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Künftige Kreditvergabe an Unternehmen des Mittelstandes verlangt mehr Transparenz

27. September 2001; Dr. Karsten Füser, Karin Meireis, Ernst & Young Deutsche Allgemeine Treuhand AG, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Stuttgart

Das Thema "Rating" wird zurzeit vielerorts diskutiert, sowohl bei Banken als auch bei mittelständischen Unternehmen. Deren vermeintliche Sorge ist es, dass die Kredite zukünftig schlichtweg teurer werden oder sich die Banken in den nächsten Jahren weiter aus dem Firmenkundenkreditgeschäft zurückziehen. Es gilt daher aus Sicht des Mittelstandes, dieses Thema vor dem Hintergrund des neuen Baseler Eigenkapital-Akkords (Basel II) zu erörtern und die daraus resultierenden Anforderungen zu diskutieren.

Ratings werden zukünftig zum Dreh- und Angelpunkt bei der Vergabe von Krediten. Auslöser dieser schon seit einigen Monaten andauernden Diskussionen ist das am 16. Januar vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht vorgelegte zweite Konsultationspapier zur Reformierung der Eigenkapitalübereinkunft (Basel II). Es sieht unter anderem eine grundlegende Änderung der Eigenkapitalunterlegung der Kredit- oder Adressausfallrisiken bei Banken vor.

Der 1975 gegründete Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht setzt sich aus Vertretern der Zentralbanken sowie der Bankenaufsichtsbehörden der Staaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Niederlande, Schweden, Schweiz und USA sowie Luxemburg zusammen und tritt in der Regel bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel zusammen, wo sich auch sein ständiges Sekretariat befindet.

Schon im Jahre 1988 erließen die Aufsichtsbehörden der im Baseler Ausschuss vertretenen Länder, koordiniert von der BIZ, einheitliche Richtlinien für die Eigenkapitalausstattung von Banken, die in den ersten Baseler Akkord (Basel I) eingingen. Vergeben Banken derzeit Kredite an Unternehmen, so müssen sie nach Basel I bereits jetzt schon Eigenkapital dafür vorhalten. Kredite an Firmenkunden sind dabei momentan noch grundsätzlich mit 100 Prozent zu gewichten, unabhängig von der tatsächlichen Bonität des Unternehmens. Für derartige Kredite gilt ein einheitlicher Hinterlegungssatz von 8 Prozent. Diese Regelung bietet den Banken keinerlei Anreiz, die Kreditkonditionen an die Bonität der Kunden anzupassen.

Nach Basel I werden damit "gute" Kunden tendenziell benachteiligt und "schlechte" tendenziell bevorzugt. Inzwischen stellt sich den Banken jedoch folgendes Problem: "Gute Kunden sind nur (noch) bedingt gewillt, höhere Konditionen in Kauf zu nehmen, um damit die schlechten Risiken einer Bank mit zu tragen."

Künftig soll gelten: Bei Kreditnehmern mit hoher Bonität wird die Kreditsumme mit einem Bonitätsgewicht deutlich unter 100 Prozent in die Berechnung des vorzuhaltenden oder zur Abdeckung der Risiken notwendigen Eigenkapitals eingehen, bei Kreditnehmern mit niedriger Bonität mit deutlich mehr als 100 Prozent. Der neue Grundsatz von Basel II ist einfach und lautet damit: Je schlechter ein Rating ausfällt, desto mehr Eigenkapital der Bank wird hierfür gebunden - und desto teurer wird der Kredit.

Drei Ansätze zur Bemessung

Zur Bemessung der Bonität eines Kreditnehmers und somit des Eigenkapitals sieht der Baseler Ausschuss daher drei Ansätze vor:

• Standardmethode (eine modifizierte Version des geltenden Ansatzes),

• Basisversion des auf internen Ratings basierenden Ansatzes (IRB-Ansatz),

• fortgeschrittener, auf internen Ratings basierender Ansatz (fortgeschrittener IRB-Ansatz).

Die Standardmethode basiert auf externen Ratings und nutzt die durch die Aufsichtsbehörde vorgegebenen Risikogewichte, die in Abhängigkeit einer externen Bonitätsbeurteilung (von AAA bis B- und schlechter) zum Beispiel für Kredite an Staaten, Banken und Unternehmen gelten. Da keine speziellen Mindestanforderungen formuliert wurden, ist die Nutzung des Standardansatzes ohne Genehmigung der Aufsicht möglich.

Die IRB-Ansätze bauen dagegen auf den internen Ratings einer Bank auf. Interne Ratings bei Kreditanträgen gibt es schon lange, nur werden sie jetzt durch den Vorstoß des Baseler Ausschusses aufsichtsrechtlich anerkannt. Sie nutzen individuell berechnete Ausfallwahrscheinlichkeiten, die eine differenzierte Bonitätsgewichtung ermöglichen und müssen daher speziellen Mindestanforderungen genügen. Da interne Kreditrisikomodelle das ökonomische Risiko eines Kreditengagements/-portfolios in der Regel besser abbilden können als die auf externen Ratings basierende Standardmethode, wird erwartet, dass sie tendenziell zu niedrigeren Eigenkapitalanforderungen führen.

Für die Banken besteht somit ein Anreiz, interne Ratingsysteme einzuführen oder vorhandene Lösungen zu verbessern, um die Eigenkapitalkosten zu optimieren. Aus demselben Grund müssen sie jedoch auch zwingend durch die Aufsichtsbehörde genehmigt werden.

Rating aus Sicht des Mittelstandes

Wer als Mittelständler zukünftig Fremdkapital beansprucht, wird mit Konditionen konfrontiert werden, die maßgeblich von seinem Rating abhängen. Dieses Rating kann entweder extern durch Rating-Agenturen oder intern durch von der kreditgebenden Bank entwickelten Systeme vorgenommen worden sein.

Wählt die kreditgebende Bank im Rahmen der neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarungen die (modifizierte) Standardmethode zur Bestimmung der Mindesteigenkapitalanforderungen, so hat sie die Kredite von bereits extern gerateten Unternehmen je nach Bonitätsnote mit 20/50/100/150 Prozent zu gewichten und davon wiederum 8 Prozent als Eigenkapital zu hinterlegen. Bislang sehen die Regelungen grundsätzlich eine Gewichtung von 100 Prozent vor. Mit demselben Bonitätsgewicht werden auch in Zukunft Unternehmen ohne externes Rating versehen werden. Da insbesondere mittelständische Unternehmen noch nicht geratet sind, stellt sich zurzeit die Frage, ob sie heute oder in naher Zukunft (vor der nächsten anstehenden Kreditverhandlung mit ihrer Hausbank) eine externe Bonitätsbeurteilung vornehmen lassen sollten, um damit ihre Kreditkonditionen möglicherweise verbessern zu können.

Aktuell jedoch besitzen in Deutschland weniger als 200 Unternehmen eine externe Bonitätsbeurteilung. Daher werden externe Ratings wohl auch zukünftig keine entscheidende Rolle spielen. Die meisten Banken haben zur Ermittlung der Bonität bereits heute interne Ansätze im Einsatz oder werden sie zukünftig - auf Grund der Anforderungen des Baseler Papiers - entwickeln. Bei Kosten in einer Höhe zwischen 5000 bis 50000 DM, je nach Rating-Agentur, lohnt sich ein externes Rating in den meisten Fällen überdies nicht, wenn nur die Zielsetzung verfolgt wird, Kreditkonditionen zu verbessern.

Entscheidet sich die kreditgebende Bank für ein internes Ratingsystem, wird die Frage nach dem erteilten Rating in Zukunft in immer mehr Kundengesprächen auf der Agenda stehen. Hielten viele Banken früher Auskünfte über das erteilte bankinterne Rating für vermeidbar, so wird es in Zukunft offen anzusprechen sein. Der mittelständische Kunde wird im Konditionenvergleich mit anderen Banken wissen wollen, wie er bewertet wurde und welche Merkmale den Ausschlag für die Beurteilung gaben. Begriffe wie Ausfallwahrscheinlichkeit, Risiko- oder Güteklasse und Risikozuschlag gehen damit zunehmend vom Vokabular der Banker in das Vokabular der Mittelständler fließend über. Mögliche Auswirkungen von Basel II auf mittelständische Unternehmen sind dem Kasten zu entnehmen.

In den jüngsten Erörterungen werden vor allem die Auswirkungen von Basel II auf die Finanzierung des deutschen Mittelstandes mit seinen 3,3 Mio. Unternehmen intensiv und kontrovers diskutiert. Wie (und ob) das Preisniveau für Kredite ansteigen wird, ist noch nicht endgültig zu erkennen. Erste Schätzungen gehen dahin, dass im statistischen Mittel mit einem Aufschlag von 0,5 bis 0,75 Prozentpunkten zu rechnen sei. Eine Pleitewelle, ausgelöst durch Basel II, wird es daher wohl nicht geben. Grundsätzlich geht es nicht um die Frage, ob der Mittelstand zukünftig noch Kredite bekommt, sondern darum, zu welchen Konditionen das einzelne Unternehmen seinen Kredit unter angemessener Berücksichtigung des Risikos erhält. Die Transparenz hinsichtlich der Konditionen wird steigen, nicht nur für die Bank, sondern auch für den Kreditnehmer. Er sollte ein Rating als Gütesiegel sehen oder als Anlass für eine (zum Teil dringend notwendige) "Fitnesskur" betrachten.

Es liegt damit im Interesse der mittelständischen Unternehmen, mehr Transparenz gegenüber ihrer Hausbank zu zeigen. Das Ergebnis des Ratings der Hausbank kann durchaus als Indikator und - wenn Vergleichsanalysen durchgeführt werden - als Vorschlag der Bank zur Verbesserung des betriebswirtschaftlichen Umfeldes des Kunden, der internen Prozesse oder der Marktausrichtung - je nach Aussagekraft des Ratings - verstanden werden. Zukünftig wird, so lautet eine vielerorts geäußerte Vermutung, das Kreditvergabegespräch zu einem betriebswirtschaftlichen Beratungsgespräch.

Geschäftsmodell muss plausibel sein

Egal, ob ein Unternehmen durch externe Rating-Agenturen oder durch ein bankinternes Rating bewertet wird, in beiden Fällen werden die Organisation und die Zukunftsorientierung des Unternehmens, die eingesetzten Controllinginstrumente sowie die Dokumentation der wirtschaftlichen Verhältnisse die Grundlage der Bewertung bilden. Ein zentrales Kriterium wird dabei sein, inwieweit das Unternehmen eine dokumentierte Gesamtstrategie verfolgt und daraus ein plausibles Geschäftsmodell ableitet. In diesem Zusammenhang wirkt sich zudem ein klar strukturierter Unternehmensaufbau mit eindeutig definierten Verantwortlichkeitsbereichen positiv auf die Bewertung aus.

Weitere Schwerpunkte liegen sicherlich in den Jahresabschlüssen wie in den Planungsrechnungen. Zum einen sollten die für die Bestimmung der Kennzahlen aus dem Jahresabschluss notwendigen Einzelinformationen problemlos bereitgestellt werden können und die Kennzahlen über die vergangenen drei Jahre vergleichbar sein. Zum anderen sollten für die nächsten drei Jahre Planungsrechnungen wie zum Beispiel Plan-Erfolgsrechnung und -Bilanz vorliegen. Die Umsetzung von Basel II ins nationale Recht wird aus heutiger Sicht 2005 erwartet.

Bonität wird genauer geprüft

• Vermutlich werden alle kreditbeantragenden Unternehmen bankinterne Ratings erhalten und die Prüfungen in der Regel genauer erfolgen als bisher.

• Dies führt zu exakteren Methoden der Bonitätsevaluierung, zu mehr Risikotransparenz und in der Folge zu einer risikobewussteren Kalkulation der Spreads (Risikoprämien).

• Für Kredite an Unternehmen mit sehr guter Bonität reduziert sich die Eigenkapitalbelastung, für Unternehmen mit schlechter Bonität hingegen erhöht sie sich.

• Es ist zu vermuten, dass sich mittelständische Unternehmen mit guten Risiken besser stellen und schlechtere Risiken eine Kreditverteuerung erfahren werden.

• Da bei kleinen Unternehmen häufig höhere Risiken unterstellt werden (zum Beispiel bei den "weichen Faktoren" - man denke an den Ausfall eines Managers) ist zu vermuten, dass für diese Gruppe von Unternehmen eine Verschlechterung der Finanzierungskonditionen eintreten wird.
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