Moskauer Getreidepolitik unter Beobachtung


Zum Umfang der Getreideexporte aus Russland, der Ukraine und Kasachstan wachsen die Spekulationen. Vor allem für Russland fehlen Anhaltspunkte, weil die Regierung in Moskau sich auffallend mit neuen Informationen zur Ernte zurückhält. agrarzeitung.de gibt einen Überblick zu den aktuellen Ernte- und Exportprognosen der drei Ländern.

Ukraine: Das Agrarministerium in Kiew rechnet jetzt mit einer Getreideernte 2010 von rund 42 Mio. t. Sie wäre um 7 Prozent kleiner als im Vorjahr, aber durchaus noch eine mittlere Ernte. Für Weizen und Gerste sieht es jedoch ungünstig aus. Beide Getreidearten bringen 2010 jeweils etwa 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Jetzt richten sich die Hoffnungen auf Körnermais, dessen Erträge jedoch wie überall schwer vorherzusagen sind.

Die Regierung in Kiew bemüht sich unterdessen, die Ukraine für 2010/11 als zuverlässigen Anbieter am Weltmarkt darzustellen. Exportbeschränkungen seien keine geplant, hieß es am Mittwoch. Die Getreideexporte insgesamt könnten in dieser Saison 16 Mio. t erreichen, schätzt das Agrarministerium. Im Wirtschaftsjahr 2009/10 waren es mehr als 21 Mio. t gewesen.

Russland: Die Regierung in Moskau hält sich mit einer aktuellen Ernteprognose zurück. Mitte Juli hat Agrarministerin Elena Skrynnik zugegeben, dass die bisherige Prognose von 85 Mio. t Getreide für 2010 nicht zu halten ist. Neue offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Schätzungen privater Analysten kreisen um die Marke von 75 Mio. t Getreide. Im Vorjahr waren 94 Mio. t geerntet worden. Unverändert herrscht in den Ackerbaugebieten im Westen des Landes, am Ural und entlang der Wolga brütende Hitze. Ab August will das Agrarministerium in Moskau 3 Mio. t Interventionsgetreide für Tierhalter bereitstellen, denen jetzt das Futter ausgeht.

Zu den Exporten hat sich die Regierung in Moskau in den zurückliegenden Tagen nicht mehr geäußert. In der Saison 2009/10 war Russland mit Weizenexporten von etwa 17,5 Mio. t am Weltmarkt die Nummer 3 hinter den USA und der EU. Mittlerweile gilt als sicher, dass 2010/11 eine wesentlich kleinere Exportmenge zur Verfügung steht. Doch russische Exporteure wollen sich keinesfalls den Ruf als zuverlässiger Lieferant verderben, den sie sich am Weltmarkt aufgebaut haben. Das Moskauer Analystenhaus Sovecon berichtet jedoch, dass mittlerweile der internationale Handel zögert, neue Lieferverbindlichkeiten einzugehen. Denn die Moskauer Regierung ist bekannt dafür, den grenzüberschreitenden Agrarhandel sehr kurzfristig über Zölle zu steuern.

Kasachstan: Das zentralasiatische Land war 2009/10 mit Weizenexporten von 7,4 Mio. t siebtgrößter Anbieter am Weltmarkt. Bei Weizenmehl führt Kasachstan sogar die Weltrangliste der Exportländer an. In diesem Jahr ist die Ernte weiträumig vertrocknet. Auf nur noch 13,5 bis 14,5 Mio. t schätzt das Agrarministerium in Astana jetzt die Getreideernte 2010. Im Vorjahr war noch eine Rekordmenge von 19,6 Mio. t erzielt worden.

Auswirkungen am Weltmarkt: Während in Europa die Weizenpreise steigen, äußern Kommentatoren in den USA und in Kanada Verwunderung über das Ausmaß. In den USA 2010 ist eine reichliche Weizenernte zu erwarten. Analysten der Chicago Board of Trade verweisen außerdem auf hohe globale Weizenvorräte, die zu Beginn des Wirtschaftsjahres 2010/11 fast 200 Mio. t umfassen sollen. Diese riesige Menge relativiert die diskutierten Ernterückgänge in anderen Ländern.

Selbst in Kanada, wo 2010 eine wesentlich kleinere Weizenernte als im Vorjahr ansteht, warnen die Marktbeobachter davor, dass der aktuelle Preisanstieg übertrieben sein könnte. Das Canadian Wheat Board argumentiert, dass selbst bei einem Abbau der globalen Weizenvorräte um 25 Mio. t auf 175 Mio. t keinerlei Versorgungsengpass entstehen würde. (db)
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