Report Haltungsverfahren auf dem Prüfstand

Problemtiere gefährden die gesamte Herde


Scheinbar endlos erstreckt sich der Boxenlaufstall in der Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns.
-- , Foto: has
Scheinbar endlos erstreckt sich der Boxenlaufstall in der Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns.

„Sie hätten bei dieser Geburt dabei sein sollen. Der Tierarzt hat versucht, das leblose Kälbchen wiederzubeleben. Das war unglaublich. Mit blutverschmiertem Gesicht gab er dem Kalb Mund-zu-Mund-Beatmung. Wenn das die Welt sehen könnte, wäre klar, dass wir um jedes Tier kämpfen.“

Geburt als Glücksmoment

Jochen Walther ist aufgebracht. Denn als Geschäftsführer eines großen Milchviehbetriebes in Mecklenburg-Vorpommern geht die Debatte um das Schlachten trächtiger Kühe nicht spurlos an ihm vorbei. Dort wo Tierschützer, Tierärzte und Politiker einen brutalen Umgang mit den tragenden Rindern und ihrem ungeborenen Nachwuchs vermuten, sieht Walther nur eine ausweglose Situation, die zu solch einer Entscheidung führt. Gemeinsam mit seinem Hoftierarzt und Herdenmanager geht er nicht leichtfertig mit der Entscheidung um, eine tragende Kuh zur Schlachtbank zu geben. „Denn die Geburt eines Kälbchens ist eigentlich unser höchstes Gut und verursacht große Glücksgefühle.“ Aber in sehr seltenen Fällen, sagt er, muss es eben sein.



Deswegen stellt er sich auch kritischen Fragen. Dort, wo es unangenehm ist, wird er nicht müde, seine Sicht auf die Dinge zu beschreiben. Zwischen sechs und neun Kühe liefert er im Jahr trächtig zum Schlachthof. Gemeinsam mit dem Tierarzt Bernd Linke erklärt er, bei welchen Tieren sie sich schweren Herzens von Mutter und Kind trennen müssen.

Zwei verschiedene Gründe gibt es: Sobald das Tier eine hochansteckende Mastitis hat, muss es sofort vom Hof. Die Gefahr für andere Tiere ist zu hoch und die Heilungschancen sehr gering. „Als Landwirt ist es ebenso meine Pflicht, Entscheidungen zu fällen, die für ein Tier tragisch enden, aber die restliche Herde schützen.“ Außerdem führt ein gebrochenes Bein oder eine Spreizung im Beckenbereich die Kuh meist unters Messer, ob tragend oder nicht. Das kann passieren, wenn sich 800 kg schwere Kühe während der Brunst gegenseitig bespringen, erklärt Walther den äußerst selten vorkommenden Fall. Solche Tiere dürfen allerdings nicht mehr transportiert werden. Ein mobiler Schlachtwagen fährt dann vor, in dem das Tier getötet wird. „Das kommt aber nur einmal im Jahr vor“, sagt Walther.

Bisher sieht das Tierschutzgesetz vor, dass eine trächtige Kuh im letzten Monat ihrer Tragezeit nicht mehr transportiert werden darf. Das schützt sie und das Kalb indirekt vor dem Schlachter. Falls in diesem Zeitraum einer der beiden Fälle eintritt, lässt Walther die Kuh auf Tiefstroh laufen, bis sie kalbt. Nach der Kalbung geht sie dann unmittelbar zum Schlachten. Sollte die Verletzung allerdings so gravierend sein, dass das Tier die Kalbung nicht mehr überleben kann, muss es trotz allem geschlachtet werden. Dafür kommt wieder der mobile Schlachtwagen, der den Schlachtkörper anschließend zum Schlachthof bringt. Das Kalb im Mutterleib kann nur gerettet werden, wenn es etwa 14 Tage vor der Geburt steht.
 
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Separate Anlieferung

Das Argument, manch ein Tierhalter wisse gar nicht, ob ein Tier trächtig sei, gilt nicht für seinen Hof. Sein Milchviehbetrieb macht am 32. und am 60. Tag nach der Besamung eine Trächtigkeitsuntersuchung mittels Ultraschall. „Denn nur eine tragende Kuh ist eine gute Kuh.“ So will Walther verständlich machen, dass eine tragende Kuh das Gegenteil von Ramschware ist, die man leichtfertig abgibt.

Eine dritte Untersuchung findet am 230. Trächtigkeitstag statt, kurz vor dem Trockenstellen. Schlachttiere werden nicht noch einmal untersucht. Auf Empfehlung des Schlachthofes liefert sein Herdenmanager seit Kurzem Trächtigkeitsdaten mit, sodass der Schlachthof weiß, was ihn erwartet. Das hält Walther auch für sinnvoll. Vielleicht könnte es sogar einen separaten Schlachtprozess geben. Ohnehin vermutet er den Ursprung der Debatte in Schlachtbetrieben, weil dort angehende Tierärzte womöglich plötzlich ein tragendes Tier vor sich hatten. Der „qualvolle Erstickungstod“, ein Begriff, den Gegner der Praxis verwenden und der in vielen Medien zu lesen ist, ist für ihn überladen mit Emotionen. Er kann sich diesem gefühlten Todeskampf des Kälbchens im Mutterleib nicht anschließen. Er ist überzeugt, dass das Kalb nach der Betäubung der Mutter am Schlachthof durch den Sauerstoffmangel nach kurzer Zeit bewusstlos ist und dann einschläft. Immerhin wechsle das Kalb während seines Todes ja nicht das Milieu, daher sei es nicht mit einem Todeskampf eines ertrinkenden Menschen zu vergleichen, sondern eher mit dem Erstickungstod eines Schlafenden im Feuerrauch.

Verbot in Prüfung
Die Bundesregierung prüft zurzeit ein Abgabeverbot für hochträchtige Rinder am Schlachthof als Reaktion auf die Diskussion. Das Schlachten soll so auf „unvermeidbare Ausnahmefälle“ beschränkt werden. Außerdem fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein Forschungsprojekt. Es soll den Anteil der trächtig geschlachteten Tiere und die Gründe, warum Landwirte ihre Tiere abliefern, untersuchen. (has)
Ohnehin bewegen Jochen Walther in turbulenten Zeiten wie diesen eher die in seine Nähe vor Krieg geflüchteten Menschen. „Wir haben doch in Deutschland andere Dinge zu bewältigen, anstatt ständig dieses Thema zu befeuern.“ Auf solche Worte folgen Taten: In einem Flüchtlingsheim im Nachbardorf begrüßt man Jochen Walther mit Freude. Man kennt ihn bereits. Er kümmert sich darum, dass Kinder und Erwachsene eigenständig zum Arzt fahren können – und bringt ihnen Fahrräder mit Anhängern. Nun will er seine Kontakte nutzen, um den Zufluchtsuchenden Sportprogramme zu vermitteln. Doch damit will er nicht ablenken. Um seine Herde in Schuss zu halten, muss er zwar selten notschlachten. Doch Ruhe in die Debatte könnte ein ärztliches Attest und ein gesonderter Schlachtprozess bringen, so ist er überzeugt. (has)
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