Landwirte können Einkommensrisiken auf verschiedenen Wegen minimieren

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OECD-Studie zeigt Möglichkeiten im internationalen Vergleich - Weniger staatliche Hilfe fordert mehr Risikomanagement

28. April 2001; Dagmar Rees, Frankfurt a. M.

Mit Einkommensrisiken muss jeder Unternehmer und damit auch jeder Landwirt leben. In Europa zeigen ganz aktuell die Tierseuchen und ihre Bekämpfungsmaßnahmen wie Sperrgebiete und Transportverbote, wie schnell ein sicher geglaubtes Einkommen gefährdet sein kann. Zur Betriebsführung gehört deshalb auch ein Management der Einkommensrisiken. Eine Studie der OECD (Organization for Economic Cooperation and Development), Paris, untersuchte verschiedene Möglichkeiten, Einkommensverluste zu minimieren, und zeigt länderspezifische Besonderheiten.

Die Studie sieht es in erster Linie als Aufgabe des Landwirtes als Unternehmer an, seine Einkommensrisiken zu beherrschen. Dabei gibt es keinen für alle gültigen Weg. Vielmehr müssen die Instrumente je nach betrieblichen Gegebenheiten eingesetzt werden. Der Staat sollte sich darauf beschränken, eine gesunde Unternehmensumgebung zu schaffen. Dazu kann er mit klarer Gesetzgebung und funktionierenden Märkten beitragen. Im Augenblick ist die Rolle des Staates noch wesentlich größer. In den meisten Industrieländern gibt es eine Einkommensabsicherung für Landwirte über die jeweilige Agrarpolitik. Die Experten der OECD gehen jedoch davon aus, dass das Sicherungsniveau in Zukunft sinken und damit die einzelbetriebliche Verantwortung steigen wird.

Risikomanagement im Betrieb setzt voraus, mögliche Risiken zu erkennen und ihre Folgen für das Einkommen abzuschätzen. Landwirte unterliegen dabei einer Vielzahl von Risiken, die im Endeffekt ein Einkommensrisiko darstellen:

- Produktionsrisiken: ergeben sich aus Wetterkatastrophen, Krankheiten, Seuchen oder technologischen Veränderungen wie beispielsweise der Gentechnik;
- Ökologische Risiken: Verschmutzung, Erosion, Änderung der Wasserverfügbarkeit oder Klimaveränderungen;
- Marktrisiken: ergeben sich aus Veränderungen der Betriebsmittel- und Erzeugerpreise. Zu ihnen zählen jedoch auch geänderte Qualitäts- und Lieferbedingungen oder das Aufkommen neuer Produkte, die den Absatz der bisherigen Produkte beeinträchtigen;
- Institutionelle Risiken: umfassen alle Probleme, die sich aus dem Einfluss des Staates auf die Landwirtschaft ergeben können, unter anderem Umweltbestimmungen oder lebensmittelrechtliche Vorschriften.

Diese Einkommensrisiken sind je nach Land oder Region unterschiedlich hoch. Weitgehend deregulierte Märkte haben ein geringes institutionelles Risiko, statt dessen sind jedoch die Marktrisiken hoch. Entsprechend unterschiedlich sind die möglichen Instrumente des Risikomanagements. Die Studie geht detailliert auf die häufigsten Risikominimierungsstrategien ein.

Gesunde Finanzierung äußerst wichtig

Eine gesunde Finanzierung stellt für viele Landwirte eine wichtige Strategie der Risikominimierung dar. Dazu gehört ein geringes Schulden/Vermögens- Verhältnis sowie ausreichende Liquidität. Die Studie zeigt, dass in der Tendenz jene Betriebe die geringsten Schulden haben, die die größten Umsätze erzielen. Im internationalen Vergleich sind die Landwirte in Ländern wie Australien, Kanada, Deutschland, Großbritannien und USA mit 10 bis 15 Prozent Schulden im Verhältnis zu den Vermögenswerten stabiler finanziert als in Ländern wie Dänemark mit 58 Prozent Schuldenrate, Niederlande (30 Prozent) und die Schweiz (42 Prozent). Mit weniger als 5 Prozent sehr gering verschuldet sind Betriebe in Griechenland, Spanien, Irland und Italien.

Bei der Diversifizierung wird das Einkommen über verschiedene Produkte erzielt, die ein unterschiedliches Risikoprofil haben, so dass ein Schadensfall bestenfalls nur einen Teil der Produktion trifft. Zur Diversifizierungsstrategie gehören auch außerlandwirtschaftliche Einkommen wie Arbeitseinkommen von Familienmitgliedern, aber auch Einkommenszahlungen von staatlicher Seite. Die Studie weist darauf hin, dass die Einkommensdiversifizierung traditionell ein wichtiges Instrument auf den Betrieben war, sie aber durch produktbezogene agrarpolitische Maßnahmen verdrängt wurde, so dass in vielen Industrieländern inzwischen weitgehend spezialisierte Betriebe vorherrschen. Rationaliserungsgewinnen durch Spezialisierung steht dabei ein höheres Einkommensrisiko im Krisenfall gegenüber. Ein europaweiter Vergleich zeigt, dass die Landwirte unterschiedlich stark von ihrem Einkommen aus der Landwirtschaft abhängen: In Deutschland und der Schweiz stammen mehr als 80 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens landwirtschaftlicher Betriebe aus der eigentlichen Landwirtschaft, in Schweden oder Finnland sind es weniger als 40 Prozent.

Einfluss auf das Risikoniveau haben auch die Produktionstechniken. Ihre Auswirkungen auf Ertrag und Rentabilität sind gegen ihr Risikopotenzial abzuwägen. Das Risiko verkleinert sich, wenn die Produktionstechnik Alternativen erlaubt: eine breite Zeitspanne für die Bodenbearbeitung und Pflanzenbehandlung, Beregnung bei Trockenheit, Zufütterung, wenn der Weidegang ausfallen muss, oder Belüftung, wenn die Stallklimatisierung defekt ist. Sind keine Alternativen möglich, muss das gewählte Produktionsverfahren gegen Risiken weitmöglichst abgesichert sein, zum Beispiel durch entsprechende Hygiene in großen Ställen oder die Aussaat angepasster Sorten in windbruchgefährdeten Gebieten.

Art und Weise der Vermarktung

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Vermarktungstechniken, die Einkommen sicherer machen. Strategien sind beispielsweise die Lagerung mit der Möglichkeit des Verkaufs über das ganze Jahr hinweg, das Arbeiten mit mehreren Handelspartnern, die Mitgliedschaft in Erzeugergemeinschaften, der Vertragsanbau und die vertikale Integration oder die Absicherung der Produktion an Warenterminbörsen. Lagerung vermindert saisonale Marktrisiken, während eine Einbindung in die Lebensmittelkette das Risiko entlang dieser Kette verteilt. Das Risiko nimmt für den Erzeuger von Vorverträgen über Vertragsanbau hin zur vollen Integration in die Kette, das heißt den Auftragsanbau, ab. Beim Hedgen der eigenen Produktion an der Börse wird das Risiko auf Spekulanten übertragen, die in der Hoffnung auf einen Gewinn ein höheres Risiko akzeptieren. Es bleiben jedoch noch Restrisiken für den Landwirt. Zum einen kann ein Nachschießen bei der Sicherungsmarge notwendig werden. Zum anderen ist bei Terminverkauf die tatsächliche Erntemenge noch nicht bekannt.

Kriterien für Versicherungen

Bei Versicherungen wird ein Risiko auf viele Schultern verteilt. Damit ein Risiko versicherbar ist, muss es zufällig auftreten und berechenbar sein. Die Schadensfälle dürfen sich untereinander nicht verursachen. Solche Risiken wie Hagel und Feuer können privatwirtschaftlich versichert werden. Katastrophenfälle sind schon schwerer über den Markt versicherbar, da sie im Schadensfall gehäuft auftreten und sehr hohe Kosten verursachen, in der Regel werden jedoch Versicherungen gegen Sturm und Überschwemmung angeboten. Auch Tierseuchen zählen zu den schwerer versicherbaren Risiken, weil sie sich gegenseitig verursachen. In vielen Industrieländern beteiligt sich der Staat an den Versicherungen.

Die meisten Industrieländer fangen die Landwirte durch ein staatliches Sicherheitsnetz auf. Eine Messgröße für das Engagement des Staates ist der Production Support Estimate (PSE), der die Höhe der Gesamtsubventionen ins Verhältnis setzt zu dem Gesamtwert der landwirtschaftlichen Produktion. In der Schweiz mit einem PSE von 70 erzielen die Landwirte nur noch 30 Prozent ihres Einkommens aus der klassischen Produktion. Ihr Marktrisiko ist geringer, ihr institutionelles Risiko - je nach Einschätzung der politischen Lage in der Schweiz - relativ hoch. Das Stützungsniveau in der EU liegt bei knapp 45 Prozent, in den USA bei knapp 20 Prozent und in Neuseeland und Australien unter 5 Prozent. Am häufigsten erfolgt die Subvention über Mechanismen, die am Marktpreis ansetzen, jedoch nehmen produktionsunabhängige Direktzahlungen zu. Ein hoher oder niedriger PSE bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Risikoabsicherung über den Staat entsprechend hoch oder gering ist. Vielmehr sagt diese Messgröße, bei der nur die eingesetzten Gelder mit dem Gesamtwert der Produktion verglichen werden, etwas aus über die Effektivität der Maßnahmen aus. So sichern beispielsweise Kanada oder die USA, die ein niedriges Stützungsniveau haben, Ertragsverluste wegen Wetter und sonstigen Katastrophen zu 70 bis 90 Prozent ab. Diese Ertragsversicherungen werden staatlich unterstützt. Die Bedeutung des Risikomanagements nimmt zu, wenn das staatliche Stützungsniveau sinkt. So ist es kein Zufall, dass Staaten wie Neuseeland, Australien und USA auf die Unterstützung der Landwirte bei einem vernünftigen Risikomanagement setzen. Sie sehen dies als die langfristig effektivere und kostengünstigere Methode, Agrareinkommen zu sichern, als über produktionsbezogene Marktstützungselemente.

Buntes Muster an Verhaltensweisen

Landwirte sind risikoavers, stellen die Autoren der Studie fest, das heißt sie stehen lieber auf der sicheren Seite. Wie sie dies erreichen, kann sehr vielgestaltig sein. Eine ausführlichere Untersuchung des Risikomanagements auf kanadischen Betrieben zeigte ein buntes Muster an Verhaltensweisen. Die kanadische Studie versuchte dabei unter anderem, Risikotypen wie "traditioneller Landwirt" oder "risikofreudiger Selbstständiger" herauszuarbeiten. Eine Befragung bei Farmern in den USA zeigte, dass auch regional die Risikoeinschätzung sehr unterschiedlich ist. Befragt, für wie wahrscheinlich sie es halten, mit einer Kombination von Vorvertrag und Versicherung einen Erlös von weniger als 70 Prozent des erwarteten Erlöses zu erreichen, zeigte sich, dass die Farmer in Illinois und Iowa dieser Instrumentenkombination restlos vertrauten. Farmer in North Carolina und South Dakota hingegen befürchteten immer noch ein Restrisiko. Einig waren sie sich nur darin, dass sie bei einem direkten Verkauf aus der Ernte die höchsten Einkommensverluste fürchteten.
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