Mittelmaß hat in der Landwirtschaft als Maßstab ausgedient

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Kreativität, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gefragt - Eigene Stärken erkennen und Hilfe anderer in Anspruch nehmen

19. Januar 2000; Olaf Schultz, Agrarzeitung Ernährunsdienst, Frankfurt a. M.

Um als landwirtschaftliches Unternehmen auf dem Weg zu mehr Markt künftig erfolgreich bestehen zu können, müssen die Betriebe von kreativen Agrarmanagern professionell organisiert und geführt werden. Es gilt, Einkommenspotenziale möglichst schnell zu erkennen und Strategien ihrer Umsetzung zu erarbeiten. Wichtig ist dabei herauszufinden, wo die eigenen Stärken tatsächlich liegen, damit Mittelmaß von vornherein ausgeschlossen wird. Diese Empfehlung gab Prof. Cay Langbehn, Institut für Agrarökonomie, Universität Kiel, auf der diesjährigen Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in der vergangenen Woche in München. Wesentliche Aussagen seines Vortrags werden nachfolgend wiedergegeben. Ein guter Unternehmer handelt dann, wenn er kann, und nicht, wenn er muss. Das betrifft einerseits die großen Fragen der strukturellen Betriebsanpassung an sich verändernde wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen: Organisation, Finanzierung und Unternehmensform, Wachstum oder Abstockung. Das berührt andererseits aber auch die täglichen Anpassungen des Produktionsablaufs an sich verändernde Witterungs- oder Marktverhältnisse. Ein Landwirt, der zwar um den Zustand seines Betriebs weiß, notwendige Änderungen in der Organisation oder in der Struktur des Unternehmens aber erst dann vornimmt, wenn die finanziellen Verhältnisse es erzwingen und ihm keine Wahl mehr lassen, erleidet aufgrund mangelnder unternehmerischer Fähigkeiten in der Regel erhebliche Vermögensverluste.
Der enorme technische Fortschritt in der Landwirtschaft und die damit verbundenen großen Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung erfordern termingerechte, das heißt im allgemeinen schnelle Anpassungen. Viele Landwirte erweisen sich dem daraus resultierenden Entscheidungs- und Handlungsdruck nicht ausreichend gewachsen, was letztlich eine Ursache für die große Varianz der Wirtschaftsergebnisse in der Landwirtschaft ist.

Auf die eigenen Stärken aufbauen

Niemand sollte allzu viel Energie darauf verwenden, sich in Bereichen verbessern zu wollen, in denen er sowieso kaum kompetent ist. Es erfordert erheblich mehr Energie, sich von völliger Inkompetenz auf Mittelmaß hochzuarbeiten, als von erstklassiger zu außergewöhnlicher Leistung vorzustoßen. Zu oft wird sich darauf konzentriert - insbesondere auch in vielen landwirtschaftlichen Beratungsorganisationen und Ausbildungsstätten - aus relativ unbefähigten zumindest mittelmäßige Betriebsleiter zu machen. Mit dem gleichen Einsatz von Energie, Ressourcen und Zeit könnten wesentlich wirkungsvoller kompetente Menschen zu Höchstleistungen gebracht werden.
Den Beruf eines landwirtschaftlichen Unternehmers sollte nur derjenige anstreben, der für sich in ausreichendem Maße Fähigkeiten und Stärken erkennt, um den damit verbundenen Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Eine konsequente Erfolgskontrolle ist dabei der einzige Weg, die eigenen Stärken auch wirklich kennen zu lernen. Entscheidend ist sicherlich auch die Fähigkeit, viele Eigenarten der Lebensform eines landwirtschaftlichen Unternehmers als besondere Vorzüge wahrzunehmen und entsprechend zu schätzen. Einen jungen Menschen zu überreden, entgegen seinen speziellen Begabungen und Neigungen landwirtschaftlicher Unternehmer zu werden, ist nicht zu verantworten.
Die wirtschaftlichen, technischen und sozialen Voraussetzungen für die Tätigkeit des landwirtschaftlichen Unternehmers ändern sich rasch. Gründe, die eine besondere Voraussicht und Anpassungsfähigkeit der Unternehmensführung erfordern, sind vor allem: - die permanente Weiterentwicklung der Produktionstechnik; - die anhaltende Veränderung und Unsicherheit der Marktverhältnisse; - der Wandel der institutionellen Gegebenheiten und schließlich - die Entwicklung der gesellschaftlich-sozialen Prämissen. Durch den mechanisch-technischen, biologisch-technischen und organisatorischen Fortschritt haben sich Struktur und Erscheinungsbild der Landwirtschaft gerade in den vergangenen Jahrzehnten gründlich verändert. Damit verbunden sind stark gestiegene Anforderungen an die Führung landwirtschaftlicher Unternehmen. Unter dem Druck zunehmender Liberalisierung und wachsenden Wettbewerbs ist der Innovationsbedarf schon heute groß und wird in Zukunft noch wachsen. Den Einstieg in die berufliche Selbstständigkeit eines Unternehmers in der Landwirtschaft können sich unter diesen Voraussetzungen nur diejenigen zutrauen, die sich den deutlich erhöhten Anforderungen, mit großen Chancen, aber auch Risiken, gewachsen fühlen. Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erfordern heute und in Zukunft besondere Urteils- und Gestaltungsfähigkeit, Belastbarkeit und Mut.

Innovativ sein ist keine Erfolgsgarantie

Im Bereich der Technik bedeutet dies beispielsweise, dass der landwirtschaftliche Unternehmer keineswegs jede Phase des Produktionsablaufs in allen technischen Details nachvollziehen kann. Wohl aber muss er ein Verständnis dafür haben, wie die Technik wirkt und ein feines Gefühl dafür, wo unter den Bedingungen des eigenen Betriebs die Möglichkeiten und Grenzen ihrer vorteilhaften Anwendung liegen. Innovativ sein bedeutet bei weitem noch keine Erfolgsgarantie. Es kommt nicht darauf an, immer über die jeweils neueste Technik zu verfügen, sondern die Technik einzusetzen, die unter den speziellen Bedingungen des Betriebs zum besten wirtschaftlichen Ergebnis führt. Dabei ist nicht zuletzt zu berücksichtigen, wer die neue Technik bedienen soll und dass die neue Technik bestmöglich mit den personellen Gegebenheiten in Einklang gebracht wird.
In der landwirtschaftlichen Produktion wirken vielfältige, äußerst komplexe und zum Teil unsichere Einflussfaktoren, die permanente situationsspezifische Anpassungsmaßnahmen erfordern. Automatisierte Entscheidungen und Prozess-Steuerungen sind deshalb nur sehr begrenzt möglich. Der landwirtschaftliche Unternehmer sollte bei der Anwendung der modernen Agrartechnik noch selbst wissen, wo "die Schrauben sitzen", wo die möglichen Schwachstellen in der Technik liegen und wie sie gegebenenfalls abzustellen sind. Insofern lassen sich Leitungsaufgaben und die eigentliche Arbeitserledigung in einem modernen landwirtschaftlichen Unternehmen nicht immer klar trennen. Für eine erfolgreiche Unternehmensführung ist es unverzichtbar, dass der Landwirt einen hinreichenden Bezug zum "Konkreten" behält.
Unverzichtbar sind somit zunächst die Aneignung naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Grundkenntnisse sowie der Gesetze betrieblicher Abläufe und des Marktes. Dazu kommt aber, unentbehrlicher denn je, das "Learning by doing". Diese Ausbildungsform ist wirksamer als jede andere berufliche Vorbereitung und lässt am Ende nur die Befähigten in der Verantwortung. Der landwirtschaftliche Unternehmer muss Kreativität und Umsetzungsfähigkeit durch Erfahrung erlernen. Dass dieses nur denjenigen gelingt, die neben fachlichen Kenntnissen bereit sind, sich auch leidenschaftlich einer Aufgabe hinzugeben und Eigenverantwortung zu übernehmen, versteht sich fast von selbst.

Qualifikation des Unternehmers wichtig

Die Qualifikation ist schon heute für viele Unternehmensentwicklungen der mit Abstand am stärksten begrenzende Faktor. Untersuchungen für den Bereich Marktfruchtbau sowie der Milcherzeugung zeigen, dass das Produktionsmanagement ab einer bestimmten Betriebsgröße einen stärkeren Einfluss auf die Produktionskosten hat als die Betriebsgröße selbst. Ebenso sei auf die Probleme verwiesen, die heute die Länder Mittel- und Osteuropas bei der Entwicklung einer wettbewerbsstarken Landwirtschaft haben. In erster Linie ist es nicht, wie oft zu hören, die fehlende moderne Produktionstechnik oder das allgemein fehlende Kapital, das für die geringe Produktivität der dortigen Landwirtschaft verantwortlich ist. Die Hauptursache der Misere liegt vielmehr in der fehlenden unternehmerischen Qualifikation der Leitung der ehemaligen Staatsbetriebe und Produktionsgenossenschaften. Für den notwendigen Aufbau leistungsstarker Einzelunternehmen fehlt es an geeigneten Unternehmern, die mit den Anforderungen an ein selbstverantwortliches, auf Gewinnerzielung gerichtetes Handeln vertraut sind. Das Potenzial an kreativen Menschen ist dort sicherlich nicht geringer als bei uns. Seine Entfaltung erfordert jedoch ein entsprechendes wirtschaftliches, kulturelles und institutionelles Umfeld sowie Schulung und Prüfung am konkreten Beispiel.
Der Landwirt von morgen muss, wenn er Erfolg haben will, alle Mitarbeiter im Unternehmen dahin führen, dass sie sich mit den Zielsetzungen ihres Unternehmens und den damit verbundenen Aufgaben identifizieren. Mitarbeiter können nur dann bestmöglichst zum Unternehmenserfolg beitragen, wenn sie überzeugt sind von dem, was sie tun. Das gilt um so mehr in der Landwirtschaft von morgen mit einer noch erheblich komplexeren Arbeitswelt. Die Entwicklung der dafür notwendigen Kompetenz des Unternehmers ist ohne die Bereitschaft und Fähigkeit des Zuhörens und des Aufeinander-Zugehens, ohne Bemühen um gegenseitiges Verständnis nicht möglich. Auch hierzu bedarf es Eignung und Erfahrung, getestet und erworben im Umgang mit Menschen. Dazu gehört auch der richtige Umgang mit sich selbst. So ist es beispielsweise sehr bedeutsam zu wissen, ob die eigene größere Leistung mehr in der Funktion als Entscheidungsträger oder mehr in der eines Beraters erbracht werden kann. Viele Landwirte sind sehr tüchtig in einer beratenden Funktion im Gespräch mit anderen, aber sind dem Druck der eigenen Entscheidung oft nicht ausreichend gewachsen. Sie tun sich schwer mit der Erkenntnis, dass es nicht ausreicht, zu wissen, was richtig ist. Das vermutlich Richtige muss auch getan werden.
Im Gegensatz dazu gibt es andere, die dringend einen Berater benötigen, um durch ihn zum eigenen Nachdenken angeregt zu werden. Erst auf diese Weise gelangen sie zu entschlossenen Entscheidungen und couragiertem Durchsetzen von Plänen. Auch hier gilt letztlich der Grundsatz: Im Interesse des Erfolgs sollten gute Unternehmer, also Landwirte von morgen, nicht versuchen, sich selbst von Grund auf zu verändern. Das dürfte nämlich kaum gelingen. Vielmehr sollten sie die Übernahme von Aufgaben und ihre Arbeitsweise nach den eigenen Stärken ausrichten und dort, wo es geboten erscheint, die Hilfe anderer in Anspruch nehmen.
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