Neue Interventionskriterien für Getreide im Tagesgeschäft berücksichtigen

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Preisentwicklung schwer prognostizierbar - Witterung gewinnt an Bedeutung - Angebotsdruck 2000/01 erwartet

31. Mai 2000; Dr. Henning Ehlers, Deutscher Raiffeisenverband, Bonn

Die Vorzeichen für die Vermarktung der Getreideernte 2000 werden mehr als in den Vorjahren von den agrarpolitischen Rahmenbedingungen und den Instrumenten der europäischen Getreidemarktverwaltung bestimmt. Ob die Marktpreise dem vorgezeichneten Preispfad genau folgen werden, lässt sich derzeit schwer prognostizieren. Bei der Beurteilung hilft ein Blick auf die Beschlüsse. Auch die von der EU-Kommission angeführte Begründung für die Verschärfung der Interventionskriterien gibt Hinweise, welche Getreidearten, welche Regionen und welche Erzeuger von den Änderungen betroffen sein werden.

Auf Grund der Agenda-Beschlüsse wird in einem ersten Schritt der Interventionspreis für Getreide zum Juli 2000 um 7,5 Prozent gesenkt. Darüber hinaus hat die EU-Kommission im Agrarpreispaket eine Kürzung der Monatsreports um 7,5 Prozent vorgeschlagen. Schließlich haben die im Februar von der Kommission im Verwaltungsausschussverfahren beschlossenen Verschärfungen der Interventionskriterien den Preisdruck weiter erhöht. Die EU-Kommission kündigte im Spätherbst 1999 erstmals an, dass sie eine Verschärfung der Qualitätskriterien für Interventionsgetreide in Angriff nehmen will. Ausschlaggebend für diesen Vorstoß war insbesondere, dass die Interventionsbestände seinerzeit erneut auf ein Volumen von knapp 20 Mio. t., davon etwa je ein Drittel Roggen, Gerste und Weizen anzusteigen drohten. Das Interventionsgetreide der EU wird fast ausschließlich auf Drittlandsmärkte exportiert, entspricht aber nach Einschätzung der Kommission oftmals nicht den qualitativen Anforderungen der Nachfrager. So kann im Hinblick auf die erforderlichen Backeigenschaften Weizen mit Proteinwerten von weniger als 11 Prozent häufig nicht mit amerikanischer, kanadischer, argentinischer oder australischer Ware konkurrieren.

Mehr Marktorientierung

Um mit qualitativ besseren Angeboten anderer Exportnationen mithalten zu können, musste die EU daher in der Vergangenheit mit relativ hohen Exporterstattungen Anteile auf den umkämpften Drittlandsmärkten teilweise teuer erkaufen. Besonders beanstandete sie, dass trotz eines EU-weit gleichen Interventions- und Ankaufpreises für französische Ware geringere Preise auf dem Weltmarkt erzielt werden konnten als für qualitativ besseren deutschen Weizen mit traditionell höheren Proteinwerten. Paradoxerweise musste die Kommission in den vergangenen Jahren beobachten, dass der Import von Qualitätsweizen in die EU zunahm, da der Bedarf der inländischen Industrie an bestimmten Qualitäten offensichtlich nicht gedeckt werden konnte.

Die Kommission zog daraus die Schlussfolgerung, dass mit den geltenden Interventionskriterien falsche Signale für eine markt- und bedarfsorientierte Getreideproduktion gegeben wurden. Diese Einschätzung vertrat sie nachhaltig im Hinblick auf den europäischen und insbesondere den deutschen Roggenanbau: In den vergangenen Jahren stand einer Jahresproduktion von etwa 6 Mio. t. nur ein Binnenmarktverbrauch von rund 4 Mio. t. gegenüber. Gleichzeitig ist die Roggennachfrage aus Drittländern sehr begrenzt mit der Folge, dass ein Großteil des europäischen Roggenüberschusses direkt in die Intervention ging und die Kosten für die Lagerung das Budget der EU aufgrund der langen Lagerdauer überproportional belasteten.

Vor diesem Hintergrund zielten die zunächst vorgeschlagenen Änderungen der Interventionskriterien insbesondere auf einen verminderten Zugang von Getreide in die Interventionsläger. Dies soll durch erhöhte Qualitätsanforderungen insbesondere für Weizen und Roggen sowie durch eine Senkung des Höchstfeuchtigkeitsgehaltes für alle Getreidearten erreicht werden. Zwar hat die Kommission ihre ursprünglichen Pläne nach intensiven Gesprächen mit den betroffenen Wirtschaftsverbänden und aufgrund des nachhaltigen Widerstands einiger Mitgliedstaaten teilweise zurückgenommen. Insgesamt aber erhöhen die beschlossenen neuen Qualitätskriterien die Hürden für den Zugang von Getreide in die europäischen Interventionsläger.

Wichtig im Tagesgeschäft

In welchem Maße die Verschärfungen im Markt preiswirksam werden, ist noch schwer zu prognostizieren, da sie zunächst nur für die Andienung von Getreide an die europäischen Interventionsläger gelten. Da die Intervention nach wie vor erhebliche Bedeutung insbesondere für den deutschen Markt hat und der Interventionspreis in vielen Regionen weiterhin mehr als nur eine Orientierung für das Handelsgeschäft ist, sind unmittelbare Konsequenzen für das Tagesgeschäft des Getreidehandels vorgezeichnet. So lässt sich insbesondere das Roggenangebot über die Inlandsnachfrage kaum abbauen, erhebliche Anteile der Produktion fließen insbesondere in marktfernen Regionen in die Intervention ab. Die stagnierende Nachfrage wird auch im kommenden Wirtschaftsjahr nicht ausreichen, um das Angebot auszugleichen. Aufkäufer nähmen deshalb Risiken in Kauf, wenn sie die verschärften Interventionskriterien im Tagesgeschäft mit den Landwirten außer Acht ließen, um anschließend ab November einen Teil der Ernte mangels anderer Absatzmöglichkeiten der BLE andienen zu müssen.

Größere Witterungsabhängigkeit

Die Getreidequalität ist bekanntlich von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich. Häufig führen ungünstige das heißt von stärkeren Niederschlägen bestimmte Witterungsperioden vor und während der Ernte zu schlechteren Qualitäten. Die Kriterien Eigengewicht, Sedimentationswert und Fallzahl bei Weizen werden durch Witterungseffekte, der Eiweißgehalt zusätzlich auch durch agronomische Maßnahmen, zum Beispiel die Düngungsintensität, bestimmt. Betrachtet man den Durchschnitt der vergangenen Jahre, so sind in Deutschland durch die Einführung des Mindestproteingehaltes von 10 Prozent (Wj. 2000/01) bis 10,5 Prozent (Wj. 2002/03) aufgrund der guten Qualität des hiesigen Weizens voraussichtlich keine negativen Auswirkungen zu befürchten. Die Senkung des Höchstfeuchtigkeitsgehaltes auf 14,5 Prozent sowie die Einführung eines Abschlages bei 14,1 Prozent bis 14,5 Prozent Feuchte von 0,2 Euro je 0,1 Prozentpunkt Feuchte für alle Getreidearten wird dagegen voraussichtlich spürbarer. Bei ungünstigen Witterungsbedingungen wie zum Beispiel zur Ernte 1996 könnte allein die neue Feuchtigkeitsregelung einen deutlichen Preisabschlag nach sich ziehen.

"Fallbeil-Kriterium" Fallzahl

Bei Roggen mag die von 100 auf 120 Sekunden erhöhte Fallzahl auf den ersten Blick nicht dramatisch erscheinen. Es ist aber zu beachten, dass diese Fallzahl eine Mindestanforderung ist. Ein Abschlag bei Unterschreiten des Wertes ist nicht vorgesehen, Roggen kann in diesem Fall nicht interveniert werden. Dieses "Fallbeil-Kriterium" kann in ungünstigen Jahren für große Teile der Ernte verheerende Folgen haben. Dieser Roggen wäre lediglich als Futterroggen zu verwerten. Die Notierungen für diese Qualitäten lagen in der Vergangenheit deutlich unter dem Interventionspreisniveau. Das Risiko für die Erzeuger beim Anbau von Roggen hat sich durch die neuen Kriterien deutlich erhöht.

Die Kommission hat somit den durch die Agenda beschlossenen Preisdruck weiter verschärft. Für die kommende Ernte hat sie den Landwirten keine Anpassungsmöglichkeiten eingeräumt. Bei der Herbstaussaat 2000 sollten Erzeuger aber verstärkt auf die höheren Absatzrisiken insbesondere für Roggen hingewiesen, und wo immer möglich, Anbaualternativen empfohlen werden.

Überschüsse vorgezeichnet

Nach jüngsten Schätzungen wird in der EU im Jahr 2000 eine Getreideernte eingefahren, die mit rund 206 Mio. t etwa 8 Mio. t größer ausfällt als im Vorjahr. Hinzu kommt, dass der Export im laufenden Getreidewirtschaftsjahr durch die WTO-Verpflichtungen behindert wird. Von den 2000/2001 insgesamt möglichen 25,2 Mio. t subventionierten Getreideexporten entfallen lediglich 10,8 Mio. t auf Grobgetreide. Zum Vergleich: im laufenden Wirtschaftsjahr werden voraussichtlich rund 30 Mio. t. insgesamt exportiert, davon knapp 15 Mio. t. Grobgetreide, im wesentlichen Gerste und Roggen. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere bei letzteren Getreidearten im Wirtschaftsjahr 2000/01 ein deutlicher Überschuss und damit ein verstärkter Ansturm auf die Interventionslänger vorgezeichnet.

In diesem Jahr hat die Kommission noch die günstigen globalen Wirtschaftsbedingungen genutzt und bei festem US-Dollarkurs und steigenden Weltmarktpreisen die Ausfuhren angekurbelt. Bleiben diese globalen Parameter stabil, könnten im Laufe des kommenden Getreidewirtschaftsjahres EU-Weizenexporte ohne Erstattungen möglich werden. Für Futtergetreide aber ist der Abstand zwischen Binnenmarktpreis und Weltmarktpreis gegenwärtig noch groß.

Die Daumenschrauben, die die EU-Kommission der Getreideintervention anlegt, werden in der Vermarktung erst dann an Bedeutung verlieren, wenn die Intervention von Getreide als Ganzes an Marktbedeutung verliert. Dies wird voraussichtlich erst der Fall sein, wenn die Weltmarktpreise noch stärker anziehen und europäisches Getreide ausnahmslos ohne Exporterstattungen auf Drittlandsmärkten abgesetzt werden kann.
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