Report Pflanzenschutz im Frühjahr

„Nach guten Jahren kommt auch einmal eine Delle“

Langfristige Kundenbeziehungen sind für Nicolaus-Erik Clausen die wichtigste Geschäftsbasis. Er legt Wert auf einen ehrlichen Umgang miteinander und sieht hier in der „Agrarfraktion“ durchaus Nachholbedarf. Zum Markt äußert sich Clausen mit hanseatischer Gelassenheit. Wenn es interessante Chancen für Übernahmen gibt, werde man sie ergreifen.


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az: Wie ist das Jahr 2016 für Spiess-Urania gelaufen?

Clausen: Es war eine relativ schwierige Saison im Pflanzenschutz, was nach mehreren guten Jahren mit Wachstum nicht unüblich ist. Allerdings sind die Ursachen hierfür komplex. Eher niedrige Produktpreise für Getreide, Milch und Fleisch sowie zum Teil widrige Witterungsbedingungen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Bäume wachsen eben nicht in den Himmel. Nach den vielen guten Jahren, die wir hatten, kommt auch mal wieder eine Delle.

Was bedeutet das für Sie in Zahlen?


Clausen:
Spiess-Urania hat 2016 einen relativ stabilen Umsatz von gut 130 Millionen Euro erzielt. Etwa die Hälfte daraus stammt aus dem industriellen Kupfergeschäft. Damit unterscheiden wir uns erheblich von Wettbewerbern. Auf das Distributionsgeschäft im Pflanzenschutz bezogen, haben wir dank unseres breiten Sortimentes ein kleineres Minus zu verzeichnen, als es aus den Meldungen der Branche hervorgeht.

Was kann Spiess-Urania besser als andere Wettbewerber?

Clausen: Wir sind nicht so leicht zu vergleichen. Zu 50 Prozent machen wir unser Geschäft mit Kupferpräparaten. Und da ist Pflanzenschutz der kleinere Teil – die größeren Anwendungen bieten die Chemie oder der Holzschutz. Wir haben auch keine eigene Forschung, vom Kupfer abgesehen. Expertise im Pflanzenschutz gewinnen wir über Kooperationen, vor allem mit japanischen Herstellern. Und wir bieten ein sehr breites Sortiment, sowohl was Indikationen als auch was Produkte anbetrifft. Wir bieten Lösungen nicht nur für die großen Ackerbaukulturen, sondern wir gehen – getragen durch das Kupfer – ja sehr gezielt in die Sonderkulturen. Das erfordert eine breite Ausstattung mit Personal. Was uns mit Sicherheit auszeichnet, ist – gemessen am Marktanteil – die hohe Präsenz im deutschen Markt. Sie ist gewollt.

Auch noch in Zeiten der heutigen Kommunikationstechnologien?

Clausen: Schnell einen Internet-Auftritt hochziehen, über soziale Medien kommunizieren – das erscheint modern. Etwas ganz anderes ist es aber, ein Netz von engen, langfristigen und belastbaren Kundenbeziehungen herzustellen, das umso mehr zählt, wenn es mal nicht so rund läuft. Darauf basiert unsere Strategie, und dabei bleiben wir. Ich glaube nach wie vor an das persönliche Gespräch, jede Begegnung ist besser als ein Telefonat, jedes Telefonat ist besser als eine SMS oder E-Mail.

Wie beurteilen Sie den anstehenden Konsolidierungsprozess in der Agrarchemie?

Clausen: Ich glaube nicht, dass der Landwirt am Ende alle Vorleistungen wie Saatgut, Düngemittel oder Pflanzenschutz von nur einem Lieferanten beziehen will. Auch die Kartellbehörden prüfen sehr intensiv, ob der Wettbewerb nicht zu stark beeinträchtigt wird. Bei einigen der geplanten Zusammenschlüsse werden mit Sicherheit Verkäufe gefordert.

Ergeben sich dadurch Chancen für Ihr Unternehmen?

Clausen: Unser Mutterkonzern Mitsui & Co. beobachtet den Prozess sehr genau. Wenn es Chancen gibt, gehe ich davon aus, dass sie ergriffen werden können. Das mögen auch größere finanzielle Engagements sein. Bereits vor gut zwei Jahren hat Mitsui & Co. das Kupfergeschäft von DuPont gekauft. Aktuell wurde das Getreidebeizmittel Latitude von der Monsanto mit allen Rechten gekauft. Das Produkt wird in Europa über die zu Mitsui & Co. gehörenden Tochterfirmen Certis Europa und Spiess-Urania vertrieben. Diese Akquisitionen sind Bausteine. Sollten sich weitere Möglichkeiten ergeben, werden wir diese genau analysieren und entsprechend handeln.


Zur Person
Dr. Nicolaus-Erik Clausen (Jahrgang 1956) stammt aus Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze. Nach landwirtschaftlicher Lehre und Agrarstudium sowie Promotion in Kiel startete er in der Wirtschaftsprüfung. Anschließend wechselte er zum Bayer-Konzern, bei dem er über viele Jahre in verschiedenen Bereichen und Führungsfunktionen tätig war, zuletzt in der Leitung des Marketings von Bayer Crop Science Deutschland. Seit Mai 2004 ist Clausen Geschäftsführer der Spiess-Urania Chemicals GmbH, Hamburg.

Sie sind auch im Forum Moderne Landwirtschaft engagiert. Hilft das Gremium in der politischen Diskussion?


Clausen:
Das ist auf jeden Fall der richtige Weg. Es geht nicht nur um den Pflanzenschutz, sondern auch um die Düngung oder die Tierhaltung. Wir müssen technischen Fortschritt so hinbekommen, dass moderne Landwirtschaft überzeugt. Die Lösung finden wir aber erst, wenn alle Seiten besser zuhören statt auf ihren Standpunkten zu beharren. Wenn Landwirte und Pflanzenschutzindustrie ständig beteuern, dass sie alles schon richtig machen und ohnehin die strengsten Regeln der Welt befolgen, dann ist das zwar nicht falsch, es will aber niemand hören. Damit werden wir als ‚Agrarfraktion‘ nicht glaubwürdiger. Wir müssen auch wegkommen von der Diskussion um Rückstände im Piko- oder Nano-Bereich – damit kann keiner etwas gewinnen. Wir brauchen Kompromisse!

Sind Sie optimistisch, dass es zu einer Annäherung kommt?

Clausen: Ich bin Realist. Die Bevölkerung hat immer seltener Kontakt zur Landwirtschaft und die Distanz wächst eher noch. Das muss man so nüchtern feststellen. Die Diskussion wird uns also wahrscheinlich erhalten bleiben. Wenn wir eine offene Gesellschaft wollen, müssen wir uns weiterhin diesen Kontroversen stellen. Auch wenn es angesichts des allgemeinen Wohlstandes in diesem Land nicht leichtfällt, die Menschen vom hohen Wert einer guten Ernährung zu überzeugen. Das Forum kann einen großen Teil dieser Aktivitäten zur Kommunikation einer modernen und umweltgerechten Landwirtschaft leisten.

Das Gespräch führte Dagmar Behme
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