Report Milchstandort Deutschalnd

Mit Biomilch in der Komfortzone


Bernd Pieper: „Die Tierernährung muss immer wieder angepasst werden.“
-- , Foto: jst
Bernd Pieper: „Die Tierernährung muss immer wieder angepasst werden.“

Von Kindheit an ist die Milchkuh ein zentraler Bestandteil im Leben von Bernd Pieper. Heute bewirtschaftet der vielseitige Unternehmer neben anderen Geschäftszweigen auch einen Milchviehbetrieb nach Richtlinien des Ökolandbaus. Rund 200 schwarzbunte Milchkühe und mehr als 300 Jungrinder und Kälber stehen bei der Dabergotzer Agrar GmbH am Standort Dabergotz bei Neuruppin im nördlichen Brandenburg. Knapp 1200 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche bieten die Futtergrundlage.

Tiefes Verständnis ist wichtig

Erst seit den späten 1990er Jahren zählt Pieper zu den aktiven Milcherzeugern und übernahm aus einem Kreis kleinerer Genossenschaften die Produktionsanlage am Standort Dabergotz. „Und dies aus Überzeugung und Passion“, betont er. Doch ein Sendungsbewusstsein für den Ökolandbau ist ihm fremd. Die Sach- und Fachgrundlage in der Tierhaltung steht bei ihm im Vordergrund. Hohe Leistungen mit gesunden Tieren waren schon immer sein Ziel. Dass dies auch im Ökolandbau möglich ist, beweist sein Unternehmen. Auf knapp 10000 kg Biomilch pro Kuh und Jahr beläuft sich die durchschnittliche Leistung seiner Herde. Vor der Umstellung auf den Ökolandbau im Jahr 2002 betrug sie mehr als 12000 kg.

Das Wissen um hohe Milchleistungen bei gleichzeitig bestmöglicher Tiergesundheit erwarb sich Pieper in verschiedenen Managementpositionen an der Schnittstelle von Milcherzeugung und Molkereien im früheren Ostdeutschland. Die gesammelten Erfahrungen nutzte er später in konkreten Forschungsprojekten etwa zur Entwicklung eigener, patentierter Siliermittel.

Schon immer verfügte der Betrieb über ausreichende Flächen zur kompletten Eigenversorgung der Tiere. Mit der Umstellung auf die Biomilcherzeugung änderte Pieper die Anbauverhältnisse. Der Zukauf von Komponenten wie Kraft- oder Eiweißfuttermitteln entfiel. Beste Roggen-, Mais- und Grassilage bilden die Grundlage für die energetische Versorgung der Tiere, Eiweiß stammt aus dem Anbau von Blauer Süßlupine und Luzerne. Ein von Pieper konzipiertes Mineralfutter bezieht der Betrieb von einem in der Nähe gelegenen Hersteller von Spezialfuttermitteln. Nur dieser eine Typ kommt für alle Tierkategorien zum Einsatz, vom Kalb über die Färsen bis zur hochleistenden Milchkuh. Tragende Kühe werden 14 Tage vor der Kalbung zusätzlich mit einem geschmacksneutralen, anionischem Mineralfutter zur Milchfieberprophylaxe versorgt – dies sei wichtiger Bestandteil seines Konzepts, so Pieper.


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Eigenes System für Kälber

Neugeborene Kälber erhalten nur Vollmilch und von Aufzuchtbeginn an eine wiederkäuergerechte silagehaltige Mischration. Männliche Kälber verlassen den Betrieb wenige Tage nach der Geburt, weibliche bleiben im Bestand. Für die Kälberaufzucht hat Pieper ein eigenes System entwickelt. Jeweils sechs Kälber hält er in eigens von ihm entwickelten „Kälberdatschen“. „Diese bieten arbeitswirtschaftliche Vorteile“, sagt er. Täglich wird frisches Stroh eingestreut – wie auch im gesamten übrigen Betrieb. Die „Datschen“ verfügen über ein vollständiges Dach und können mit Windnetzen zugdicht verschlossen werden. Dies entspricht zwar nicht den Anforderungen des Verbandes Bioland, jedoch konnte Pieper plausibel machen, dass diese Haltungsform den geltenden Vorgaben überlegen ist. Gleiches gilt für das Enthornen. Auch dafür war Überzeugungsarbeit nötig. Eine offizielle Ausnahmegenehmigung des Landes Brandenburg liegt vor, muss jedoch immer wieder erneuert werden.

Großen Wert legt Pieper darauf, dass im gesamten Betriebsablauf keine antibiotischen Medikamente zum Einsatz kommen. Basis dafür ist der gute Gesundheitszustand der Tiere auch an besonders kritischen Punkten wie dem Melken. Im Fall von Krankheiten wie Mastitis wird erfolgreich auf Selbstheilung ohne Homöopathie gesetzt.

Bei Klauenerkrankungen greift der Betrieb auf ein alternatives Präparat zurück – den eigens hergestellten „Kornblumen-Honig“. Für dessen Gewinnung hat er eine eigene Anbaufläche für Getreide und Kornblumen reserviert. Mit ein wenig Stolz verweist der Betriebsleiter darauf, dass die Dabergotzer Agrar GmbH bezogen auf die Milchqualität den 1. Platz in Brandenburg hält und sich auch im Vergleich mit konventionellen Betrieben unter den ersten Zehn befindet – ohne Medikamenteneinsatz.

Abnehmer in der Region

Mit 48 Cent netto pro kg Milch befindet sich der Standort Dabergotz unter den aktuell herrschenden Bedingungen am Milchmarkt in der „Komfortzone“. Abnehmer ist die auf Verarbeitung von Biomilch spezialisierte „Gläserne Molkerei“ am nahegelegenen Standort Münchehofe, die vor wenigen Monaten von der Schweizer Molkerei „Emmi“ übernommen wurde.

Zwei Jahre Umstellungsfrist sind notwendig, um die Anerkennung als Biomilcherzeuger zu erhalten. „Diese Phase ist nicht unproblematisch“, sagt Pieper. Deutliche Ernterückgänge von mindestens 20 Prozent müssen Landwirte in dieser Zeit verkraften. Den höheren Aufwendungen im Pflanzenbau stehen Ersparnisse für den Pflanzenschutz gegenüber – doch Fehler im Anbau oder ungünstige Witterungsverhältnisse können drastische Ernteverluste bedeuten. In solchen Fällen müssen Biokomponenten teuer zugekauft werden.

Doch solange der Bedarf an Biomilch in Deutschland weiter wächst und bisher nur zu 70 Prozent aus eigener Erzeugung gedeckt werden kann, ist dieser Betriebszweig sicher für den einen oder anderen Milchviehhalter interessant. Nur zu viele dürften es nicht werden. (jst)
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