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VDM fordert verantwortungsvolle Politik für Bioenergie

Agrarzeitung Ernährungsdienst 21. April 2007; Von Olaf Schultz , Frankfurt a.M.

Der Boom bei Bioenergie sorgt für Konkurrenz um den Rohstoff Getreide. Manfred Weizbauer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Mühlen (VDM), Bonn, sieht eine ausreichende Versorgung der Branche hierzulande zunehmend gefährdet.

Ernährungsdienst: Wie wirkt sich der Bioenergie-Boom auf die Mühlenversorgung aus?

Weizbauer: Bereits jetzt ist erkennbar, dass der Boom bei Bioenergie auf die Mühlenversorgung sehr negative Auswirkungen hat. Der Betrieb von etwa 3.500 Biogasanlagen in Deutschland bindet Ackerflächen, die für den Anbau von Brotgetreide nicht mehr zur Verfügung stehen. Für den Bioethanolsektor werden schon heute mehr als 1,5 Millionen Tonnen Brotgetreide eingesetzt. Eine Verdreifachung ist nach den jetzigen Plänen in absehbarer Zeit zu erwarten.

Wenn Bundesregierung und EU ihre ehrgeizigen Ziele bezüglich Klimaschutz und Kohlendioxidreduktion erreichen wollen, ist eine noch deutlich größere Fläche erforderlich. Die ökonomischen Auswirkungen sind massiv höhere Getreide-, Mehl-, Lebens- und Futtermittelpreise, die der Verbraucher zusätzlich zu den gestiegenen Energie- und Treibstoffkosten tragen muss. Die Entwicklung im Herbst 2006 gibt hierfür nur einen stark abgeschwächten Vorgeschmack.

Haben sich die Marktströme schon verändert?

Weizbauer: Neue Marktströme haben sich insbesondere in den neuen Bundesländern herausgebildet, wo auf Grund der massiven staatlichen Förderung große Bioethanolanlagen entstanden oder in Planung sind. Aber auch in anderen Regionen sind die Auswirkungen deutlich spürbar. Aus landbaulicher und ökonomischer Sicht ist es wenig sinnvoll, auf Spitzenböden, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, proteinschwachen Weizen für Bio8ethanolzwecke anzubauen. Hier werden natürliche Ressourcen verschwendet und die Einkommenschancen der Landwirte bleiben ungenutzt. Der einseitige Anbau von Bioenergiepflanzen, zum Beispiel Mais, führt zu Monokulturen mit der Gefahr der Bodenkontamination.

Erwarten Sie regionale Engpässe bei Brotgetreide?

Weizbauer: Regionale Engpässe bei Brotgetreide sind insbesondere im Einzugsgebiet von Bioethanolanlagen und großen Biogasanlagen, wie sie neuerdings zunehmend von außerlandwirtschaftlichen Betreibern geplant werden, nicht auszuschließen. Das hat nicht nur preisliche Konsequenzen, sondern birgt auch Risiken für Lebensmittelsicherheit, Verbraucherschutz und Rückverfolgbarkeit.

Hat die Politik die falschen Weichen gestellt?

Weizbauer: Bundesregierung und EU-Kommission haben sich sehr ehrgeizige, aber letztlich unrealistische Klimaschutzziele gesetzt. Wenn die Hälfte der Ackerfläche umgewidmet würde, könnten deutlich weniger als zehn Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland durch Bioenergie ersetzt werden. Realistisch sind aber allenfalls zehn Prozent der Ackerfläche. Anderenfalls ist die sichere Nahrungsgrundlage mit gesunden Lebensmitteln aus heimischer Produktion nicht mehr gewährleistet, zumal nennenswerte Interventionsbestände nicht mehr vorhanden sind.

Auf den Weltmarkt zurückzugreifen verbietet sich so lange, wie gentechnisch veränderte Erzeugnisse in Deutschland vom Verbraucher nicht akzeptiert werden. Außerdem ist es moralisch bedenklich, in unterentwickelten Regionen Getreide zur Versorgung des deutschen Marktes zu kaufen. Die Minimierungskosten von Kohlendioxid sind bei Bioethanolanlagen etwa zehn Mal so hoch wie bei der Gebäudedämmung oder der Modernisierung von Kohlekraftwerken.

Was gehört aus Sicht der Branche auf den Prüfstand?

Weizbauer: Die Müllerei fordert, dass die obligatorische Flächenstilllegung innerhalb der EU kurzfristig abgeschafft und die Energiepflanzenprämie von gegenwärtig 45 Euro pro Hektar ersatzlos gestrichen wird. Diese hat sich bereits in dem um etwa fünfzig Euro pro Tonne höheren Marktpreis für Getreide im Vergleich zum Vorjahr niedergeschlagen. Außerdem müssen die Regelungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz hinsichtlich des Bonus für nachwachsende Rohstoffe dahingehend geändert werden, dass dieser einheitlich für alle Einsatzstoffe gewährt wird – und nicht nur für solche aus land- und forstwirtschaftlichen Quellen. Es ist aus energetischen und umweltpolitischen Aspekten sowie aus Gründen der Lebensmittelsicherheit nicht einzusehen, dass energiereiche Rohstoffe aus einer Mühle oder einer Malzfabrik, zum Beispiel Spelzen, Stroh, Abputz und Reinigungsrückstände, keiner thermischen Verwertung zugeführt werden dürfen. Die gleichen Produkte aus der Land- und Forstwirtschaft werden jedoch beispielsweise in Biogasanlagen eingesetzt.

Um die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungs- und Futtermitteln einerseits sowie Energiegetreide andererseits nicht weiter zu verschärfen, sollte darauf verzichtet werden, als Futter- und Lebensmittel geeignetes Getreide den Status eines Regelbrennstoffs nach der ersten Bundesimmissionsschutzverordnung einzuräumen. Nur Mindergetreide darf für die thermische Nutzung zugelassen werden. Aus all den genannten Gründen fordern die Mühlen von der Bundesregierung eine verantwortungsvolle Bioenergiepolitik, die der Konkurrenz um die nicht vermehrbaren Ackerflächen für Nahrungs- und Futtermittelzwecke einerseits und Energiezwecke andererseits Rechnung trägt.

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