Landwirte können vom liberalisierten Strommarkt profitieren

1

Verbände bieten ihren Mitgliedern günstige Sonderkonditionen an - Konzepte länderspezifisch - Gewünschte Preistransparenz noch nicht erreicht

8. September 1999; Dagmar Rees, freie Mitarbeiterin der Agrarzeitung Ernährungsdienst, Frankfurt am Main

Das Energiewirtschaftsgesetz deregulierte schon seit 1998 den Strommarkt. Zukünftig soll es keine Monopole regionaler Energieversorgungsunternehmen geben. Die Endabnehmer sollen sich frei zwischen den Anbietern entscheiden können. Über ein Jahr blieb diese Liberalisierung im praktischen Leben unbeachtet, da die Umsetzung nur auf sehr große Stromverbraucher abzuzielen schien. In diesem Sommer "explodierte" dann der Strommarkt, als sich das neue Stromunternehmen "Yello" mit günstigsten Tarifen direkt an Endverbraucher wandte - Anlass für die landwirtschaftlichen Berufsverbände, sich um Sonderkonditionen für ihre Klientel zu kümmern. Die Konzepte gestalten sich dabei länderspezifisch sehr unterschiedlich. Was "Yello" für den Strommarkt insgesamt auslöste, bewirkte der Bundesverband der Maschinenringe (BMR) für den landwirtschaftlichen Sektor. Sein Angebot eines bundesweiten Sondertarifes für Landwirte brachte Bewegung in die Bemühungen der Verbandsorgane, ihre Mitglieder über Sonderkonditionen beim Strom an den eigenen Verband zu binden. Der BMR arbeitet mit dem Energiekonzern Preussenelektra zusammen. Die vereinbarten Konditionen, die schon im Sommer bekannt wurden, setzten Maßstäbe für die Landwirtschaft (alle Preise netto, aber inklusive Stromsteuer, Konzessionsabgabe muss hinzugerechnet werden): 17 Pf/kWh beim Eintarifzähler, beim Zweitarifzähler 18,2 Pf/kWh tagsüber und 11,90 Pf/kWh nachts, bei Zählern mit Leistungsmessung 14,10 Pf/kWh tagsüber und 9,4 Pf/kWh nachts plus verbrauchsabhängiger Leistungspreis von 2,50 DM/Lw (Leistungswert zur Ermittlung des Spitzenbedarfs) und Jahr bei 96-h-Messung oder 150 DM/kW und Jahr bei 1/4 Stunden Leistungsmessung. Der BMR übernimmt dabei für Preussenelektra auch die gesamte Abrechnung.

Inzwischen sind in vielen Bundesländern über die Landesbauernverbände Rahmenverträge mit den unterschiedlichsten Anbietern abgeschlossen worden. Dabei wurde eine Vielzahl an Modellen gefunden: Von prinzipiell ausgehandelten Rabatten über zur Wahl stehenden Sondertarifklassen bis hin zur alleinigen Abrechnung der Menge zu gestaffelten Preisen. Das Ziel der Liberalisierung, Preistransparenz zu erhöhen, ist bisher noch nicht erreicht. Allerdings sind spürbare Preisnachlässe für die Landwirte ausgehandelt worden.

Knackpunkt ist die Durchleitung

Die Verhandlungen wurden und werden zu einer Zeit geführt, in denen die Rahmenbedingungen des künftigen Strommarktes noch nicht endgültig festliegen. Augenblicklicher Knackpunkt ist der Preis der sogenannten Durchleitung, das heißt die Auflage des neuen Energiewirtschaftsgesetzes, dass ein Energieversorgungsunternehmen einem anderen im Prinzip die Durchleitung von Strom nicht verweigern kann. Allerdings muss ein Durchleitungspreis gezahlt werden, der in der Höhe augenblicklich noch nicht feststeht.

Problematisch ist bei der Durchleitung unter anderem, dass nicht nur bekannt sein muss, wie viel Strom ein Abnehmer insgesamt pro Jahr verbraucht, sondern auch, wie viel Leistung im jeweiligen Augenblick gebraucht wird. Denn bei der Durchleitung soll nur jeweils so viel Strom fließen, wie verbraucht wird. Um die erforderliche Leistung zu ermitteln, müssten alle Stromabnehmer über einen Leistungsmesser verfügen, aus dem abzulesen ist, wie viel Strom in jedem Augenblick gebraucht wird. Bisher verfügen jedoch nur Stromabnehmer, die in Sonderverträgen gebunden sind, über solche Leistungsmesser. Auch in der Landwirtschaft oder im ländlichen Gewerbe sind die Leistungsmesser nicht mehrheitlich verbreitet. Sollte die Frage des jeweiligen Leistungsbedarfs exakt gelöst werden, müsste jeder Haushalt oder jeder Landwirt bei Wechsel des Stromlieferanten einen Leistungszähler installieren. Da dieser Investitionsbedarf den Wettbewerb der Stromlieferanten zugunsten der bisherigen Anbieter beeinflusst, wird im Rahmen der Verbände-Vereinbarung augenblicklich über standardisierte Kundenprofile verhandelt, sogenannte synthetische Lastgangskurven. Stehen diese fest, kann auch der Durchleitungspreis verhandelt und festgelegt werden.

Eine gesetzliche Wettbewerbsbeschränkung betrifft die neuen Bundesländern. Hier gilt bis Ende 2003, dass ein Energieversorgungsunternehmen vor Ort die Durchleitung von Strom ablehnen kann, wenn dadurch die Verstromung von Braunkohle nicht mehr ausreichend gewährleistet ist. Diese Bestimmung schränkt die Bauernverbände in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen in ihren Verhandlungsmöglichkeiten gegenüber anderen Bauernverbänden ein.

Stand der Verhandlungen

Schleswig-Holstein : Der Bauernverband Schleswig-Holstein hat für seine Mitglieder, die einen Leistungszähler haben und ihren Strom per Sondervertrag beziehen, eine Halbierung des Preises für gemessene Leistung erreicht. Dieser Sondervertrag hat eine Laufzeit von zwei Jahren. Für die Landwirte als Tarifkunden gehen die Verhandlungen weiter. Erster Ansprechpartner war in Schleswig-Holstein der örtliche Versorger, die Schleswag. Hintergrund dieser Entscheidung waren Fragen der Versorgungssicherheit und des Wegfalls der Notwendigkeit für die landwirtschaftlichen Betriebe, ihre Stromverträge zu kündigen. Allerdings werden jetzt auch auswärtige Anbieter mit in die Gespräche aufgenommen, da der Verband mit den bisherigen Verhandlungsergebnissen nicht zufrieden ist.

Mecklenburg-Vorpommern : Der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. schloss schon im Mai 1999 eine Rahmenvertrag mit einem regionalen Stromversorger, der Wemag, ab. Dieser besagt im wesentlichen, dass Mitglieder des Landesbauernverbandes quer durch alle Tarife sowie Sondervertragskunden rund 10 Prozent Rabatt auf ihren Tarif erhalten. Dieser Rahmenvertrag ist augenblicklich auf das jetzige Gebiet des Energieversorgungsunternehmens begrenzt. Erweiterungen werden jedoch nicht ausgeschlossen. In den Einzugsbereich dieses Vertrages fallen augenblicklich 1 500 landwirtschaftliche Betriebe. Gleichzeitig laufen Verhandlungen mit einem weiteren regionalen Energieversorger, der Edis, einer kürzlich erfolgten Fusion von fünf Energieversorgungsunternehmen (zwei aus Mecklenburg-Vorpommern, drei aus Brandenburg). Ziel ist, in ihrem Einzugsbereich ähnliche Konditionen wie bei der Wemag zu erreichen. Aufgrund der Sonderregelungen für Verstromung der Braunkohle ist der Landesverband auf die Zusammenarbeit mit den regionalen Stromerzeugern angewiesen.

Brandenburg : In diesem Bundesland wurde bei Redaktionsschluss aktuell mit Energieversorgern verhandelt.

Niedersachsen : In Niedersachsen werden die Verhandlungen um Sondertarife für die Landwirtschaft augenblicklich auf regionaler Ebene durch die Kreisbauernverbände mit den jeweiligen Energieversorgungsunternehmen geführt. Für ganz Niedersachsen sollen Verhandlungen erst dann geführt werden, wenn die Durchleitungsbedingungen und der Durchleitungspreis für Strom geklärt sind und bei überregionalen Angeboten abgesichert ist, "dass der Strom auch wirklich fließt".

Sachsen-Anhalt : Der Landesbauernverband Magdeburg erwartet in den nächsten Tagen die Angebote über Sonderkonditionen für die Landwirtschaft von den beiden regionalen Versorgern Meag und Enercom. Natürlich werden wettbewerbsgerechte Preise angestrebt. Außerdem soll Bestandteil der Verträge sein, dass Landwirte, die sich außerhalb einer möglichen Rahmenvereinbarung schon vertraglich gebunden haben, in den eventuell günstigeren Tarif überwechseln können. Nordrhein-Westfalen : Der Rheinische-Landwirtschaftsverband befindet sich noch in Verhandlungen mit etlichen Anbietern. Erste Ergebnisse sollen sich Mitte dieser Woche abzeichnen.

Westfalen-Lippe : Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband wählte den Weg der Ausschreibung. Rund 5 000 Landwirte bilden einen Nachfragepool mit rund 200 Mio. kWh Stromverbrauch pro Jahr. Auf die Ausschreibung werden Angebote bis Mitte des Monats erwartet. Dabei wurde den Energieversorgungsunternehmen überlassen, die Details auf den landwirtschaftlichen Bedarf zuzuschneiden. Die Laufzeit der abzuschließenden Verträge wurde noch nicht festgelegt, sie soll ein Jahr jedoch nicht überschreiten. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband sieht seinen Strompool ausdrücklich offen auch für gewerbliche Verbraucher im ländlichen Raum. Die Form der Ausschreibung wurde als "marktwirtschaftlichster" Weg gewählt, einen Strompreisvergleich zu erhalten. Bei der Ausschreibung sollen besonders örtliche Anbieter vor dem Hintergrund der Versorgungssicherheit zum Zuge kommen. Doch soll dies nicht auf Kosten der Preiswürdigkeit geschehen.

Sachsen : In Sachsen befindet sich der Sächsische Landesbauernverband noch in der Verhandlungsphase mit zwei regionalen Anbietern, der Energieversorgung Sachsen-Brandenburg und der Energieversorgung Sachsen Ost AG. Von beiden Energieversorgungsunternehmen liegen jedoch nach Aussage des Landesbauernverbandes noch keine verbindlichen Angebote vor. Deshalb werden diese Woche neue Verhandlungen mit den Bayernwerken aufgenommen in der Hoffnung, dass ein Weg gefunden wird, den Vorrang der Braunkohle und damit das faktische Monopol der regionalen Energieversorgungsunternehmen in den neuen Bundesländern zu brechen.

Thüringen : In Thüringen können Mitglieder des Thüringer Bauernverbandes ab 1. Oktober einen Bonus auf ihre jeweiligen Tarife geltend machen. Dabei handelt es sich um einen Bonus von 10 Prozent bei Haushaltstarifen, von 6 Prozent beim Gewerbetarif und von 5 Prozent bei Sondertarifen (rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe). Ein entsprechender Rahmenvertrag wurde Anfang September vom Thüringer Bauernverband mit der Thüringer Energie AG (Teag) abgeschlossen. Diese Sonderkonditionen gelten vorerst nur für Landwirte, die Kunden der Teag sind. Nach Aussage des Landesbauernverbandes sei dies der Großteil der Landwirte Die Teag bemühe sich außerdem, die Sonderkonditionen auch mit anderen, regionalen Energieversorgungsunternehmen auszuhandeln.

Hessen : Seit 1. September 1999 gilt für hessische Landwirte ein Vertrag des Hessischen Bauernverbandes mit der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland (EAM), Kassel. Landwirtschaftliche Abnehmer können dabei zwischen drei Tarifen (alle brutto) wählen: 20 Pf/kWh bei einer monatlichen Grundgebühr von 18 DM (entspricht dem Haushaltstarif der EAM); 22,74 Pf/kWh bei einer Grundgebühr von 5,22 DM/Monat und einem gespaltenen Schwachlasttarif mit 23,90 Pf/kWh Tagtarif und 13,92 Pf/kWh Nachttarif bei einer Grundgebühr von 9,28 Pf/kWh monatlich. Dabei gilt eine halbjährliche Kündigungsfrist.

Rheinland-Pfalz : Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau hat für seine Landwirte einen Vertrag mit der RWE Energie AG mit einer Laufzeit bis zum Ende Dezember 2002 geschlossen. Die RWE ist über ihre Vertriebspartner vor Ort der größte Anbieter im Gebiet des Landesbauernverbandes. Bei den neuen Sondertarifen für die Landwirtschaft werden alle unterschiedlichen Tarifarten inklusive der Leistungsmessung abgeschafft. Es gelten nach Abnahmemenge gestaffelte Strompreise (ohne Stromsteuer und Umsatzsteuer): für die ersten 5 000 kWh ein Preis von 17,5 Pf/kWh, für die weiteren 10 000 kWh 17,0 Pf/kWh und für alle weiteren kWh 16,0 Pf/kWh. Die Sonderkonditionen gelten nur für Mitglieder des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau. Der Vertrag gilt ab 1. September 1999.

Baden-Württemberg : Die Arbeitsgemeinschaft der Bauernverbände Baden-Württembergs versucht, mit Stromerzeugern einen Tarif für ganz Baden-Württemberg auszuhandeln. Verhandlungen, die seit Frühjahr dieses Jahres mit einem regionalen Anbieter geführt wurden und kurz vor der Unterschrift standen, kamen jedoch ins Stocken, als "Yello" mit Tarifen für Privatkunden auf den Markt kam, die die bisher ausgehandelten Tarife unterboten. Augenblicklich werden weitere Verhandlungen mit regionalen wie überregionalen Anbietern geführt.

Bayern : Der Bayerische Bauernverband, München, schloss für seine Mitglieder Rahmenverträge mit regionalen Stromversorgern ab. Dabei handelt es sich um die Bayernwerke AG, die Lech-Elek-trizitätswerke AG, das Fränkische Überlandwerk sowie die Thüga, eine Bayernwerke-Tochter in Thüringen. Kernpunkt der Vereinbarungen ist, dass Mitglieder des Bayerischen Bauerverbandes rückwirkend ab 1. Juli 1999 einen gestaffelten Preisbonus auf den allgemeinen Tarif in Anspruch nehmen können: ab 1. Juli ein Bonus von 6,0 Pf/kWh, ab 1. August von 8,2 Pf/kWh, ab 1. Oktober von 9 Pf/kWh. Nicht rabattfähig sind Strommengen für Raumheizungen, Wärmepumpen und Sonderverträge. Voraussetzung für die rückwirkende Gewährung der Boni ist, dass die Landwirte bis 30. September 1999 ihre Verträge unterzeichnen. Nutznießer sollen nur Mitglieder des Bayerischen Bauernverbandes sein, die ihre Beiträge gezahlt haben und dem Stromlieferanten eine Einzugsermächtigung erteilen. Die Laufzeit des Vertrages reicht bis 30. Dezember 2000. Enthalten ist eine Öffnungsklausel, die, sollte sich der Marktpreis nach unten entwickeln, eine kurzfristige Kündigung der Verträge erlaubt. Ab welchem Prozentsatz diese Klausel greift, steht allerdings noch nicht fest. Bis Anfang September hatten rund 20 000 von 175 000 Mitgliedern des Bayerischen Bauernverbandes entsprechende Verträge unterzeichnet. Dies entspricht einer Stromliefermenge von 250 Mio. kWh.
stats