Dr. Jürgen Struck zum Wirtschaftsforum in Davos

Führende Vertreter aus Politik und Wirtschaft treffen sich für einige Tage im tief verschneiten schweizerischen Davos. In wenigen Tagen soll den mehr als 2600 Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums (WEF) eine Bestandsaufnahme zum Zustand dieser Welt vorgelegt und Wege zur Lösung drängender Probleme aufgezeigt werden. Auf dem wankenden Grund eines aus der Balance geratenen Weltfinanz- und -wirtschaftssystems gelangen neue Fragen auf die diesjährige Agenda. In seinem im Vorfeld des Treffens veröffentlichten siebten Report „Global Risks 2012“ wird erstmalig der Bereich Landwirtschaft und Ernährung genannt und als Tagungspunkt eine „New Vision for Agriculture“ angekündigt. In der 50 Punkte umfassenden „Landkarte Globaler Risiken“ stehen Nahrungsmittelengpässe und die Volatilität der Preise für Agrargüter und Energie ganz weit oben.

In früheren Ausgaben des im Jahr 2007 erstmals erschienenen Risikoreports waren sie nicht zu finden. Der Beginn des diesjährigen WEF fällt zusammen mit dem 1. Jahrestag der so genannten „Ägyptischen Revolution“ am 25. Januar. Die vor gut einem Jahr in Ägypten stattgefundenen Unruhen hatten schlaglichtartig die globalen Probleme wie Bevölkerungsentwicklung, hohe Nahrungsmittelpreise und mangelnde Perspektiven für junge Menschen in vielen Ländern deutlich gemacht. In Ägypten hat sich die Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren verdoppelt – von 40 auf 80 Millionen, vorwiegend junge Menschen ohne Aussicht auf ausreichendes Einkommen. Ägypten kann sich nicht selbst ernähren. Das Land ist und bleibt größter Weizenimporteur der Welt, Exporte gibt es kaum und die Handelsbilanz ist sehr negativ. Nach rund 30 Jahren verschwand ein vermeintlich stabiles politisches System, dessen Nachfolge offen ist. Nach Ägypten könnten derartige Unruhen auch andere Länder Nordafrikas und der Arabischen Halbinsel erfassen. Es geht in der Diskussion über Nahrungsmittel in Davos sicher nicht ausschließlich um die Beseitigung der Not der offiziell 850 Millionen hungernden Menschen weltweit. Dann hätte das Thema auch in früheren Jahren behandelt werden können. Es geht vielmehr um die politische Dimension einer knappen und teuren Nahrungsversorgung. Es geht um Geopolitik.

Die Agrarwirtschaft ist auf dem Sprung, als gewichtiger Stabilitätsfaktor für die gedeihliche Entwicklung weltweit wahrgenommen zu werden. Für das weitere Vorgehen empfiehlt der Report vorläufig einen Dreiklang in der Zusammenarbeit aus dem öffentlichen Sektor, also den Staaten, dem privaten Sektor, also Investoren, sowie der so genannten Zivilgesellschaft. Sie alle sollen die Entwicklung des ländlichen Raumes stützen. Neben der Nahrungsmittelversorgung soll und muss er Lebensgrundlage sein und wirtschaftliche Perspektiven für Millionen junger Menschen bieten. In welcher Weise dies in konkreten Handlungen umgesetzt werden kann, ist noch nicht erkennbar. Doch die Zeit drängt. Patentrezepte gibt es nicht – aber eine „New Vision for Agriculture“ vom WEF weckt Hoffnung und kann dem Agrarsektor einen neuen Stellenwert zuordnen.
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