Mit Skalpell und Spritze gegen Ebergeruch


1

Suche nach alternativen Verfahren in der EU – Tierschützer fordern Kastrationsverbot

Agrarzeitung Ernährungsdienst 23. Mai 2007; Von Steffen Bach, Osnabrück

Weil Verbraucher kein Eberfleisch kaufen, werden Ferkel kastriert. Für die Tiere ist die Prozedur eine schmerzhafte Angelegenheit, weshalb Tierschützer sie am liebsten ganz verbieten wollen. Die EU ist nun auf der Suche nach besseren Methoden. Die Schweinehalter fürchten höhere Kosten.

In Deutschland werden jährlich über 20 Millionen Ferkel kastriert – in den meisten Fällen ohne Betäubung. Durch den Eingriff wird die Bildung von Geschlechtshormonen verhindert, die dem Fleisch den unangenehmen Ebergeruch verleihen. Die Kastration ohne Betäubung wird von Tierschützern seit langem kritisiert. Auch im Aktionsplan Tierschutz des Europäischen Parlaments ist sie ein Thema. Die EU hat deshalb das Forschungsprojekt Pigcas initiiert, das im kommenden Jahr Alternativen zur bisherigen Praxis vorschlagen soll. In Norwegen ist die betäubungslose Kastration bereits seit 2002 verboten, ab 2009 ist die Kastration als solche untersagt. In der Schweiz ist ab 2009 eine Betäubung vorgeschrieben. Innerhalb der EU ist das Thema von unterschiedlicher Brisanz. In England und Irland spielt die Ferkelkastration praktisch keine Rolle. Dort werden Jungeber geschlachtet. Der dabei vereinzelt auftretende „Ebergeruch“ ist für die Vermarktung des Fleisches offenbar kein Problem. In Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Dänemark werden fast alle männlichen Ferkel kastriert, weil angenommen wird, dass die Verbraucher Eberfleisch nicht akzeptieren.

Die derzeit diskutierten Methoden werden von den deutschen Schweinehaltern kritisch beurteilt. Die Betäubung sei keine Alternative, „weil die Schmerzen der Ferkel unter dem Strich nicht gelindert werden“, sagt Heinrich Dierkes, ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, Damme. Wegen der möglichen Gefahren für die Anwender müsse auch die immunologische Kastration sehr vorsichtig bewertet werden (siehe Kasten). Für die Schweinehalter stellen sich aber auch wirtschaftliche Fragen. Momentan dürfen Landwirte die Schweine selbst kastrieren. Eine Betäubung muss vom Tierarzt vorgenommen werden, was zusätzliche Kosten verursacht.

Die von Pfizer entwickelte „Impfung gegen Ebergeruch“ wird in Australien und Neuseeland bereits seit 1998 unter dem Namen Improvac vertrieben. Seitdem sind nach Unternehmensangaben in Australien rund 5 Millionen Schweine behandelt worden. Das Fleisch wurde vor allem für den Export nach Asien und im Rahmen von Markenfleischprogrammen produziert. Heute ist Improvac in Mexiko, Brasilien, Südafrika, den Philippinen und der Schweiz zugelassen. Für die Europäische Union läuft das Zulassungsverfahren bei der Europäischen Agentur für die Beurteilung von Arzneimitteln (Emea) in London. Mit einer Entscheidung rechnet Pfizer nicht vor Ende 2008. Beobachter gehen davon aus, dass bis dahin auf europäischer Ebene keine neuen Regelungen zur Ferkelkastration beschlossen werden.

Völlig unklar ist, wie die Verbraucher auf die immunologische Kastration reagieren. Umfragen zeigen, dass die meisten Konsumenten gar nicht wissen, dass Ferkel kastriert werden. Die Landwirte hingegen fürchten, schnell in die Defensive zu geraten, sollte das Thema öffentlich diskutiert werden. Dr. Wilhelm Priesmeier sieht in der immunologischen Kastration „eine praxisreife und ökonomisch tragfähige“ Alternative. Der Tierschutzbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion hofft, dass das Zulassungsverfahren für Improvac schnell abgeschlossen wird. Die Kastration unter Betäubung sei wegen der postoperativen Schmerzen die schlechtere Lösung, so Priesmeier.

Der Deutsche Tierschutzbund beurteilt die Immunokastration dagegen kritisch. Diese Methode könne allenfalls als kurzfristige Lösung angesehen werden. Die Ebermast sei die beste Alternative. Ziel des Tierschutzbundes sei es, Ferkelkastrationen ganz zu verbieten.

Diskutierte Verfahren

1. Die immunologische Kastration ist ein vom Arzneimittelhersteller Pfizer entwickeltes Verfahren, durch das die Produktion von Hormonen und damit die Bildung der Hoden unterdrückt werden. Das Mittel Improvac muss zweimal – beim Einstallen und rund fünf Wochen vor der Schlachtung – verabreicht werden. Die Kosten für das Mittel liegen bei rund 3 US-$ pro Schwein. Eine versehentliche Selbstinjektion kann nach Angaben von Pfizer bei Männern und Frauen Unfruchtbarkeit erzeugen, die Schwangerschaft beeinflussen und eine Atrophie (Gewebeschwund) der Sexualorgane bewirken. Das Präparat sollte daher nicht von Frauen verabreicht werden, die schwanger sein könnten.

2. Bei der Ebermast wird auf die Kastration verzichtet. Die Schweine werden vor Erreichen der Geschlechtsreife im Alter von maximal 170 Tagen geschlachtet. Das Schlachtgewicht liegt mit 80 kg rund 12 kg unter dem Durchschnittswert in Deutschland. Für den Mäster entstehen dadurch abhängig von den Futter- und Fleischpreisen Verluste von rund 5 bis 15 € je Schwein. Trotz der frühen Schlachtung tritt bei bis zu 5 Prozent der Tiere der unerwünschte „Ebergeruch“ auf. (SB)

stats