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Export über LEH – Erzeuger wollen außerordentliches Kündigungsrecht

Agrarzeitung Ernährungsdienst 2. Januar 2009; Von Dietrich Holler, Frankfurt a.M.

Es kommt Bewegung in die europäische Molkereistruktur. Deutsche Unternehmen müssen aufpassen, dass sie nicht abgehängt werden. Landwirte und Industrie überdenken ihre Verträge.

Die niederländischen Molkereien Friesland und Campina dürfen endgültig fusionieren. Zwar hat die EU-Kommission zum Jahresende 2008 den Zusammenschluss nur unter Auflagen genehmigt. Doch Campina BV, Zaltbommel/NL, und Friesland Foods N.V, Meppel/NL, bilden künftig die größte Molkereigenossenschaft der Europäischen Union. Sie verdrängen im EU-Gesamtranking der Molkereien den dänischen Milchriesen Arla von Platz 4. Die drei Spitzenplätze sind mit privatwirtschaftlichen Konzernen besetzt: Nestlé, Danone und Lactalis.

„Deutsche Molkereien sind bisher fast ausschließlich bei wenig kapitalintensiven indirekten Exporten über Handelshäuser stehen geblieben“, sagt der Göttinger Agrarökonom Professor Achim Spiller: Europaweit expandierende deutsche Lebensmitteleinzelhändler, allen voran die Discounter, verkaufen in ihren ausländischen Filialen auch Produkte deutscher Großlieferanten. „Im Gegensatz dazu“, sagt Spiller, „hat Arla kürzlich publiziert, dass es die Ausweitung seines Produktionsgebietes nach Deutschland forcieren will.“ Dafür sprechen laut Spiller „nicht zuletzt die niedrigen Rohstoffkosten“. Allerdings musste Arla vor Kurzem seine Gewinnerwartung für 2008 um ein Drittel auf 80 bis 95 Mio. € reduzieren und hat Sparmaßnahmen angekündigt.

Unabhängig von den einzelnen Expansionsstrategien gilt für Spiller und sein Team vom Göttinger Institut für Agrarökonomie und ländliche Entwicklung: Das „Lieferkettenmanagement Milch“ teilt sich in ein Commodity-Geschäft mit Basisprodukten und Handelsmarken sowie ein Markenartikel- und Spezialitätengeschäft. Für die Markenartikel werden demnach noch Jahresgespräche zwischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und Industrie geführt. Nach Spillers Angaben verhandeln LEH und Milchindustrie „die Commodities zwei- bis drei- mal im Jahr“. Wie häufig Landwirte und Molkereien künftig miteinander verhandeln, ist unklar.

Langfristige Lieferverträge ohne außerordentliches Kündigungsrecht will nur eine Minderheit der Landwirte. Zumindest hat das eine von Spiller und seinen Kollegen Ende 2008 durchgeführte Umfrage ergeben. Von den rund 150 befragten Milchviehhaltern lehnen 41 Prozent eine langfristige Bindung an die Molkerei ab und fordern außerordentliche Kündigungsrechte. Weitere 21 Prozent orientieren sich in ihren Lieferverträgen bewusst kurzfristig. Beide Gruppen umfassen eher größere Betriebe. Nur 21 Prozent der an der Studie teilnehmenden Landwirte favorisieren traditionelle Geschäftsbeziehungen mit Genossenschaftsmolkereien und wollen kein außerordentliches Kündigungsrecht: Sie bewirtschaften eher kleine Milchviehbetriebe.
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