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Globales System zur Rückverfolgbarkeit von Futter- und Lebensmitteln

Agrarzeitung Ernährungsdienst 16. April 2005;
Von Dietrich Holler und Dr. Angela Werner, Frankfurt a.M.

Die BASF AG, Ludwigshafen, engagiert sich seit längerem in Sachen Rückverfolgbarkeit. Das Unternehmen setzt dabei auf das elektronische Tracetracker-System für die Lebensmittel- und Futtermittelproduktion. Über die Vorteile und die Perspektiven sprach die Agrarzeitung Ernährungsdienst mit dem BASF-Manager Dr. Christoph Günther.

Warum engagiert sich die BASF für das Tracetracker-System?

Günther: Die BASF ist hier aktiv, weil wir bereits an vielen Stufen in der Wertschöpfungskette beteiligt sind – beispielsweise mit Pflanzenschutzmitteln, Lebensmittelfarbstoffen oder Futtermitteladditiven. Zum einen muss seit Beginn dieses Jahres eine Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln in der EU dokumentiert und gewährleistet sein, wobei nicht vorgeschrieben ist, wie es umgesetzt werden muss. Zum anderen zeigen die zahlreichen Lebensmittelskandale der Vergangenheit, wie notwendig ein solches System ist. Jeder gibt die Verantwortung an einen anderen weiter – und wer übrig bleibt, für den kommt es teuer zu stehen.

Wir können dem nur mit Transparenz und Offenheit begegnen, und dieses System ist eine Möglichkeit. Es ist schnell, weil elektronisch, es verknüpft Handelspartner auf der ganzen Welt und es ist einfach in der Handhabung. Man braucht nur vier Informationen, um Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten: um welches Unternehmen geht es, von wem wurde welches Produkt eingekauft, an wen wurde welches Produkt und welche Charge geliefert. Mit diesen Informationen können wir jeden Partner in der Kette identifizieren. Wir sind davon überzeugt, dass dieses System die beste Lösung ist und es ein Marktstandard werden kann.

Was bringt eine Teilnahme den Unternehmen?

Günther: Die Einrichtung des Systems im eigenen Betrieb und die Überprüfung der internen Abläufe führt zu einer langfristigen Effizienzsteigerung. Danebengibt es weitere wirtschaftliche Vorteile. Rückholaktionen können eingeschränkt und somit viel Geld gespart werden. Denn eine Rückholaktion kann schnell bis zu 150 Millionen Euro je Fall kosten. Handelt es sich um Produktfälschungen, können ebenfalls Schäden in Millionenhöhe entstehen. Zudem gewähren die Versicherungen Rabatte, wenn ein Unternehmen sich am Tracetracker-System beteiligt.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch der Imagegewinn. Schließlich geht es um das Vertrauen des Verbrauchers. Wer sich an diesem Vertrauensbildungsprozess beteiligt, hat immer einen Vorteil. Das System braucht so viele Beteiligte wie möglich, damit die Kette für möglichst viele Produktbereiche geschlossen ist.

Wen haben Sie dabei im Blick und was kostet die Teilnahme?

Günther: Wir wollen zunächst vor allem die großen Hersteller und Einzelhändler wie Unilever, Danone oder Metro als Partner gewinnen. Mit diesen Unternehmen führen wir Gespräche und stellen den Kontakt her. Hier stehen wir aber noch am Anfang. Die Kosten für einen Lizenz- und Anschlussgebühr sowie die eigene Softwarepflege sind in der Regel überschaubar, vorausgesetzt, das Unternehmen besitzt bereits ein eigenes Rückverfolgbarkeitssystem. Muss dieses erst noch eingerichtet werden, wird es natürlich teurer.

Das System war zunächst für die Wertschöpfungskette in der Aquakultur gedacht. Lässt es sich auch auf andere Produktionsbereiche einschließlich der Landwirtschaft übertragen?

Günther: Ja, sicher. Nach der Fischproduktion wird derzeit ein Modul für die landwirtschaftliche Produktion entwickelt. Das Interesse der Beteiligten dieser Kette an Tracetracker ist sehr groß. Die Landwirtschaft einzubinden ist sicher eine große Herausforderung. Zurzeit ist sie noch die Schwachstelle in der gesamten Wertschöpfungskette, da die Landwirte meist über kein Warenwirtschaftssystem verfügen. Darüber hinaus müssen viele Aspekte der Qualitätssicherung schon sehr frühzeitig angegangen werden. Hier muss der Landwirt schon vor der Anbauplanung mit dem Abnehmer über die Qualität und die Sortenwahl sprechen. Die Zusammenarbeit muss noch enger werden.

Gibt es einheitliche Standards wie zum Beispiel eine verbindliche Chargengröße?

Günther: Für Obst und Gemüse gibt es solche Standards. Bei Getreide ist es schwieriger. Hier wird derzeit ein Standard entwickelt, wie man etwa mit einer Siloleerung umgehen und eine für das Unternehmen sinnvolle Chargengröße ermitteln kann. Im Grunde ist die Standardisierung lösbar, nötig sind für die Landwirtschaft etwa zehn Kriterien, die sich aber mit der Zeit aus den Anforderungen der Wirtschaft heraus entwickeln werden.

Wie aufgeschlossen sind Landwirte gegenüber einem solchen System?

Günther: Da das System ausschließlich auf dem Internet basiert, muss sich der Landwirt damit vertraut machen oder es bereits sein. Aber die Top Ten, also die mit IT vertrauten Landwirte, tun das ohnehin und sehen auch, dass sie durch ein solches System ihre Vorteile am Markt sichern. Die BASF hat ein Pilotprojekt gestartet, das ähnlich dem Tracetracker-System aufgebaut ist. Das kommt gut an. In dem Projekt arbeiten Landwirte mit der verarbeitenden Stufe zusammen und stellen produktionstechnische Informationen über eine von der BASF entwickelte Ackerschlagkartei auf einem externen Server ein. Der Verarbeiter und die Landwirte können sich später über einen Abgleich der Qualitätsdaten einigen. Damit ist schon der erste Schritt getan, sich in eine komplexe Lebensmittelwelt einzuklinken.

Viele befürchten eine gläserne Landwirtschaft?

Günther: Ganz so transparent wird man nicht. Die Handelspartner sehen beispielsweise nicht, wie viel Menge der einzelne Betrieb umsetzt oder wie viel er damit verdient, sondern lediglich, dass dieser Betrieb oder das Unternehmen an der Kette beteiligt ist. Die Vorteile überwiegen: Der Unternehmer zeigt, dass er bei der Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Kette dabei ist und dass er die Ansprüche der Verbraucher ernst nimmt.





Am Anfang war der Fisch

Das Telop-Trace-Projekt ist laut BASF das erste weltweite elektronische System zur Rückverfolgbarkeit entlang der Wertschöpfungskette in der Lebensmittelindustrie. Es orientiert sich an den Informationsbedürfnissen der Verbraucher und ist offen für eine Vielzahl von Beteiligten in der Wertschöpfungskette. Mithilfe einer Plattform, dem „Global Traceability Network“, kurz GTNet, soll im Falle eines Lebensmittelskandals der Ursprung einer Verunreinigung schnell lokalisiert und die Rückholaktionen zügig organisiert werden. Das von der norwegischen Regierung initiierte System war zunächst für die Aquakultur (Lachsproduktion und -verarbeitung) gedacht. Es kann aber universell in der Lebens- und Futtermittelproduktion eingesetzt werden.

Das Prinzip ist einfach: Zunächst ist die gesamte Wertschöpfungskette, beispielsweise vom Rohstoff, Futtermittel, über den Erzeuger und Verarbeiter bis hin zum Händler, abgebildet. Damit verknüpft sind die einzelnen beteiligten Unternehmen: Sie stellen die Basisinformationen Chargengröße, Produktionsnummer, Lieferdatum und Kunde bereit. Welche und wie viele Informationen den Handelspartnern zugänglich sind, bestimmt jedes Unternehmen selbst. Mindestens werden jedoch die Adresse und eine Telefonnummer verlangt, sodass sich die Unternehmen im Verdachts- oder Krisenfall schnell verständigen können.

Umgesetzt hat diese Plattform das norwegische Softwareunternehmen Tracetracker Innovations AS, Oslo. Tracetracker sichert und verwaltet die Daten und sorgt für die notwendigen Updates der Software. Die Verwaltung und Pflege ihrer eigenen Daten übernehmen die Unternehmen jeweils selbst.
Weitere Informationen unter tracetracker.
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