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ED-Interview: Andreas Rickmers, Vizepräsident Cargill International SA

Agrarzeitung Ernährungsdienst 29. Mai 2009; Von Hermann Steffen, Bonn

Die Getreide- und Ölsaatenmärkte 2009/10 sind derzeit freundlich gestimmt. Langfristige Preisprognosen lassen sich jedoch nach der Überzeugung von Andreas Rickmers, Leiter des Getreide- und Ölsaatengeschäfts von Cargill in West- und Osteuropa, kaum treffen.

Ernährungsdienst: Vor der neuen Getreideernte suchen die Märkte nach Orientierung. Wo könnte die Reise in Europa hingehen?

Rickmers: Trotz der kleineren Ernte bleibt die Versorgungslage sehr gut, denn in der Landwirtschaft und im Erfassungshandel befinden sich zum Ende der Saison größere Mengen als im Vorjahr. Durch die Trockenheit in Südamerika und Osteuropa ist die Tendenz freundlicher, sodass wir derzeit von keinen größeren Interventionsandienungen mehr ausgehen. Der Weizenverbrauch in Europa wird zwar unverändert bleiben. Der Export wird jedoch zurückgehen und wir rechnen auch 2009/10 wieder mit großen Endbeständen. Obwohl generell die Nachfrage in Nordafrika rückläufig ist, sollte deutscher Weizen gute Exportchancen nach Saudi-Arabien haben, da den Schwarzmeerländern die Qualitäten fehlen.

Worauf müssen die Landwirte achten?

Rickmers: Die Landwirte müssen den weltweiten Maismarkt beobachten. Mais ist knapper als Weizen und durch die Ethanolnachfrage eng verknüpft mit dem Energiesektor. Wenn es bei der Maisernte in Amerika zu Problemen kommt oder der Rohölpreis signifikant steigt, werden die Preise über die Futtermittel auch die Weizenpreise beeinflussen.

Wer hat die größeren Chancen, sich am Ölsaatenmarkt durchzusetzen: Bulle oder Bär?

Rickmers: Zurzeit bevorzuge ich eher den Bullen. Wir haben freundliche Preise an der Matif, die generellen Wirtschaftsdaten bessern sich etwas, die Rohölpreise tendierten leicht nach oben und die Fonds bauen wieder Long-Positionen auf. Dies alles spricht kurz- und mittelfristig für eine Stützung der Ölsaaten. Bullisch sind auch die niedrigeren Rapsernten in Osteuropa und kleineren Einfuhren der Ukraine. Wir werden in Europa aber Importe aus Kanada und Australien sehen, die den Markt tendenziell beruhigen. Für kanadischen Raps gibt es bei den derzeitigen Preisen schon jetzt eine Marge.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Landwirtschaft und den Handel in der bevorstehenden Vermarktungssaison?

Rickmers: Der Markt ist sehr komplex und die Getreide- und Ölsaatenpreise sind in die weltwirtschaftliche Entwicklung eingebunden. Es wird immer schwieriger, langfristige Prognosen über die Preisentwicklung zu geben, und das Vermarktungsrisiko steigt an. Landwirtschaft und Handel müssen das Risiko aktiv managen. Das heißt für die Landwirtschaft, dass sie ihre Produktionskosten kennen und nicht nur einen Teil ihrer Erntemengen, sondern auch den Input wie Düngemittel oder Saatgut gegen Risiko absichern muss.
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