Dietrich Holler zum Tag der Deutschen Einheit

Pünktlich zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit wird die Diskussion um den Preis der Wiedervereinigung lauter. Der weiterhin verlangte Solidarbeitrag ist dabei nur Posten auf der Rechnung. Volkswirtschaftlich gewichtiger erscheint etwas anderes: Damit Ost und West nach dem Fall der Mauer zusammenwachsen konnten, musste die D-Mark weichen. Das habe Frankreich verlangt und durchgesetzt, heißt es in Medienberichten. Für die Westdeutschen war die D-Mark mehr als nur eine Währung. Einige glauben, sie sei das Einzige gewesen, was die alte Bundesrepublik wirklich zusammenhielt. Zyniker behaupten, die D-Mark sei das Einzige gewesen, was die Ostdeutschen an der Wiedervereinigung wirklich interessiert habe.

Wie auch immer: Der Osten hatte nicht allzu lange Freude an der gesamtdeutschen Währung, denn diese wurde 2002 vom Euro abgelöst. Und von der Wiedervereinigung bis zum Euro brachen in Ostdeutschland ganze Industriezweige zusammen. Es sind Unsummen geflossen und viele fragen sich, was es geholfen hat. Die Vorsitzende der Linkspartei ging dieser Tage so weit, den Aufbau Ost für „gescheitert" zu erklären. Weshalb es ihrer Partei mit ihren Regierungsbeteiligungen in den ostdeutschen Ländern nicht gelungen ist, es besser zu machen, bleibt offen. Trotz fragloser Strukturdefizite in der ostdeutschen Gesamtwirtschaft darf eines nicht übersehen werden: Im Agrarsektor setzen die Betriebe zwischen Ostsee und Lausitz eindeutig positive Maßstäbe - für Deutschland und ganz Europa. Auch wenn der Weltmarkt derzeit politisch nicht en vogue ist, so ist es zweifelsfrei, dass die ostdeutschen Betriebe es mit ihren Wettbewerbern weltweit aufnehmen können: große effiziente Strukturen, professionelle Vermarktung und der Wille, beides dauerhaft zu nutzen.

 Natürlich können auch einige westdeutsche Regionen Ähnliches vorweisen, aber der Wunsch nach politischer Hilfe in schwierigen Zeiten scheint dort insbesondere in klein strukturierten Gebieten sehr groß zu sein. Mit Fördergeldern der Europäischen Union kalkulieren, unabhängig von der Größe, die Betriebe in Ost und West. Nur mit dem Unterschied, dass in kleinen Betrieben die Subventionen stärker in die Lebenshaltung als in die Betriebsführung fließen.

Politisch sind die Bauern im Osten übrigens unterrepräsentiert: Wenn am Tag der deutschen Einheit das Plenum des Bundestages zusammentritt, kommen 622 Abgeordnete. Darunter sind laut Statistik des Bundestages insgesamt zwölf Landwirte. Von diesem Dutzend stammen aber nur zwei aus Ostdeutschland. Angesichts der wirtschaftlichen Schlagkraft der Ostbetriebe lässt deren politische Präsenz zu wünschen übrig. Und sie können in diesem Punkt vom Westen lernen.

Weshalb das bislang nicht geschehen ist, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht ist es die ostdeutsche Erfahrung früherer Tage, sich besser aus der Politik rauszuhalten und auf den Betrieb zu konzentrieren. Falls dem so sein sollte, könnte der Osten auch damit langfristig zu den Gewinnern der Einheit gehören.
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