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Weichenstellung

Von Hubert Grote

Durch die belgische Dioxinkrise hat sich die Situation in der Futtermittelwirtschaft grundlegend verändert. Die Auswirkungen zeigen sich konkret vor allem in folgenden Aspekten:

o Die Regelungsabsichten der staatlichen Institutionen der EU scheinen einen nie gekannten Umfang einzunehmen, obwohl die Überprüfung der Umsetzung bestehender Vorschriften in allen EU-Ländern ebenso wichtig wäre

o Die beteiligte Wirtschaft hat durch Eigeninitiative ihre Sicherungsmaßnahmen bzw. -systeme weiter verstärkt und die Diskussion und Entscheidungsfindung um längerfristige Konzepte in diesem Bereich aufgenommen

o Das öffentliche Interesse an der Futtermittelwirtschaft ist deutlich angestiegen und wird unter anderem wegen der im Weißbuch der EU-Kommission aufgeführten Aktionsschritte hoch bleiben.

Von besonderer Bedeutung für die Zukunft wird sein, welchen Beitrag die Futtermittelbranche und die in ihr zusammengeschlossenen Firmen selbst leisten oder künftig auf den Weg bringen werden, um die Zuverlässigkeit als Glied in der Kette zur Lebensmittelproduktion unter Beweis zu stellen. Je sicherer und überzeugender die ergriffenen Schritte sein werden, um so mehr wird es gelingen, den Aktionsdrang besonders der Brüsseler Entscheidungsträger zu kanalisieren.

Das Dioxin-Monitoring der Mischfutterverbände in Deutschland mit einem Aufwand von über 100.000 DM ist ein gelungener Auftakt, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Auch das Symposium des Fachverbandes der Futtermittelindustrie "Gesunde Futtermittel - gesunde Nahrungsmittel" hat viele Informationen über das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen im Futtermittelsektor, über bereits seit Jahren bestehende Sicherungsmaßnahmen, auch in kontraktrechtlicher Hinsicht, gegeben und den Brückenschlag zu den vor- und nachgelagerten Stufen verbessert. Derartige Maßnahmen sind gut, sie können die Grundlage für weitere zielgerichtete Schritte bilden. Das IFF-Kolloquium "Produktsicherheit und Rohwarenqualität" hat dafür interessante Ansätze zur Diskussion gestellt.

Das Dioxin-Monitoring bedarf der Fortsetzung, um dadurch den Informationsstand über die Dioxinbelastung bei einigen Futtermittelgruppen zu verfeinern und abzusichern. Dies muss möglichst bald geschehen. Daher wird für die Umsetzung ein pragmatischer Lösungsweg beschritten werden müssen: Probenverteilung und Kostenübernahme durch Branchenbeteiligte nach einem Probenschlüssel, der von den Verbänden erstellt wird.

Die augenblicklichen Diskussionen machen aber immer mehr deutlich, dass längerfristige Lösungen gefragt sind:

o Auf der Unternehmensebene geht es um zukunftsträchtige Qualitätssicherungssysteme, die praxisorientiert sind, eine breite Durchsetzung auf horizontaler Ebene und in vertikaler Hinsicht versprechen und keine Wettbewerbsverzerrungen zwischen den Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft auslösen. Die derzeitigen Diskussionen um GHP bzw. GMP und HACCP sind noch zu wenig transparent und koordiniert, was zum Beispiel die konkreten Inhalte, die Umsetzungen einschließlich neutraler Kontrollen, die entstehenden Aufwendungen und mögliche Vorteile auch im Verhältnis zur ISO 9000 ff angeht. Die nächsten Monate müssen zur Klärung genutzt werden, damit die augenblickliche Verwirrung beseitigt wird. Garantierte Produktsicherheit, Konzentration auf das Wesentliche und gefährdungsgerechte Zuordnung der Verantwortung müssen die Orientierung für eine europäische Lösung sein.

o Für die Futtermittelwirtschaft geht es um die Weiterentwicklung des in Deutschland bestehenden Informations- und Vorwarnsystems in Form der Nutzung von Datenbanken. In der Vergangenheit hat diese Selbsteinrichtung der Wirtschaft insbesondere bei "unerwünschten Stoffen" dazu beigetragen, dass die Belastung erheblich gesenkt werden konnte. Aufgrund der neuen Herausforderungen, die durch einen ganzheitlichen Ansatz gekennzeichnet sind, ist diese Einrichtung auf eine breitere, gesamtverantwortliche Grundlage zu stellen. Konkret: Alle Wirtschaftsgruppen, die an der Rohstoffbereitstellung für die Mischfutterhersteller beteiligt sind, sollten sich entsprechend ihrer Bedeutung an einem Finanzierungspool zur Durchführung problembezogener Untersuchungen beteiligen. Mitbeteiligung würde auch Mitentscheidung bedeuten, das heißt, ein gemeinsames Expertenteam aus allen Gruppen würde zum Beispiel über Untersuchungsinhalte, -durchführung oder -auswertung entscheiden. Die gemeinsame Arbeitsgruppe "Rohstoffqualitäten" im Deutschen Raiffeisenverband und im Fachverband der Futtermittelindustrie hat dieses Konzept soeben verabschiedet. In nächster Zeit wird vor allem zu verdeutlichen sein, dass die Mischfutterhersteller ihre Recycling-Aufgabe nicht ohne Sicherheitsvorkehrungen in den Vorstufen durchführen können. Der Blick nach vorne verspricht für die Futtermittelwirtschaft spannend zu werden, er verheißt auch Gestaltungsmöglichkeiten. Dabei sollte als wichtige Orientierung gelten: Je wirkungsvoller und glaubwürdiger künftige Sicherungsmaßnahmen sind, um so tragfähiger wird auch die Basis für die Bewältigung der Vertrauenskrise durch eine offensive PR-Arbeit sein können.
 

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