Dagmar Behme zur Agrarspekulation

Deutsche Banken verabschieden sich nach und nach von Indexfonds, die Preisentwicklungen von Getreide und Ölsaaten abbilden. Seit Mittwoch sammelt die Organisation Foodwatch, die sich dem Verbraucherrecht auf angemessene Nahrung verschrieben hat, im Internet Unterschriften, um auch den Platzhirsch Deutsche Bank zum Ausstieg zu drängen. Fast 10.000 Sympathisanten sind bis Donnerstagnachmittag zusammengekommen.

Nachdem Foodwatch mit dem gleichen Ansinnen im Oktober 2011 noch von Josef Ackermann vertröstet worden war, soll jetzt das Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen die nach Ansicht der Verbraucherschützer „unmoralische Nahrungsmittelspekulation“ beenden. Die Chancen stehen gut – die Bank hat genug Anlass, ihr Image aufzupolieren. Der Schritt wäre jedoch lediglich Kosmetik. Für internationale Finanzinvestoren sind deutsche Befindlichkeiten nicht ausschlaggebend.

Die globalen Investmentbanken wie Goldman Sachs sind zwar ebenfalls mit der Nahrungsmittelkrise 2008 in die Schusslinie geraten. Daraufhin hatten rund um den Globus alle renommierten Organisationen, die sich der Welternährung oder der Entwicklungshilfe verpflichtet fühlen, eingehend den Zusammenhang zwischen Finanzspekulation und Lebensmittelpreisen analysiert. Für die Studien gilt: Je umfangreicher die Veröffentlichungen, desto dünner die brauchbaren Ergebnisse. Die Politik übt sich seither in Rat- und Tatenlosigkeit. Seitenlange Abschlusserklärungen zahlloser Welternährungsgipfel enthalten lediglich Appelle, exzessive Agrarspekulanten in die Schranken zu weisen und mehr Transparenz an den Märkten zu schaffen.

Unterdessen gedeiht die Spekulation an den Finanzmärkten weiter. Zurzeit bieten Währungen von ökonomisch angeschlagenen Ländern spannenderes Futter für Kurswetten als Rohstoffe. Getreide und Ölsaaten tragen im Handel mit Rohstoffderivaten ohnehin weniger als 2Prozent zum Gesamtumsatz bei. Die Musik spielt auch nicht an deutschen Finanzplätzen, sondern in der Londoner City oder an der Wall Street. Selbst wenn dort weniger mit Agrarrohstoffen spekuliert würde, nähme die Volatilität an diesen Märkten nicht ab. Rohölnotierungen oder Dollarkurs bestimmen oft wesentlich stärker die Agrarpreise als fundamentale Daten. Das gilt selbst im aktuellen Dürresommer. Anders als vor fünf Jahren hat er auch keine globale Spekulationsdebatte wiederbelebt – stattdessen wurde „Tank versus Teller“ neu aufgebrüht.

Foodwatch wird dessen ungeachtet seine Kampagne fortsetzen. Doch selbst wenn in Deutschland keine Agrarindexfonds mehr im Angebot sind, müssen deutsche Agrarunternehmen nicht um die landwirtschaftliche Expertise ihrer Geschäftsbanken fürchten. Finanzinstitute, die sich mit fundierten Kenntnissen der Agrarmärkte Ansehen erworben haben, bauen diesen Ruf eher noch aus. Manche Analysten sind sogar froh, wenn das eigene Haus keine kurzfristigen Agrarpreiswetten mehr anbietet. Dem Ruf viel dienlicher sind fundierte Prognosen von Trends, auf denen sich solide langfristige Kapitalanlagen bauen lassen. Zu diesen Trends gehört auch eine höhere Preisvolatilität, die global verflochtene und dynamische Agrarmärkte mit sich bringen.
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