Katja Bongardt zum EHEC-Krisenmanagement

Da haben wir sie also wieder, die Säue, die durchs Dorf getrieben werden. Erst grün und spanisch in Form von Gurken, zwei Wochen später beige und bienenbüttlerisch in Form von Sprossen. Welches landwirtschaftliche Erzeugnis steht als nächstes unter Generalverdacht? Dieses Mal sind es Produkte von gemüseerzeugenden Betrieben. Das nächste Mal könnte es vielleicht tatsächlich eine Sau sein und nach Gurken- und Sprossenmarkt zur Abwechslung den Handel mit Schweinefleisch zum Erliegen bringen.

Mehr als 20 Todesopfer hat der toxische Darmkeim EHEC mittlerweile in Deutschland gefordert, mehrere hundert Menschen sind lebensgefährlich erkrankt. „Sicherheit geht vor“, bekräftigte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner Anfang der Woche. Recht hat sie. Die Frage ist ja auch nicht, ob vorbeugender Verbraucherschutz praktiziert werden soll, sondern wie.

So jedenfalls nicht. Lebensmittel sind heikle Handelsprodukte. Allein Formulierungen wie „Wir können nicht ausschließen, dass ....“ reichen aus, dass Verbraucher Kauf und Konsum einstellen. Ein gutes Krisenmanagement muss daher nicht nur die gesundheitliche, sondern auch die wirtschaftliche Schadensbegrenzung ernst nehmen. Schadensbegrenzung bedeutet vor allem eine sorgsame Auswahl der Sprache und der Sprecher. „Gurke“ hätte zunächst als Warnung vollkommen ausgereicht, „spanische“ war schon zu viel. Das Wort „Sprossen“ hätte ebenso genügt. Die Warnung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums vor Sprossen aus einem „Gartenbaubetrieb in Bienenbüttel“ kommt einem Dolchstoß gleich. Sprossen kauft dort niemand mehr. Und das, obwohl der wissenschaftliche EHEC-Nachweis an den Sprossen in Bienenbüttel – nebenbei bemerkt – immer noch aussteht. Die schnelle Warnung versucht das niedersächsische Landwirtschaftsministerium nun damit zu legitimieren, dass bei mindestens einer Mitarbeiterin des Betriebes EHEC festgestellt werden konnte. Das rechtfertigt immer noch nicht, Ross und Reiter vorschnell in aller Öffentlichkeit zu nennen.EU-Gesundheitskommissar John Dalli liegt richtig, wenn er in Richtung Deutschland mahnt: „Solange es keine wissenschaftlichen Belege gibt, sollten nationale Behörden keine möglichen Infektionsquellen angeben.“ Alles andere schafft Verunsicherung und ruiniert Betriebe, die möglicherweise ohne ihr eigenes Zutun in Verdacht geraten sind. Magdeburg hat vorgemacht, wie es gehen kann. Schon vor einer Woche war dort vermutet worden, dass eine Gurke mit EHEC-Erregern kontaminiert ist. Details wurden allerdings erst kommuniziert, nachdem ein belastbares Ergebnis vorlag. Die allgemeine Gurken-Warnung hat schließlich den Verbraucherschutz sichergestellt.

In Krisen ist es entscheidend, mit nur einer – und zwar einer besonnenen – Stimme zu sprechen. Ob diese nun aus einer zentralen Seuchenbekämpfungsstelle, dem Landwirtschafts- oder dem Gesundheitsministerium stammt, ist Verbrauchern und Erzeugern doch herzlich egal. Hauptsache, sie schafft Klarheit.
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