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Reisewitz: DON-Grenzwerte können zu erheblichen Problemen führen

Agrarzeitung Ernährungsdienst 9. März 2005; Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

Die novellierte deutsche Mykotoxinhöchstmengen-Verordnung ist seit Februar 2004 in Kraft. In der Getreidewirtschaft sorgt das Regelwerk weiterhin für viel Unruhe. Alfred Reisewitz, Leiter Produktmanagement und Braugerstenhandel im Bereich Getreide bei der Agravis Raiffeisen AG, Hannover und Münster, erläutert Konsequenzen aus Sicht des Erfassungshandels.

Wie praktikabel sind die nationalen Mykotoxin-Grenzwerte aus Sicht des Erfassungshandels?

Reisewitz: Die nationalen Mykotoxin-Grenzwerte beziehen sich auf Speisegetreide, zum Beispiel abgepackte Körner, und Getreideerzeugnisse, beispielsweise Mehl, Malz oder Gries. Für so genanntes „Rohgetreide“, also den Rohstoff, den der Erfassungshandel von der Landwirtschaft kauft, aufbereitet und an die Verarbeitungsindustrie liefert, haben sie keinerlei rechtliche Relevanz. Die Praktikabilität ist von daher für die Branche fragwürdig, weil ein Glied in der Wertschöpfungskette Getreide gesetzliche Grenzwerte einhalten muss, die Vorstufen jedoch nicht.

Davon abgesehen ist der Grenzwert des Leittoxins DON in Höhe von 500 µg/kg als sehr niedrig einzustufen und kann je nach Erntebedingungen und Region zu erheblichen Problemen führen. Dies umso mehr, als im Bereich der Analytik selbst die so genannte „Exaktmethode“ HPLC unter Umständen keine reproduzierbaren Messergebnisse einer Probe zulässt, sondern durchaus selbst bei mehrmaliger Analyse ein und derselben Probe Abweichungen von 100 µg/kg und mehr möglich sind.

Welche Möglichkeiten haben die Unternehmen vor und nach der Ernte, die Grenzwerte einzuhalten?

Reisewitz: Der Erfassungshandel kann zunächst nur vorbeugend tätig werden, Grenzwertüberschreitungen bei angelieferten Partien jedoch nicht grundsätzlich verhindern. So versucht beispielsweise die Agravis Raiffeisen AG – wie teilweise andere Marktteilnehmer auch –, über Vorernte-Screenings frühzeitig Informationen über das tatsächliche Gefahrenpotenzial im Feld zu erhalten. Dabei werden etwa zehn Tage vor dem erwarteten Erntebeginn Ährenproben aus Weizenbeständen im Erfassungsgebiet gezogen und zeitnah bei einem geeigneten Labor mittels HPLC auf DON-Gehalte untersucht.

Auf diese Weise können wir im Bedarfsfall zumindest „logistisch“ reagieren und Vorkehrungen für die Ernteaufnahme und Separierung treffen. Dazu gehört auch, das Silopersonal entsprechend zu sensibilisieren. Daneben sind Schnellbestimmungsmethoden wie der Elisa-Test bei den großen Erfassungssilos sowie Mühlen- und Mischfutterbetrieben im Einsatz. Die Exaktheit der Elisa-Werte ist aus wissenschaftlicher Sicht sicherlich kritisch zu betrachten, zurzeit aber der einzige, technisch gangbare Weg, um innerhalb kürzester Zeit im Zuge der Warenannahme überhaupt einen Anhaltswert zu bekommen.

Nach der Ernte werden in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg Rasteruntersuchungen an den eingelagerten Partien durchgeführt. Dies braucht seine Zeit, hat aber den Vorteil, dass wir einen systematischen Überblick über das Niveau einer möglichen Mykotoxin-Belastung der Lagerpartien erhalten. Werden Getreidepartien mit Fusarienbefall angeliefert, hat der Erfassungshandel in der Regel die Möglichkeit, nach entsprechender Bonitur in Form einer visuellen Prüfung und Hektoliter-Gewichtsfeststellung mit den heute verfügbaren technischen Anlagen die befallenen Körner herauszureinigen.

Geschädigte Körner sind oftmals wesentlich „leichter“ als gesunde und können mit der richtigen Windeinstellung selektiert werden. Im Falle höherer Mykotoxin-Gehalte bei fusarienbefallenen Körnern kann so eine deutliche Reduzierung des Gefährdungspotenzials erreicht werden.

Gibt es spezielle Probleme für den Handel bei der Umsetzung?

Reisewitz: Die Probleme ergeben sich aus dem oben dargestellten Szenario. Erfasser können a priori nicht ausschließen, dass sie beispielsweise in einem Silo Partien mit höheren DON-Gehalten erfasst haben. Dies kann selbst bei bereits aufbereiteten Partien der Fall sein.

Problematisch wird die Situation dann, wenn die im Nachhinein festgestellten Werte oder die kontraktlich mit Kunden vereinbarten Grenzen deutlich überschritten werden und auch mehrfache Reinigungsgänge keine Einhaltung der kontraktlichen Grenzwerte ermöglichen. Dies ist in der Praxis zum Glück äußerst selten der Fall.

Welche praktischen Tipps geben Sie den Unternehmen des Erfassungshandels, um sich für die kommende Saison zu rüsten?

Reisewitz: Empfehlenswert ist in jedem Fall eine enge Zusammenarbeit mit dem amtlichen Warndienst der Pflanzenschutzämter und eine daraus resultierend intensive Beratung der Erzeugerbetriebe. Über solche vorbeugenden Maßnahmen während der Vegetation wie auch das systematische Vorernte-Screening kann man unter Umständen später mögliche Probleme frühzeitig erkennen und einschränken.

Des Weiteren gehören regelmäßige Schulungen des Silopersonals, sorgfältige Bonitierungen bei der Warenannahme und kontraktliche Musternahme sowie die Bildung identifizierbarer Rückstellmuster zum „Pflichtprogramm“ des Erfassungsbetriebs. Die Dokumentation aller Arbeitsschritte ist daneben nicht nur ein wesentliches Element jedes funktionierenden Qualitätsmanagement-Systems, sondern sichert den Einzelnen im Bedarfsfall auch ab.

Erwarten Sie Grenzwerte für Mykotoxine auf EU-Ebene?

Reisewitz: Auf EU-Ebene ist eine Mykotoxin-Verordnung in Vorbereitung. Sie soll 2006 in Kraft treten und würde dann die nationale Verordnung außer Kraft setzen. Der zurzeit bekannte Entwurf der Verordnung sieht stufenübergreifende Grenzwerte für jedes Glied der Wertschöpfungskette Getreide vor. Nach unserer Auffassung sind die hierbei vorgeschlagenen Grenzwerte vor dem Hintergrund der Praktikabilität und eines vorbeugenden Verbraucherschutzes durchaus akzeptabel.



Grenzwerte für Mykotoxine

- Deoxynivalenol (DON): 500 µg/kg für Getreideerzeugnisse (Getreidekörner zum direkten Verzehr und verarbeitete Getreideerzeugnisse), ausgenommen Hartweizenerzeugnisse, Brot, Kleingebäck und Feine Backwaren;

- Deoxynivalenol (DON): 350 µg/kg für Brot, Kleingebäck und Feine Backwaren;

- Zearalenon (ZEA): 50 µg/kg für Getreideerzeugnisse (Getreidekörner zum direkten Verzehr und verarbeitete Getreideerzeugnisse).
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