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Richtschnur

Von Hubert Grote, Bonn

Die Futtermittelwirtschaft wird derzeit mit zahlreichen Forderungen konfrontiert. Diese kommen zum überwiegenden Teil aus dem politischen Raum, vereinzelt auch aus den nachgelagerten Wirtschaftsgruppen. In den letzten Wochen und Monaten fällt auf, dass etliche Vorschläge und Forderungen wiederholt erwähnt werden. Es mangelt sowohl an Berücksichtigung des bereits Erreichten, als auch an der kritischen Bewertung der vorgeschlagenen und vorgesehenen Maßnahmen.

Derzeit besteht offenbar Konsens darin, dass Sicherheit, Rückverfolgbarkeit, Transparenz und vorbeugender Verbraucherschutz die herausragenden, anzustrebenden Ziele sind. Folglich sollten alle Maßnahmen und Vorschläge, die sich derzeit in der Diskussion befinden, an diesen Kriterien gemessen werden:

o die Deklarationsform bei Mischfutter ist aktuell in Deutschland durch die Entscheidung des Bundesrates fakultativ geregelt worden. Ein Mischfutterhersteller kann somit entweder offen deklarieren, das heißt, alle Komponenten entsprechend ihrer Bedeutung im Mischfutter in absteigender Reihenfolge angeben oder diese Angaben mit Prozent-Werten versehen. Die deutsche Mischfutterbranche ist sich einig, dass die Angabe von Futtermittelgruppen (kategorisch) nach EU-Recht nicht die notwendige Transparenz am Mischfuttermarkt sicherstellt. Jeder Tierhalter benötigt Informationen darüber, aus welchen Komponenten sein Mischfutter besteht und welche Bedeutung die Einzelfutter haben. Aus diesem Grunde hat sich die Mischfutterbranche bereits im Februar dieses Jahres freiwillig bereit erklärt, auf die Angabe von Kategorien zu verzichten. Die Prozent-Angaben - so hat EU-Kommissar David Byrne völlig zu Recht gesagt - haben keinen Gesundheitswert. Auch die Erwartungen hinsichtlich Verbesserung der Transparenz sind völlig überhöht, weil beispielsweise über die Qualität der Rohstoffe nichts ausgesagt wird und die Angaben nicht hinreichend kontrolliert werden können. Der Beweis dafür ist wiederholt erbracht worden.

o die Positivliste - vielfach gefordert - ist für die Mischfutterhersteller in Deutschland nichts Neues, es hat sie bis 1997 gegeben und ist dann gegen den Willen der Branche von Brüssel abgeschafft worden. Bereits Ende April dieses Jahres hat die "Normenkommission" ihre Arbeit zur Erstellung einer vollständigen Auflistung aller Einzelfuttermittel, die künftig in der Nutztierfütterung eingesetzt werden dürfen, aufgenommen. Es ist notwendig, dass in diesen Katalog auch unverzichtbare, auf wissenschaftlicher Basis ermittelte Sicherheitskriterien eingebaut werden, die amtlicherseits zu überprüfen sind. Hieran hat es in der Vergangenheit gehapert. Andererseits ist zu hoffen, dass es nicht zu einer Überfrachtung der Liste kommt: Die Festlegung von Qualitätskriterien hinsichtlich des Futterwertes sollte man den Wirtschaftsbeteiligten selbst in Eigenverantwortung überlassen. Die besondere Herausforderung des Expertengremiums liegt darin, diese Trennungslinie auch im Interesse einer zügigen Arbeit einzuhalten, zumal dieses Regelwerk nicht starr sein darf, sondern laufend überprüft werden muss.

o der freiwillige Verzicht auf die derzeit noch zugelassenen vier antibiotischen Leistungsförderer berührt vor allem folgende Gesichtspunkte: Wissenschaftliche Erkenntnis, Tiergesundheit und Wettbewerbsfähigkeit. Der wissenschaftliche Lenkungsausschuss bei der EU-Kommission hat jüngst festgestellt, dass keine Bedenken gegen den Einsatz der vier Produkte bestehen. Daher hat die EU-Kommission dieses Thema auf 2005/06 terminiert. Die Auswirkungen eines Verzichtes auf Tiergesundheit einschließlich vermehrten Einsatzes von Tierarzneimitteln und Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit betreffen in erster Linie die Tierhalter. Die Mischfutterhersteller haben sich längst auf die Erfordernisse des Marktes eingestellt und erfüllen die Kundenwünsche, allerdings unter Inkaufnahme einer stark aufgeblähten Vielfalt bei den angebotenen Mischfuttersorten.

o der Aufbau einer "gläsernen Produktionskette" für den Fleischbereich ist als Eigeninitiative aller beteiligten Wirtschaftskreise in Angriff genommen worden. Der Futtermittelsektor hat sich in dieses Vorhaben sehr aktiv eingebracht und bereits wertvolle "Hausaufgaben" geleistet. Derzeit dürften in Deutschland rund 80 Prozent der Mischfutterherstellung aus Betrieben mit ISO-Zertifizierung stammen. Dieses Qualitätssicherungssystem gilt es zu verbreitern und gezielt auszubauen. Die noch laufende Anerkennung von Mischfutterbetrieben enthält wesentliche Elemente, die den Anforderungen an eine Zertifizierung nahe kommen. Auf dieser Basis ist bereits ein Konzept zur Festlegung und Kontrolle sicherheitsrelevanter Faktoren festgelegt worden. Dieses Qualitätssicherungsprogramm ist in das stufenübergreifende Dokumentations- und Kontrollprogramm einzubringen. Die Futtermittelwirtschaft ist davon überzeugt, dass diese über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehende Selbstverpflichtung der Wirtschaft zur Rückgewinnung und Festigung des Verbrauchervertrauens bei Fleisch dient.

o der Aufbau eines Untersuchungspools für Futtermittel ist eine konsequente Fortführung und Weiterentwicklung der Datenbanken, die der "Deutsche Verband Tiernahrung" in den achtziger Jahren als Maßnahme zum vorbeugenden Verbraucherschutz aufgebaut hat. Diese Einrichtung hat durch die gezielte Auswahl von Rohstoffen dazu beigetragen, dass die Belastung mit unerwünschten Stoffen in Mischfutter deutlich reduziert werden konnte. Das jetzt vorliegende zweite Dioxin-Monitoring ist eine wertvolle Ergänzung. Der Ausbau dieser Einrichtung muss im Interesse aller Rohstofflieferanten für die Mischfutterhersteller liegen. Das sind zu über 60 Prozent die verschiedenen Zweige der Ernährungsindustrie mit zahlreichen Nebenerzeugnissen aber auch die Getreideproduzenten. Eine gemeinsame Entscheidung über vorausschauende Untersuchungsinhalte und Finanzierung ist als Vorhaben zur Komplettierung des vorbeugenden Verbraucherschutzes weiter zu verfolgen und zu konkretisieren.

Die Darstellung verdeutlicht, dass die Wirtschaftsbeteiligten selbst schon einiges auf den Weg gebracht haben und als eigenständige Idee weiter verfolgen. Die Berücksichtigung und Wertung dieser Initiativen sollten Richtschnur für politisches Handeln sein.
 
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