Report Pflanzenschutz

Mit starker Beratung auf Wachstumskurs

Expansion am Ortsrand: Das Gewerbegebiet von Westerstetten bietet für das gesamte Landhandels- und Landmaschinengeschäft ausreichend Platz.
-- , Foto: Lehner
Expansion am Ortsrand: Das Gewerbegebiet von Westerstetten bietet für das gesamte Landhandels- und Landmaschinengeschäft ausreichend Platz.

Als Helmut Lehner im März den Innovationsaward Agrarhandel für seine erfolgreiche Strategie in der Vermarktung von Dinkelsaatgut auf Burg Warberg entgegennehmen konnte, blieb keine Zeit zum Feiern. Noch am gleichen Abend ging der Flieger nach Bangkok, wo der Unternehmer auf der Agritechnica in Thailand seine neue Technik für die Düngung und den Pflanzenschutz im Reisanbau vorstellte (siehe Kasten). Der 57-Jährige kommt viel in der Welt herum. Geerdet ist er jedoch auf der Alb in der 2000-Seelen-Gemeinde Westerstetten, etwa 15km nördlich von Ulm gelegen.

Der Erfolg war ihm nicht in die Wiege gelegt. Als er mit 20 Jahren nach Abschluss der Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann 1980 in den elterlichen Landhandel im Ortskern von Westerstetten einstieg, betrug der Umsatz gerade 300000 D-Mark. „Für Investitionen blieb da nichts übrig“, erinnert sich Lehner. Doch damals ging es mit dem Pflanzenschutz in der Region richtig los. Der zupackende junge Mann witterte seine Chance, das Geschäft zu entwickeln. Es dauert nicht lange, bis ihm klar wurde: „Du musst den Bauern Antworten geben können.“ Die Idee für ein eigenes Versuchsfeld war geboren.

Helmut Lehner gründet seine Empfehlungen immer auf eigene Versuche.
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Helmut Lehner gründet seine Empfehlungen immer auf eigene Versuche.
Fortan trug er dazu bei, dass Landwirte in der Region frühzeitig an erfolgversprechende Sorten sowie Innovationen der Pflanzenschutzindustrie kamen, die noch dazu am Standort getestet waren und zu denen Lehner kompetente Beratung bieten konnte.


Vom Schneckenkorn über Streusalz bis zum Reisanbau
Weit über seinen Heimatstandort hinaus hat Helmut Lehner die Landtechnik entwickelt. Den Ursprung nahm sie Ende der 1980er-Jahre auf der Ulmer Alb. „Die Landwirte kamen damals zu mir und beklagten sich, dass ihr Rapssaatgut nicht aufläuft“, erinnert sich der Unternehmer. Als Verursacher wurden Schnecken ausgemacht, die erstmals in dieser Region zur Plage wurden. Eine Ausbringungsmethode für das Schneckenkorn war gefragt. Lehner konstruierte einen Zwölf-Volt-Streuer, baute ihn am Geländewagen an und streute fortan bis zu 1500ha im Lohn. Die Idee war so zündend, dass der schwäbische Tüftler in den Folgejahren weitere Anwendungsgebiete für diese Streuer entwickelte – angefangen von Zwischenfruchtsaatgut über Streusalz und spezielle Düngemittel bis hin zum Pflanzenschutz in Sonderkulturen.

Neueste Kreation ist der „MudTec“ – wobei Mud für Schlick steht. Das Gerät ist für Einsätze auf matschigem Untergrund wie im Reisanbau geeignet und war im März auf der Landtechnikmesse in Bangkok umlagert. „Bislang müssen die asiatischen Landarbeiter bei 40Grad Celsius und extremer Luftfeuchte die Düngemittel von Hand streuen oder die Pflanzenschutzmittel mit der Rückenspritze ausbringen. Hier ist jede Mechanisierung willkommen“, erklärt Lehner den Nutzen der Technik, die jetzt vom Internationalen Reis Forschungsinstitut auf den Philippinen getestet wird. (db)

Versuchsfeld bringt Erkenntnisse über die Gemarkung hinaus

Heute ist seine Expertise weit über die Westerstettener Gemarkung hinaus anerkannt. Auf dem firmeneigenen Versuchsfeld stehen auf rund 7ha führende Sorten von Winterweizen, Sommer- und Wintergerste, Winterraps, Dinkel und neuerdings Emmer, die mit den angesagten Pflanzenschutzstrategien behandelt werden. Große Aufmerksamkeit widmet Lehner dem Resistenzmanagement. Kopfzerbrechen bereiten seit Jahren Ackerfuchsschwanz und jetzt auch die Resistenz von Ramularia gegen die Carboxamide. „Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass sich die Resistenzen bei Fungiziden nicht ausbreiten“, appelliert der Pflanzenschutzexperte daher in Gesprächen und Rundschreiben, in denen er seine Beobachtungen und Empfehlungen auf den Punkt bringt. „Das Reden und Schreiben liegt mir“, bekennt Lehner. Sein Beratungsfax, das während der Saison auch mehrmals wöchentlich herausgeht, ist begehrt.

Mit dieser Beratungsstärke kann er das Pflanzenschutzgeschäft gerade noch in den schwarzen Zahlen halten, wenngleich Lehner einräumt, dass er sich die Margen von Jahr zu Jahr neu erkämpfen muss. Deswegen sucht er auch immer wieder nach weiteren Dienstleistungen, um Landwirte an sich zu binden. Jetzt hat er die Genehmigung erworben, seine Winterveranstaltungen mit Schulungen zum Sachkundenachweis verbinden zu können und auf diese Weise regen Zulauf erhalten. Auch im Pflanzenschutzvertrieb geht er immer neue Wege, etwa mit besonders attraktiven Exklusivprodukten.

Für alle seine Expansionsschritte brauchte Lehner Platz. Eine gewaltige Investition stemmte er 1993, als er in das Gewerbegebiet von Westerstetten aussiedelte und mit dem Neubau der Pflanzenschutz- und Düngemittellager auch AHL und Mischdünger auf der Schwäbischen Alb einführte. Fünf Jahre später folgte der Einstieg in die Getreidelagerung mit Trocknung, die noch einmal fünf Jahre später auf eine gesamte Lagerkapazität von 11000t mit einer stündlichen Annahme- und Reinigungsleistung von 240t erweitert wurde.

Zwergsteinbrand in Dinkel löst Innovationsschritt aus

Ausgebaut hat Lehner zusätzlich die Saatgutaufbereitung. Besonders spezialisiert hat er sich auf Dinkel, für den er seit 2010 den VO-Status besitzt. Auch hier löste ein Pflanzenschutzproblem einen großen Innovationsschritt aus. Im Jahr 2011 war Dinkel auf der Schwäbischen Alb mit Zwergsteinbrand befallen, obwohl das Saatgut ordnungsgemäß gebeizt war. Aber es war wohl zu viel Beizmittel im Dinkelspelz haften geblieben und gar nicht erst beim Dinkelkorn angekommen. Lehner entwickelte daraufhin eine Methode, Dinkel so schonend zu entspelzen, dass die Keimfähigkeit und Triebkraft erhalten bleibt.

Unter 1000 Ideen fünf gute aussuchen

Diese Innovation hat ihm im gesamten deutschen Markt einen beachtlichen Schub im Absatz von Dinkelsaatgut gebracht, denn die Landwirte schätzen bei der entspelzten Ware außerdem das deutlich geringere Volumen und die weitaus exaktere Aussaatmenge. Mit dieser Strategie, die Qualität von Dinkelsaatgut zu erhöhen, hat Lehner 2017 die Jury des Innovationsawards der Burg Warberg überzeugt. „Nur mit Innovationen kann man ein Unternehmen zukunftsfähig gestalten“, sagte Lehner und verriet bei der Preisverleihung sein Rezept. „Ich habe mir vorgenommen, im Jahr auf mindestens 1000 neue Ideen zu kommen. Auch wenn ich 995 verwerfen muss, bleiben fünf für eine Umsetzung übrig. Wenn ich aber nur fünf Ideen habe, bleibt vielleicht keine übrig.“ (db)
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