Dietrich Holler zum Deutschen Bauerntag


So viel Landwirtschaft war nie. Der Deutsche Bauernverband (DBV) strotzt vor Selbstbewusstsein. Der diesjährige Bauerntag endet heute, aber aus Sicht des DBV geht es jetzt erst richtig los: Im Dreieck aus Energiewende, reformierter EU-Agrarpolitik und neuem Leitbild des DBV soll die Landwirtschaft zu der Zukunftsbranche werden. Vermutlich war sie es schon immer, man hat es nur nicht so recht bemerkt. Der Agrarstandort Deutschland boomt, trotz der Querschüsse aus jener politischen Ecke, in der sich wohl nie die Erkenntnis durchsetzt, dass alleine vom Lurche-schützen keiner satt wird. Wenn DBV-Präsident Gerd Sonnleitner ganz nebenbei erwähnt, er finde, die beste Ökologisierung der Agrarpolitik sei es, Industriebrachen wieder in Äcker zu verwandeln, liegt er einerseits richtig. Anderseits sollten genau diese Industriebrachen auch seinem Berufsstand eine Warnung sein: Dort, wo vielfach noch vor einer Generation ordentlich der Schlot rauchte, sind heute die Fabriken, die Jobs und somit die Perspektiven für ganze Landstriche verschwunden. So elementar die Landwirtschaft ist, sie muss in ein gesamtwirtschaftliches Konzept eingebunden sein. Wenn die Landwirtschaft boomt, der Industriesektor aber schrumpft, kann daraus in Summe kein breiter Wohlfahrtsgewinn entstehen.

Die gar nicht mehr so schleichende Deindustrialisierung Deutschlands bedroht letztendlich auch die Landwirtschaft, die es in den vergangenen Jahrzehnten in wohl bei8spielloser Weise geschafft hat, technischen, züchterischen und organisatorischen Fortschritt in tägliche Arbeits- und somit Produktionspraxis umzusetzen. Das „Greening" der Agrarpolitik ist nur ein anderes Wort für staatlich verordnete Extensivierung. Wie diese wiederum zur Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln und dem wachsenden Bedarf an Nahrung passt, bleibt das Geheimnis jener, die eine Agrarproduktion mit angezogener Bremse durchsetzen wollen. Was soll es denn nutzen, wenn ganze Regionen unter die ökologische Käseglocke gepackt werden, weil bestimmte Habitate erhalten werden sollen. Von Ausnahmen abgesehen sind die meisten als schützenswert eingeordneten Biotope nichts anderes als das Ergebnis generationenübergreifender land- und forstwirtschaftlicher Nutzung.

Da bleibt es dem deutschen Bauernverband nur zu wünschen, dass er einen Grundsatz seines neuen Leitbildes umsetzt: Mut. Zwar rechnet der DBV in sein neues ethisches Gerüst auch Zusammenhalt, Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit ein. Alles wichtig, alles richtig. Doch gerade der Mut, sich gegen den Zeitgeist einer vollständigen Ökologisierung der Republik zu stemmen, ist gefragt. Ansonsten kommt die Landwirtschaft in die ökologische Zange: Sie soll grüner, sprich extensiver werden und zugleich einen Beitrag zur Energiewende leisten, indem sie unter anderem Rohstoffe für die Bioenergie bereitstellt. Wie soll das gehen? Ziemlich viel verlangt von einem Sektor, dessen Akteure regelmäßig als rückwärtsgewandter Haufen von Subventionsempfängern dargestellt werden.

Der DBV verkündet zu Recht: „Wir schaffen Werte". Die Bauern, zumindest jene mit Zukunft, haben es geschafft, die Jammerei hinter sich zu lassen. Bleibt es dabei, wird weiterhin so viel Landwirtschaft sein wie nie zuvor.
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