Polnischer Milchsektor steht vor einer gewaltigen Umstrukturierung

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Sehr kleine Kuhbestände, ungenügende Auslastung der Molkereien und unbefriedigende Qualitäten

19. August 2000; Prof. Franz Mühlbauer, Nataliya Zakryta, Beratungsgruppe Agrarmarketing, Fachhochschule Weihenstephan; Dr. Edyta Luba, Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich

Die polnische Milcherzeugung und Molkereiwirtschaft haben die Probleme, die aus dem Übergang von der zentralen Planungs- auf die freie Marktwirtschaft resultieren, noch nicht überwunden. Die Milchproduktion findet überwiegend in unrentablen Kleinbetrieben statt. Es rächt sich, dass der polnische Staat als einziges ehemaliges Ostblockland die Zeit des kommunistischen Systems nicht dazu genutzt hat, seine Landwirtschaft durch konsequente Kollektivierung in großbetriebliche Strukturen umzuwandeln. Diese Betrachtungsweise sieht zwar etwas wie die Ironie des Schicksals aus, erscheint aber trotzdem gerechtfertigt. Wegen der nicht vollzogenen Kollektivierung erweisen sich jetzt die Agrarstrukturen Polens sogar deutlich ungünstiger als beispielweise die kleinbetrieblichen Strukturen in Süddeutschland. Auch in der Molkereiwirtschaft muss sich erst noch die Spreu vom Weizen trennen.

Mit der politischen Wende ab 1989 setzte in Polen ein deutlicher Rückgang des Milchkuhbestandes ein. Während Ende der achtziger Jahre noch fast 5 Millionen Kühe in polnischen Ställen gezählt wurden, verringerte sich der Bestand bis 1999 auf 3,3 Millionen Tiere. Für 2000 wird ein weiterer Rückgang auf 3,2 Millionen prognostiziert Die rückläufige Tendenz hängt vor allem damit zusammen, dass sich die unwirtschaftlichen Klein- und Kleinstbetriebe mit nur einer Kuh oder wenigen Tieren zunehmend aus der Produktion zurückziehen. Dieser Prozess wird sicherlich noch einige Jahre anhalten, denn auch derzeit befinden sich noch fast 60 Prozent der Tiere in Beständen mit einer bis vier Kühe.

Die ehemaligen staatlichen Agrarunternehmen mit Großbeständen spielen heute eine verschwindend geringe Rolle. Dies ist insofern bedauerlich, als vor dem Transformationsprozess die leistungsstärksten Kühe in diesen Betrieben standen. Die Milchleistung je Kuh stieg von 1993 bis 2000 (Prognose-Wert) zwar um 17 Prozent an. Diese Zunahme konnte aber nicht verhindern, dass die Kuhmilcherzeugung insgesamt zurückfiel. Von 1998 bis 2000 ist von einem Rückgang um 6 Prozent auszugehen. Der Bestandsabbau überkompensiert demnach die Leistungsverbesserung.

Milchqualität überzeugt noch nicht

Die Qualität der erzeugten Milch erscheint sowohl den Verarbeitern als auch den Konsumenten immer noch unbefriedigend. In Polen wird die Milch in vier Qualitätsstufen eingeteilt: Extra, I, II, und III. Die Klasse "Extra" mit einer Keimzahl von maximal 100.000 je ml entspricht in etwa dem Standard der Milchqualität in der EU. Derzeit dürfte sich Schätzungen zufolge der Anteil dieser Stufe auf etwa 30 Prozent der gesamten Milchmenge belaufen.

Die Milchqualität differiert regional sehr stark: Am höchsten ist sie im nordöstlichen Teil Polens, während in Südpolen die häufigsten Qualitätsmängel auftreten. Mit dem In-Kraft-Treten einer neuen Absatzregelung zum 1. März 2000 dürfen die polnischen Molkereien keine Milch der schlechtesten Qualitätsklasse III mehr aufkaufen. Die Milch dieser Klasse wird nun zunehmend von den Erzeugern als Trinkmilch und auch in Form von einfachen selbsterzeugten Verarbeitungsprodukten direkt an Endverbraucher verkauft. In der Praxis haben die Milchverarbeitungsbetriebe bereits zu Beginn dieses Jahres die Beschaffung der schlechtesten Qualitätsklasse eingestellt. Der Anteil dieser Stufe an den gesamten Milchanlieferungen betrug noch im dritten Quartal des vergangenen Jahres 22 Prozent.

Vor diesem Hintergrund wird der Umfang der Milchanlieferungen in den Jahren 1999 und 2000 - offizielle Daten liegen noch nicht vor - im Vergleich zum schwankenden Verlauf der Vorjahre deutlich zurückgehen. Die verarbeitende Industrie beurteilt das Verbot des Aufkaufs der Klasse III positiv, weil seither höherwertige Milchprodukte hergestellt werden können, die zu einem höheren Preis auf einem immer kaufkräftigeren Markt abgesetzt werden können.

EU-Normen bereiten Kopfzerbrechen

Ein Problem hinsichtlich der Anhebung der Milchqualität besteht in der Installierung eines unabhängigen Systems der Qualitätskontrolle. Bisher wird die Milchqualität in den meisten Molkereien durch betriebseigene Labors geprüft. Im Hinblick auf den beabsichtigten EU-Beitritt Polens im Jahr 2003 soll spätestens 2005 die gesamte angelieferte Milch mit den Vorschriften der EU übereinstimmen.

Die Zentralinspektion für das Veterinärwesen scheint jedoch Zweifel an dieser Zielmarke zu haben. Dort wird davon ausgegangen, dass nur etwa 40 Prozent der derzeit insgesamt bestehenden 470 milchverarbeitenden Unternehmen überhaupt eine Chance haben, die in der EU geltenden Hygiene- und Qualitätsnormen zu erfüllen. Von diesen 470 Unternehmen sind nur knapp 300 Betriebe dem industriellen Sektor zuzuordnen, während es sich beim Rest vorwiegend um kleine Familienbetriebe mit geringen Zukunftschancen handelt.

Das polnische Landwirtschaftsministerium geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren ein Investitionsbedarf von 16 Mrd. Zl erforderlich ist, um in den dafür in Frage kommenden Molkereien die notwendigen Modernisierungsmaßnahmen durchzuführen und ein System der Qualitätsüberwachung aufzubauen. Aus Haushaltsmitteln können dafür aber nur 5 Mrd. Zl bereit gestellt werden. Deshalb hoffen viele der modernisierungsfähigen Molkereien auf zinsverbilligte Kredite.

Chancen für rentable Milchverarbeiter

Entwicklungschancen dürften vor allem diejenigen polnischen Milchverarbeitungsunternehmen haben, die heute schon rentabel wirtschaften. Im Allgemeinen sind es Industriebetriebe mit guter technischer Ausstattung. Die Statistik weist für das Jahr 1998 eine Zahl von 294 Industrie-Molkereien mit einem Gesamtumsatz von 9 Mrd. Zl aus. Die Netto-Rentabilität - diese Kennziffer erhält man, indem der Gewinn nach Steuern durch den Umsatz dividiert wird - liegt mit minus 0,47 im Verlustbereich und damit deutlich unter dem Durchschnittsniveau der gesamten Ernährungsindustrie Polens.

Die Ursachen für die unzulängliche Finanzlage der polnischen Molkereiwirtschaft liegen in:

- steigenden Materialkosten und Steuern,
- Forderungen von Banken, Landwirten oder anderen Unternehmen,
- hohen Kreditzinsfüßen, die durch eine relativ hohe Inflation verursacht werden,
- schlecht ausgelasteten Kapazitäten mit einer entsprechenden starken Fixkostenbelastung.

Die Tragweite der letztgenannten Ursache wird dadurch deutlich, dass erst vor kurzem der Präsident der größten polnischen Molkerei Mlekovita mit einer Verarbeitungsmenge von 237 Mio. kg Milch in 1999 erklärte, die Kapazitäten seien nur zu 50 Prozent ausgelastet. Diese Kostenbelastung wurde in der zweiten Jahreshälfte 1999 durch den zu beobachtenden Anstieg der Preise für Milchprodukte hinsichtlich der Rentabilität etwas kompensiert.

Der polnischen Milchindustrie wurde von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) und der EU eine Modernisierungshilfe in Höhe von 32 Mio. Euro zugesagt. Der eine Teil dieses Betrags besteht aus Krediten; der andere aus einer Hilfszahlung, die nicht rückerstattet werden muss. 24 Mio. Euro stammen von der EBWE, während die EU-Kommission 8 Mio. Euro im Rahmen des Phare-Programms zusteuert. Die Hälfte des gesamten Unterstützungsvolumens ist zur Verbesserung der Produktion und Distribution gedacht, die andere Hälfte soll für eine allgemeine Modernisierung verwendet werden. Somit steigen die Chancen der polnischen Milchindustrie, nach dem EU-Beitritt mit der Molkereiwirtschaft der anderen EU-Mitglieder in einen leistungsfähigen Wettbewerb treten zu können.

EU wichtiger Handelspartner

1999 gingen die Exporte Polens bei Milchprodukten deutlich zurück, während die Importe gleichermaßen deutlich anstiegen. Ausgedrückt als Rohmilchäquivalent stiegen die Einfuhren von 302,6 Mio. kg (1998) auf 412,9 Mio. kg. Das entspricht einem Plus von 36 Prozent. Die Ausfuhren fielen im gleichen Zeitraum von 950,3 auf 859,9 Mio. kg, ein Minus von 10 Prozent. Vor allem die reduzierten Exporte von Magermilchpulver und Eiskrem waren für den Rückgang verantwortlich. Dadurch halbierte sich der Außenhandelssaldo nahezu, und zwar von 187,1 Mio. US-$ in 1998 auf 96,5 Mio. US-$ im vergangenen Jahr. Magermilchpulver und Käse hatten den größten Anteil an den Ausfuhren von Milcherzeugnissen, während bei den Einfuhren Joghurt und Kasein vorherrschten. Die Entwicklungsländer und die EU stellten 1999 die wichtigsten Kunden Polens mit 43 und 19 Prozent der polnischen Ausfuhren von Milchprodukten. Auf der anderen Seite treten wiederum die EU sowie die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) als wichtigste Lieferanten für Milcherzeugnisse nach Polen auf. Auf die beiden Regionen entfielen 61 sowie 24 Prozent der polnischen Einfuhren.

Im laufenden Jahr wollen drei Großmolkereien in der Provinz Nordost-Polen (Kurpianka, Mlekovita und Laktopol) ihre Exporte von Käse, Milchpulver und Butter in die EU erhöhen. Dazu benötigen sie allerdings staatliche Exportsubventionen, um aus den Ausfuhren einen Profit erzielen zu können. Bei den Exporten nicht nur von Milchprodukten, sondern von Agrarerzeugnissen generell nach Russland tritt das Problem auf, dass das polnische Banken- und Versicherungssystem keine Exportrisiken abdeckt. Daher müssen die Exporteure die Haftung für Finanz- und Handelsrisiken selbst voll übernehmen. Dieser Umstand und die Tatsache, dass die Preise für polnische Milcherzeugnisse auf dem russischen Markt häufig oberhalb der Preise anderer ausländischer Anbieter liegen, haben zur Folge, dass die Einfuhren polnischer Milchprodukte nach Russland laufend zurückgehen.
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