Eurotier: Kommunikation

"Manche Kugeln fliegen derzeit sehr tief"

agrarzeitung: Das Forum Moderne Landwirtschaft hat sich die Kommunikation auf die Fahnen geschrieben. Heute startet eine der wichtigsten Messen des Agribusiness, die Eurotier. Warum sind Sie nicht dort?
Hans-Christian Mennenga: Das stimmt so nicht. Große Teile unserer 47 Mitglieder sind da, um der Branche aktuelle Entwicklungen vorzustellen. Die Aufgabe des Forum ist es ja, den Dialog zwischen moderner Landwirtschaft und Bürgern zu stärken.
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Wir wollen diejenigen erreichen, die nicht wissen, wie ihre Lebensmittel erzeugt werden und auch nie auf einen landwirtschaftlichen Betrieb kommen. Deswegen sind wir mit unseren Themen vor allem in den Städten und im Internet beziehungsweise in den Sozialen Medien aktiv – und weniger auf Fachmessen. Aber auch wenn wir auf der Eurotier keinen eigenen Stand haben, werden wir da sein und viele Gespräche führen.


Wollen die Leute die landwirtschaftlichen Produktionsprozesse wirklich verstehen?
Mennenga: Wir dürfen sicher nicht zu viel erwarten. Die Bürger müssen sicher nicht das gesamte System fachlich durchdringen. Die meisten wissen ja auch nicht, wie der Motor in ihrem Auto funktioniert. Trotzdem sollten wir unsere starken Botschaften, Bilder und Persönlichkeiten sichtbarer in den Fokus rücken, um das Vertrauen in unsere Branche zu festigen. Wir wollen nicht belehren, sondern Themen so aufgreifen, dass sie die Bürger interessieren.


Zur Person

Dr. Hans-Christian Mennenga (38) ist Germanist und Journalist. Er hat 13 Jahre für den NDR und den WDR als Autor, Moderator und leitender Redakteur gearbeitet. Zur Landwirtschaft hat es ihn gezogen weil, „ich ein Faible für Lebensmittel habe, auf dem Land groß geworden bin und mich sehr stark mit den Themen identifizieren kann“, sagt der gebürtige Braunschweiger.

Die Tierhaltung ist derzeit in Deutschland einem enormen Gegenwind ausgesetzt.

Mennenga: Prof. Kunzmann von der Tierhochschule Hannover sagt, dass das ethische Bewusstsein bei den Bürgern in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Manche Kugeln fliegen zurzeit sehr tief wie kürzlich die Fernsehberichte aus Ställen zeigten. Darauf sollten wir uns einstellen. DLG-Vize und Landwirt Hubertus Paetow regt an, hier nach Lösungen im Konsens mit der Gesellschaft zu suchen, zum Beispiel intelligente Bewertungssysteme. Das FORUM findet diese Idee gut.


Wie gehen Sie dabei vor?
Mennenga: Das Zeitalter der Fakten ist vorbei, hat kürzlich die ZEIT geschrieben. Ich sehe das ähnlich. Es geht um Gefühle, um persönliche Betroffenheit. Die Menschen haben das ‚Wie‘ der Produktion zur Kernherausforderung erhoben. 


Sie setzen also auch auf Emotionen?
Mennenga: Unbedingt. Fakten allein reichen nicht aus. Ich finde zum Beispiel die Stall-Web-Cam von DBV-Vize Werner Schwarz in Schleswig-Holstein sehr gut. Er zeigt ungefiltert wie es in seinem Schweinestall aussieht. Das schafft Transparenz und Vertrauen. Er verdeutlicht, dass er nichts zu verbergen hat. Wenn ich dieses Fleisch kaufe, kaufe ich auch Sicherheit.
Klar ist aber auch: Das Vertrauen ist grundsätzlich vorhanden. Wir haben gerade eine EMNID-Umfrage gemacht, nach der knapp 80 Prozent der Deutschen die Landwirte wertschätzen.


Niemand spricht mehr von saurem Regen oder dem Ozonloch. Wie lange noch wird die Tierhaltung ein gesellschaftliches Thema sein?
Mennenga: Wir gehen davon aus, dass die gesellschaftliche Diskussion über die Art, wie wir Tiere halten, eher noch zunehmen wird. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Massentierhaltung oder Agrarwende sind proklamierte Begriffe. Und jeder hat eine eigene Meinung dazu. Bei Kritik kann man nicht mehr einfach daneben stehen und nichts tun. Man darf aber auch nicht reflexhaft zurückschlagen.


Zum Forum
Das vor zwei Jahren auf neue Beine gestellte Forum Moderne Landwirtschaft hat mittlerweile 47 Mitglieder, vor allem aus dem vor- und nachgelagerten Sektor. Es verfügt über ein Budget von ca. 4 Mio. €, das den Dialog zwischen der Gesellschaft und der heutigen, Modernen Landwirtschaft zu ermöglichen soll.
Wie meinen Sie das?

Mennenga: Ein Beispiel: Es gab einen kritischen Fernsehbericht über unseren Erlebnisbauernhof in Bonn. Ein AgrarBlog hat anschließend heftig gegen diesen Fernseheitrag gewütet. Das war sicher gut gemeint, aber ich bin nicht sicher, ob das zielführend ist. Journalisten, die auch mal kritisch über uns berichten, sind nicht zwingend unsere Gegner.
Wir müssen Dialog herstellen. Ich bin im Austausch mit der Autorin, die diesen WDR-Beitrag gedreht hat. Wir müssen Medien einfach mehr Angebote machen, sie mit unseren Themen versorgen.

Wie finden die Landwirte ihre Arbeit?

Dazu müssen Sie die Landwirte fragen. Wir bekommen jedenfalls sehr viel positives Feedback. Ein Beispiel sind unsere knapp 200 Agrarscouts. Das sind überwiegend Landwirte oder Agrarstudenten, die sich für uns begeistern und mit uns in die Städte fahren oder auf die Grüne Woche nach Berlin, um den Verbrauchern auf dem ErlebnisBauernhof die Landwirtschaft zu erklären. Die Initiative läuft hervorragend.


Wollen Sie so etwas wie die neue CMA werden?
Nein, so ein Vergleich ist nicht zielführend. Allerdings hatte die CMA das große Plus, dass sie wiedererkennbar war und in einer hohen Taktung mit den Verbrauchern kommuniziert hat. Das wollen wir als FORUM auch und sind auf einem guten Weg.
 
Das Gespräch führte Katja Bongardt
 
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