gibt eine Reihe weiterer gewichtiger Gründe, weshalb die Angabe der Zusammensetzung nach Einzelfutter in Prozenten abzulehnen ist. Der von Politikern häufig erweckte Eindruck, dass allein durch die Angabe der prozentualen Zusammensetzung eines Mischfutters etwas zur Verhinderung zum Beispiel des BSE-Skandals in England oder des Dioxin-Skandals in Belgien getan werden könnte, ist völlig falsch und streut der Öffentlichkeit Sand in die Augen. Ob auf dem Sackanhänger zum Beispiel tierische Fette wie bisher bei Angabe der Zusammensetzung in absteigender Reihenfolge wegen des geringen Gehaltes an vorletzter Stelle steht oder ob auf dem Sackanhänger drei Prozent Fett steht, ist für die Dioxinproblematik völlig unerheblich. In beiden Fällen kann nicht erkannt werden, ob das Fett mit Dioxin belastet ist oder nicht, ob mit krimineller Energie die Rohstoffe verfälscht wurden oder nicht. Es wäre glaubhafter und problembezogener, wenn Politik und Verwaltung mit gleicher Vehemenz die stärkere Kontrolle sensibler Einzelfutterproduzenten und Einzelfutter fordern würden. Dass hier auch in Deutschland Nachholbedarf besteht, hat nicht zuletzt der Fall Plattling gezeigt.

Nachteilig für die Landwirtschaft und Beratung wäre auch, wenn das in den letzten Jahren entwickelte Nährstoffdenken wieder in den Hintergrund treten würde, zugunsten eines aus der Vergangenheit bekannten Komponentendenkens mit geringer oder keiner Aussagefähigkeit, ja mit einem starken Potential der Täuschung für den Tierhalter. Einen Wettbewerb auf der Basis der prozentualen Zusammensetzung eines Mischfutters ohne ernährungsphysiologische Entsprechung können nur branchenfremde Laien herbeiwünschen. Daher ist es zutreffend, von einer irreführenden Deklarationsform zu sprechen. Verstärkt werden diese Argumente durch die fehlende Kontrollierbarkeit der Prozentanteile der Rohstoffe in einem Mischfutter. Dies ist vielfach - nicht zuletzt auch jüngst durch eine europäische Enquete - wieder bewiesen worden. Wenn jetzt von interessierter Seite versucht wird dieses Argument durch den Hinweis zu entkräften, dass die Kontrolle sehr wohl über eine Buchprüfung vor Ort möglich sei, so muss man sich fragen, ob dies nicht ein Fall für den Bundesrechnungshof oder den Europäischen Rechnungshof wäre. Man denke nur an den personellen und finanziellen Aufwand, der durch die Kontrolle einer mehr oder weniger wertlosen Information entstehen würde. Immerhin müsste in Europa das gesamte Produktionsprogramm von rund 3800 Mischfutterbetrieben buchmäßig überwacht werden.

Es gibt zwei weitere Argumente, die insbesondere aus der Sicht der Mischfutterbranche gegen die prozentuale Angabe der Zusammensetzung ins Feld geführt werden müssen. Die Hauptaufgabe des Mischfutterherstellers ist es, die Ernährung der Nutztiere auf Basis wissenschaftlich entwickelter Versorgungsempfehlungen orientiert an Nährstoffen - und nicht an irgendwelchen Komponenten - sicherzustellen. Die Mischfutterhersteller kommen dieser Forderung nach durch die Auswahl und geeignete Kombination der entsprechenden Einzelfutter. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass die Nährstoffgehalte zum Beispiel von Getreide oder Trockenschnitzel je nach Witterung, Standort, Erntebedingungen, Behandlung und anderem schwanken. Kein Rohstoff fällt jedes Jahr gleich aus. Mischfutterhersteller wissen dies und müssen sich darauf einrichten, um die deklarierten und damit zugesicherten Inhaltsstoffgehalte einhalten zu können. Da der Gesetzgeber die Einhaltung der deklarierten Inhaltsstoffe mit vergleichsweise engen Toleranzen nach beiden Seiten versehen hat, die nicht überschritten werden dürfen, kann die Forderung nur erfüllt werden, wenn in einem geringen Umfang die prozentualen Anteile der Rohstoffe in Abhängigkeit von ihrem Nähr- und Energiegehalt variiert werden. Würde man neben den umfangreichen Inhaltsstoffangaben auch noch die Angabe der Zusammensetzung nach Prozenten, wie von einigen Politikern gefordert, zwangsweise einführen, würde dies bedeuten, dass mehr oder weniger laufend die prozentualen Angaben zur Zusammensetzung auf den Sackanhängern geändert werden müssten. Ein Unterfangen, das bei der Vielzahl von Mischfuttertypen und Sonderwünschen der Landwirtschaft selbst mit modernster Computer- und Drucktechnik nicht zu bewältigen wäre, vom fehlenden Informationswert einmal abgesehen.

Das andere gewichtige Argument gegen die prozentuale Angabe der Zusammensetzung ist der Know-how-Schutz des Mischfutterherstellers, der - wie in anderen Zweigen der Wirtschaft - sichergestellt werden muss, soll die Wirtschaft auch weiterhin Mittel für Forschung und Entwicklung bereitstellen.

Der Bundesrat hat bereits 1988 diese Deklaration richtig bewertet, wenn er schreibt: "Die vor drei Jahren eingeführte obligatorische Angabe aller Einzelfuttermittel mit ihren Gewichtsanteilen - die sog. offene Deklaration - und die Angabe des Herstellungstages haben sich nicht bewährt, sondern zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit, zu Schwierigkeiten im Gesetzesvollzug und zu Wettbewerbsverzerrungen geführt."

Warum, so ist zu fragen, sollen alte Fehler nochmals begangen werden? Wer ist hier unbelehrbar, die Mischfutterhersteller oder die Politik?
 
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