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Fakten

Von Hubert Grote , Bonn

Die Futtermittelwirtschaft steht aufgrund der BSE-Krise unverändert im Blickfeld der Öffentlichkeit. Dies wird vermutlich so lange anhalten, bis die Ursache für BSE-Erkrankungen und für deren Übertragungswege geklärt sind. Zahlreiche Gespräche, insbesondere anlässlich der Grünen Woche in Berlin, haben deutlich gemacht, dass wesentliche Fakten entweder nicht bekannt oder in Vergessenheit geraten sind:
- In Deutschland sind die nach Landesrecht jeweils zuständigen Körperschaften des öffentlichen Rechts verpflichtet, die Beseitigung der in ihrem Gebiet anfallenden Tierkörper, Tierkörperteile und Erzeugnisse vorzunehmen und Tiermehle herzustellen. Diese Aufgabe kann an Dritte übertragen werden, die Verantwortung liegt aber bei den staatlichen Körperschaften.
- Die Mischfutterbranche war in der Vergangenheit stets ein erwünschter Abnehmer von Tiermehl. Politik, Wissenschaft und vor allem der bäuerliche Berufsstand haben diesen Verwertungsweg begrüßt und sogar gefordert. Kreislaufwirtschaft, Verbilligung der Fütterung und damit Verbesserung der Ökonomik in der tierischen Produktion waren wichtige Motive.
- "Deutsches Tiermehl ist sicher" - so lautete die Aussage der Wissenschaft (u. a. BgVV-Stellungnahme vom 28. 11. 2000) und der Politik. Diese Feststellung stützte sich auf das seit Jahrzehnten in Deutschland angewandte Druck-Sterilisationsverfahren mit Erhitzung auf mindestens 133 Grad Celsius, bei einer Mindestverweildauer von 20 Minuten und einem Druck von mindestens 3 bar. Die Überwachung dieser Bedingungen erfolgt durch die Veterinärbehörden der Länder. Agrarkommissar Franz Fischler hat jüngst in einem Interview bestätigt, dass bei Einhaltung dieser Standards "keine problematischen Prionen" im Tiermehl enthalten sind.
- Zur zusätzlichen Absicherung der strikten Einhaltung aller Bedingungen des Drucksterilisationsverfahrens haben den Deutschen Verband Tiernahrung (DVT) bereits im Jahre 1997 veranlasst, eine "Garantieerklärung" zur zusätzlichen Qualitätsabsicherung von Tiermehl zu entwickeln. Die Mitgliedsfirmen haben sich folgende Zusatzklausel von den Tierkörperbeseitigungsanstalten unterschreiben lassen: "Wir garantieren hiermit, dass das von uns gelieferte Tiermehl: - ausschliesslich aus Rohmaterial deutscher Herkunft gewonnen wurde, - nicht aus Rohmaterial von Heimtieren stammt, - unter Bedingungen der Drucksterilisation (d. h. mindestens 133 °C, mindestens 20 Minuten, mindestens 3 bar Druck) produziert worden ist und diese Vorschrift fortlaufend mit geeichten Methoden nachweisbar überprüft wird"
- Im Jahre 1994 wurde der Einsatz von Tiermehl im Rindermischfutter europaweit verboten. In Deutschland hat sich durch dieses Verbot nichts geändert. Auch vorher war es aus ernährungsphysiologischen und preislichen Gründen nicht üblich, diese Komponente im Mischfutter für Rinder, was von den Tierhaltern zugekauft worden ist, einzusetzen.
- Das Einsatz-Verbot von Tiermehl im Rindermischfutter ist von den Mischfutterherstellern in Deutschland strikt eingehalten und amtlich überwacht worden. Die Hauptkomponenten für Rindermischfutter, wie zum Beispiel Rapsschrot, Maiskleberfutter, Palmkernexpeller, waren stets deutlich billiger als Tiermehl, so dass überhaupt kein finanzieller Anreiz für eine willentliche Einmischung von Tiermehl bestand.
- Der DVT hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Spurenübertragungen von Tiermehl ins Rindermischfutter unvermeidbar waren. Dies deckt sich mit den Feststellungen der Überwachungsbehörden. Soweit mikroskopisch erfassbar, wurden im vorliegenden Muster tierische Bestandteile (Muskelgewebe, Knochenfragmente in Spuren < 0,5 Prozent festgestellt. Bei diesem Wert handelt es sich um die Bestimmbarkeitsgrenze. Fälschlicherweise wird vielfach unterstellt, dass tatsächlich ein Anteil von 0,5 Prozent ermittelt worden ist.
- Nach dem Verfütterungsverbot vom 1. 12. 2000 haben die Mischfutterhersteller alle Maßnahmen ergriffen, um auch kleinste Spuren der verbotenen Futtermittel in allen Mischfuttersorten zu verhindern. Ein Problem liegt in der mangelnden "Sauberkeit der Rohstoffe", auch aus der heimischen Produktion. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob Spuren von Tiermehl festgestellt werden oder ob es sich um Spuren "tierischer Bestandteile", wie zum Beispiel von Käfern, handelt. Daher ist es dringend erforderlich, dass im Beanstandungsfall eine Identifizierung der ermittelten Bestandteile mittels der PCR-Methode (Polymerase-Kettenreaktion) erfolgt. Ferner müssen Probenahme und Untersuchungen strikt nach gesetzlichen Vorgaben erfolgen und jedes Ergebnis durch Nachuntersuchung bestätigt werden.
- Eine weitere Konsequenz aus der jetzigen und künftigen Situation ist die Neuausrichtung der staatlichen Futtermittelkontrolle. Da in den Mischfutterwerken kein Tiermehl mehr eingesetzt wird (die dort lagernden Mengen sind gesperrt), kann der Eintrag nur durch Rohstoffe erfolgen. Wenn Tiermehl als Gesundheitsgefahr angesehen wird, ist es unverantwortlich, wenn der Staat nicht alles unternimmt, um diese Gefahrenquelle auszuschließen.
In den kommenden Wochen darf man gespannt sein, ob tatsächliche Problemlösungen zur BSE-Problematik in Angriff genommen werden, oder ob Maßnahmen ohne Ursachenbezug als Ausdruck von vermeintlicher Entscheidungskraft den Vortritt haben. Letzteres muß leider befürchtet werden.
 
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