Neue Vermarktungschancen für Qualitätsweizen im Drittlandsexport

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Spezialisierte Landwirte sollten sich nach bislang enttäuschender Vermarktungskampagne für E-Weizen nicht aus dem Anbau zurück ziehen

17. April 2000; Jan Peters, Korrespondent der Agrarzeitung Ernährungsdienst, Hamburg

Der Anteil der E-Sorten an der bundesdeutschen Weizenanbaufläche hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Die Prämien, die für diese Qualitäten bezahlt werden stellen oft zu wenig Anreiz für den Anbau dar. Die Vermarktung der letztjährigen Erntemenge gestaltete sich bislang so schleppend, dass der Preisabstand zwischen E-Weizen und normalem Brotweizen auf 1,50 DM/dt schrumpfte. Doch zuletzt belebte sich die E-Weizennachfrage wieder, so dass die Rechnung jetzt besser aufgeht. Grundsätzlich sollte die Produktion von Qualitätsweizen nicht von Jahr zu Jahr entschieden werden. Denn die Märkte brauchen langfristige Pflege, gerade auch im zunehmenden Wettbewerb mit nordamerikanischen Anbietern.

Die positive Preisentwicklung beim B-Brotweizen seit der Ernte 1999 bei gleichzeitig stagnierenden Preisen für E-Weizen könnte manchen Landwirt dazu verleiten, bei der Herbstaussaat erneut die Anbaufläche für E-Weizen einzuschränken. Monatelang lag der E-Weizen unverkäuflich in den Lägern der Erzeugerstufe und aufnehmenden Hand. Seit rund zwei Wochen jedoch wurden größere Mengen erstmals auch außerhalb Europas direkt von den Mühlen nachgefragt. Jetzt zahlt sich langer Atem aus. Die Vermarktung von E-Weizen hat sich in den vergangenen zehn Jahren jedoch generell verändert. Internationale Kontakte sind entscheidend für die Vermarktung von Qualitätsweizen geworden, und kurzfristige Geschäfte bestimmen kaum noch das Tagesgeschäft.

Ausnahmejahr für Weizenvermarktung

Die zügige Vermarktung von B-Weizensorten aus der Ernte 1999 zu stetig anziehenden Preisen aber muss unter den speziellen Umständen dieses Vermarktungsjahres gesehen werden. Da die Weizenanbaufläche in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um mehr als 10 Prozent eingeschränkt worden war und die kleinere Ernte von Anfang an auf gute Nachfrage traf, zogen die Notierungen für B-Weizen gleich nach der Ernte an. Gleichzeitig wies der B-Weizen einen guten Proteingehalt auf. So konnten diese Qualitäten wettbewerbsfähig angeboten werden. Anders verlief dagegen die Marktsituation bei den Hochqualitätssorten: Hier stockte die Vermarktung seit der Ernte; besonders in den östlichen Bundesländern lag der E-Weizen wie Blei in den Erzeugerlagern.

Die Preise für E-Weizen stagnierten seit der Ernte, so dass die Qualitätsprämien gegenüber dem gefragten Brotweizen Monat für Monat geringer ausfielen. Unmut bei den Erzeugern machte sich breit, sie konnten nicht verstehen, wie der einst so hochgepriesene Qualitätsweizen jetzt auf einmal nicht mehr gefragt sein sollte. Die Erntepreise für E-Weizen lagen im Sommer 1999 um 27,50 DM/dt franko Rostock, während für normalen Brotweizen mit mindestens 12 Prozent Protein gerade einmal 24,- DM/dt in Aussicht gestellt wurden. Dann drehte sich der Markt, und die Prämie für E-Weizen verringerte sich bis Anfang April 2000 von ursprünglich 3,50 DM/dt auf nur 1,50 DM/dt. Erzeuger und Vermarkter waren bis zu diesem Zeitpunkt über den Marktverlauf beim E-Weizen gleichermaßen enttäuscht.

Jetzt wird überall E-Weizen verkauft

Seit Anfang April scheint sich das Blatt zu wenden: Die Nachfrage am Markt für E-Weizen hat sich in den vergangenen Tagen deutlich belebt. Größere Verkäufe an die südeuropäische Mühlenindustrie in Richtung Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sowie Verschiffungen in Drittländer führten zu einem Anstieg der Preise in den Exporthäfen. Erstmals vermarkten hiesige Exporteure auch größere Mengen an E-Weizen außerhalb Europas. Die Käufer sind Handelshäuser in Israel. Auch aus Südafrika kamen in den vergangenen Wochen einige Anfragen. Zudem ist die Türkei mit einem bisher gekauften Volumen von rund 100.000 t E-Weizen ein wichtiger Abnehmer von E-Weizen an den norddeutschen Märkten geworden. Die Preise für Qualitätsweizen zogen Mitte April erstmals seit der Ernte auf 30,- DM/dt franko spürbar an, die Differenz zum B-Brotweizen hat sich wieder auf das mindestens erforderliche Niveau von 2,50 DM/dt erhöht.

Diese neuen Vermarktungsströme zeigen, dass die gute Qualität der E-Sorten auch über die Grenzen Europas hinaus bekannt wird und die Ware als Aufmischweizen zunehmend populärer wird. Dies hat jedoch auch seine Ursache: Da die internationalen Handelshäuser in den wichtigen Nachfrageregionen für Weizen in der ganzen Welt mit eigenen Filialen vertreten sind, spricht sich die gute Qualität zunehmend herum. Die Vermarktung beim E-Weizen gestaltet sich nach Angaben internationaler Händler jedoch völlig anders als beim Massenweizen der B-Qualitäten. Beim Qualitätsweizen müssen die Mühlen mit Probemahlungen von der guten Qualität überzeugt werden und das Preisniveau muss gegenüber dem Drittlandsweizen aus den USA und Kanada wettbewerbsfähig sein.

Die Mühlen entscheiden selbst

Deshalb werden zukünftig bei der Vermarktung von deutschem Qualitätsgetreide auf den Weltmärkten enge, direkte Kontakte internationaler Weizenhändler zu den Verarbeitern wichtiger denn je. Die Liberalisierung des Welthandels hat zur Folge, dass nicht mehr die zentralen Einkaufsorganisationen die Versorgung des Landes mit Getreide vornehmen, sondern dass die Einkäufe zunehmend direkt von den Verarbeitungsbetrieben in den Käuferländern vorgenommen werden. Die internationalen Handelshäuser hatten in den vergangenen Jahren vor allem in den osteuropäischen Ländern nicht mehr mit den zentralen Einkaufsbüros für Getreide zu tun. Zunehmend bekommt inzwischen das Gespräch mit den "Müllern" vor Ort an Gewicht. Deshalb wird dem Qualitätsgedanken heute eine ganz andere Dimension als noch vor wenigen Jahren zuteil.

Noch in den achtziger Jahren verlief die Vermarktung von Weizen völlig anders. Die benötigten Mengen eines Landes wurden vielfach von den Zentralen der Verarbeitungsbetriebe zugeteilt. So kaufte zum Beispiel die "Exportkleb" Moskau in den achtziger Jahren Millionen Tonnen an Weizen für das gesamte Reich ein und verteilte die Ware dann auf die einzelnen Regionen und Verarbeitungsbetriebe, ohne auf die individuellen Qualitätsanforderungen in den Regionen eingehen zu können. Heute sind die Mühlenbetriebe vor Ort für den Einkauf selbst verantwortlich. Deshalb können die europäischen Ablader heute nicht mehr wie früher teilweise beim Weizenexport in Richtung ehemalige UdSSR jeden "Ramsch" in den Drittlandsexport verladen, sondern die Mühlen in den Käuferländern achten sehr genau auf die gelieferten Qualitäten. Bei analysierten Minderwerten werden schmerzhafte Abschläge vom Verkaufspreis vorgenommen.

Nachfrage nach Qualitätsweizen wächst

Obwohl die Amerikaner und Kanadier mit ihrem eigenen Hochproteinweizen um die Gunst der Käufer warben, ist es jetzt den europäischen Handelshäusern zum ersten Mal gelungen, qualitativ hochwertigen E-Weizen gute Prämien von 15 bis 20 US-$/t über dem Weltmarktniveau beim Drittlandsexport zu erzielen. Für die Zukunft ist es durchaus denkbar, dass direkt Brot- und Qualitätsweizen aus dem freien Markt in einheitlich großen Partien zu attraktiven Preisen - vielleicht sogar ohne die Zahlung von Exporterstattungen - außerhalb Europas verkauft wird. Jetzt gilt es daran zu arbeiten, den Amerikanern und Kanadiern bei der Lieferung von Qualitätsweizen Marktanteile abzuringen. Der Bedarf an Aufmischweizen mit hohen Qualitätswerten steigt nach Aussagen eines internationalen Weizenhändlers um jährlich 1 bis 1,5 Mio. t weltweit an. Insbesondere die zunehmende Kaufkraft in den ostasiatischen Ländern belebt die Nachfrage nach höherwertigen Weizenqualitäten, zu denen zweifelsohne auch der deutsche E-Weizen gehört.

Es bleibt zu hoffen, dass der jetzt doch noch eingetretene Preisaufschwung Signalwirkung hat und zu einer Stabilisierung der Anbaufläche für E-Weizen zu nächsten Aussaat führen wird. Mit dem Blick auf die Vermarktungsstrukturen von Qualitätsweizen aus den USA und aus Kanada bedarf es erheblicher Anstrengungen zu einer Koordinierung von Anbau von Vermarktung von E-Weizensorten, damit Marktanteile auch außerhalb Europas aufgebaut werden können. Die Erzeuger von diesen Qualitäten brauchen jetzt einen langen Atem, um den Anschluss an attraktive Vermarktungskanäle aufzubauen. Nicht in jedem Jahr lassen sich die benötigen Prämien erzielen, mittelfristig jedoch sollte sich der Erfolg eines besseren Bekanntheitsgrades auch außerhalb Europas einstellen.
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