Axel Mönch zum rumänischen EU-Agrarkommissar
 

Bei allem guten Willen lässt sich nicht leugnen, dass der neue EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos aus Rumänien eher eine Verlegenheitslösung ist. Barroso hatte wenig Auswahl, als er einen Nachfolger für Mariann Fischer Boel suchte. EU-Mitgliedstaaten wie Irland, Dänemark, Österreich oder die Niederlande hätten durchaus Chancen auf die Besetzung des einflussreichen Agrarressorts gehabt. Doch mit der Entsendung von landwirtschaftsfernen Kandidaten nach Brüssel haben diese kleineren EU-Mitgliedstaaten schon im Vorfeld signalisiert, dass sie es auf andere Aufgabengebiete abgesehen haben - wie etwa Forschung, Klima oder Informationstechnologie. Die einzige ernst zu nehmende Bewerbung für das Agrarressort kam aus einem der jüngsten EU-Mitgliedsländer, wo die Landwirtschaft noch viel zählt. Barroso hat mit Ciolos den Sprung zu neuen Ufern gewagt.

Der neue EU-Agrarkommissar kommt aus Rumänien. Dort ließen in der Vergangenheit Berichte aufhorchen, die Höhe von Subventionen hänge nicht allein von den Zahlungsansprüchen der landwirtschaftlichen Betriebe ab, sondern auch von Kontakten zu den richtigen Leuten. Dennoch sollte man sich vor schnellen Urteilen hüten und Ciolos nicht automatisch unterstellen, er wolle die rumänischen Sitten nach Brüssel mitnehmen. Der neue, parteilose Agrarkommissar hat wahrscheinlich mehr Unabhängigkeit zu seinem Herkunftsland als viele seiner Kollegen. Ciolos gehört der jungen aufstrebenden Elite in Osteuropa an, die die Karriereleiter überwiegend außerhalb ihres Landes nach oben gestiegen ist. Ihre Entwicklungsmöglichkeiten hat sie der Europäischen Gemeinschaft zu verdanken. Deshalb ist allein schon aus biografischen Gründen zu hoffen, dass Ciolos in der Position des Kommissars ein guter Vertreter Europas sein wird. Das Vertrauen in seinen agrarpolitischen Sachverstand ist immerhin so groß, dass ihm ein Direktorenposten in der Generaldirektion für Landwirtschaft sicher war. Nun kommt er gleich als Kommissar nach Brüssel.

Eine neue Ära läutet auch der neue EU-Vertrag mit seinen erweiterten Mitbestimmungsmöglichkeiten für das Europäische Parlament ein. Die Zeiten, in denen Regierungschefs aus Deutschland und Frankreich die Gemeinsame Agrarpolitik in langen Gipfelnächten nach Gutsherrenart zurechtschustern, sind vorbei. Ab jetzt wird alles mit den Parlamentariern abgesprochen, und das gilt dann auch. Umso wichtiger wird die Rolle des Agrarkommissars sein. Er muss, stärker noch als bisher, mit einem überzeugenden und in sich schlüssigen Konzept die verschiedenen Ansichten von Ländern und Parteien im Europaparlament unter einen Hut bringen. Agrarpolitischer Sachverstand ist bei dieser Aufgabe wichtiger als eine Hausmacht. Deshalb sollte man dem rumänischen Agrarkommissar offen begegnen. Aus einer Verlegenheitslösung haben sich schon manche unverhofften Erfolge entwickelt.
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