Daphne Huber-Wagner zu Nachhaltigkeitskriterien

Selten gibt es in der landwirtschaftlichen Verbandslandschaft einen solchen Schulterschluss wie derzeit zu dem Thema Nachhaltigkeit. Für die Erzeugung von Kraftstoffen aus Biomasse sollen nach dem Willen der Bundesregierung ab 1. Januar 2010 besondere Nachhaltigkeitsauflagen für Anbau und Verarbeitung von Energiepflanzen gelten. Stellvertretend für die Agrarbranche läuft dagegen der Grain Club, eine Vereinigung von Getreide- und Ölsaatenverbänden, Sturm. Er fordert, dass für alle landwirtschaftlichen Rohstoffe - also auch für die zur Nahrungsmittelproduktion - die gleichen Kriterien gelten sollen.

Damit springen Ölmühlen, Futtermittelhersteller und der Agrarhandel für die Bioenergiebranche in die Bresche. Denn mit der geplanten Nachhaltigkeits-Verordnung für Biokraftstoffe droht der jungen Industrie, kaum dass sie die gesenkte Beimischungsquote verkraftet hat, erneut Ärger. Es ist die Liebe zum Detail, mit der die Bundesregierung EU-Vorgaben in nationales Recht umsetzen will. So soll künftig bis auf 20 Meter im Feld exakt angegeben werden, wo Getreide, Raps oder Mais aufgewachsen sind, um nachzuweisen, dass kein Raubbau an der Natur geschehen ist. Logistische Höchstleistungen kommen auf den Erfassungshandel zu. Fein säuberlich müssten die Chargen von Getreide und Raps für Bioenergie von den übrigen Partien für Nahrungs- oder Futtermittel getrennt werden. Bis zum Ende der Warenkette in der Raffinerie sind Zertifikate ständige Begleiter der kostbaren Rohstoffe. Der damit verbundene finanzielle Aufwand könnte das Aus für die Biokraftstoffbranche bedeuten.

Doch es ist nicht nur die Sympathie zu den Biokraftstoffherstellern, die den Grain Club als Mitstreiter auf den Plan ruft. Auch die Unternehmen innerhalb der Nahrungsmittelkette befürchten, dass in Kürze ähnlich strenge Vorgaben auf sie zukommen. Erste Vorboten gibt es bereits. So verlangen die Konzerne Nestlé und Unilever von ihren Lieferanten nachhaltig angebaute Rohstoffe. Die Lebensmittelriesen wollen sich nicht fragen lassen, warum an die Nachhaltigkeit der Produktion von Biokraftstoffen höhere Anforderungen gestellt werden als an die Herstellung von Lebens- und Futtermitteln. Eine lückenlose Rückverfolgbarkeit vom Anbau bis zum Verarbeiter ist derzeit in der Praxis nicht möglich. Denn die Landwirte müssten sich schon zur Aussaat im Herbst festlegen, ob ihre Rohstoffe ein Jahr später im Tank landen oder zu Lebensmitteln verarbeitet werden. Bisher gibt es aber auch kein offiziell anerkanntes System, nach dessen Anleitung Landwirte und Händler ihre Agrarprodukte zertifizieren können. Das Ziel, gleiche Standards unabhängig von ihrer Nutzung festzulegen, verdient Unterstützung. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.
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