Olaf Schultz zur Mittelstandsumfrage

Mittelständische Unternehmen in Deutschland schätzen ihre wirtschaftliche Lage außerordentlich günstig ein. Der kräftige Aufschwung, der vor zwei Jahren begann, hat bis zu diesem Herbst nichts an Kraft verloren. Der Blick in die Zukunft trübt sich jedoch ein. Pessimismus macht sich in den kommenden Monaten auch in der Agrarwirtschaft breit – jedenfalls laut der jüngsten Mittelstandsumfrage der DZ Bank.

Die Experten des Frankfurter Kreditinstituts analysieren seit 15 Jahren jeweils im Frühjahr und Herbst die acht wichtigsten Mittelstandsbranchen in Deutschland. Den Ergebnissen zufolge beurteilen Agrarunternehmen ihre künftige Geschäftslage mit am ungünstigsten im Vergleich zu anderen Mittelständlern hierzulande. Die Analysten verkennen offensichtlich, dass es „die“ Agrarwirtschaft als homogenen Wirtschaftszweig in Deutschland nicht gibt. Trefflich streiten lässt sich sicher darüber, wie repräsentativ Umfragen allgemein sind – und jene der DZ Bank im Besonderen. Von den insgesamt 1.500 Teilnehmern an der Mittelstandsbefragung entfallen nur etwa 6 Prozent auf die Agrarwirtschaft. Politische Rahmenbedingungen und Wettbewerb haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass sich in der Landwirtschaft die Betriebszweige Pflanzliche und Tierische Erzeugung höchst unterschiedlich entwickelt haben. Aktuell beurteilt ein Veredelungsbetrieb angesichts hoher Futterkosten seine Situation sicher anders als der Ackerbauer, der für seine diesjährige enttäuschende Getreide- und Rapsernte mit attraktiven Preisen entschädigt wird. Selbst unter den Akteuren der Pflanzen- und Tierproduktion schwankt das Stimmungsbarometer, nicht unwesentlich beeinflusst vom angespannten Agrarhaushalt in Brüssel und Berlin. Wenn landwirtschaftliche Unternehmen ihre Zukunft negativ einschätzen, wird dies sicher auch sehr genau von den Banken registriert. Zwar ist aus Finanzkreisen immer wieder zu hören, dass die Branche – bezogen auf die gesamte Wirtschaft in Deutschland – eine stabile Kundengruppe ist. Insbesondere eine vergleichsweise hohe Ausstattung mit Eigenkapital ist dafür ausschlaggebend. Dennoch dürfte der Eindruck des Klagens ein Eigentor und für das künftige Kundenimage nicht besonders einträglich sein. Immerhin ist davon auszugehen, dass der Finanzierungsbedarf bei den Landwirten steigen wird. Die Beschlüsse für die Gemeinsame Agrarpolitik nach 2013 sehen einen Abbau von Subventions- und Fördergeldern vor. Zumindest wachstumswillige Agrarunternehmen werden nicht zuletzt aus diesem Grund häufiger den Weg zum Kreditinstitut einschlagen müssen.

Um in künftigen Erhebungen ein möglichst realistisches Bild von der Agrarwirtschaft zu bekommen, sollten die Analysten der DZ Bank diesen Sektor für sich neu definieren. Den Informantenpool nachzubessern im Sinne einer möglichst ausgewogenen Branchenrepräsentanz wäre eine Konsequenz. Sonst besteht die Gefahr, dass ein in Umfrageergebnissen mündender, allgemeiner Branchenpessimismus unternehmerisches Denken abwürgt. Dies kann weder im Interesse der Bank noch im Sinne der Kreditnehmer von morgen sein.
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