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Petrotec-Vorstandschef Roger Böing fordert zertifizierte Rohstoffe für Bioenergie

Agrarzeitung Ernährungsdienst 29. August 2007; Von Dietrich Holler, Frankfurt a.M.

Börsennotierte Bioenergieunternehmen stehen unter Druck. Auch die Petrotec AG verbucht ein negatives Halbjahresergebnis 2007. Der Kursverlauf der Aktie düfte Anleger wenig erfreuen. Vorstandschef Roger Böing will expandieren.

Ernährungsdienst: Ihr Aktienkurs ist seit November 2006 um rund 60 Prozent auf 6,33 Euro abgerutscht: Sind Ihre Investoren nervös?

Böing: Die Unsicherheit auf Seiten der Investoren über die Entwicklung der Biokraftstoffindustrie in Deutschland ist weiterhin vorhanden. Dazu tragen die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten ebenso bei wie die Frage, mit welchen Änderungen des Gesetzgebers beim Energiesteuergesetz und Biokraftstoffquotengesetz im Herbst gerechnet werden kann. Sobald deutliche Signale aus Berlin kommen, beispielsweise ein Vorziehen der Gesamtquote auf 2008 sowie eine Flexibilisierung der Besteuerung im B-100-Markt, nimmt das Interesse der Investoren schlagartig wieder zu.

Ist Ihre Produktion ausgelastet?

Böing: Das Petrotec Stammwerk im westfälischen Borken ist zu mehr als 80 Prozent ausgelastet. Die Biodieselanlage in Emden hat 100±000 Tonnen Kapazität und nimmt im vierten Quartal 2007 wie geplant den Betrieb auf.

Soll Ihr Werk in Emden unter Volllast laufen?

Böing: Die Biodieselproduktion ist ein chemischer Prozess, der langsam angefahren werden muss und über einen Zeitraum von rund sechs Monaten dann auf volle Kapazitätsauslastung hochgefahren wird. Petrotec rechnet 2007 aus diesem Grund mit einem Produktionsbeitrag der Emdener Anlage in Höhe von etwa 5±000 Tonnen.

Wie kommen Sie mit den Rohstoffpreisen klar?

Böing: Den größten Kostenblock in der Biodieselproduktion machen die Rohstoffkosten aus. Die Rohstoffpreise werden auf den Weltmärkten festgelegt. Wir haben den Vorteil, dass wir einen Teil der benötigten Altspeisefette über ein eigenes Entsorgungssystem selbst erfassen. Diesen Anteil baut Petrotec konsequent aus.

Was bringt die Zertifizierung von Rohstoffen?

Böing: Jede Studie zu Nachhaltigkeit und CO2-Reduzierung bescheinigt Altspeisefett wie auch anderen Abfall- und Reststoffen, die zur Biokraftstoffproduktion eingesetzt werden können, die mit Abstand besten Ökobilanzen. Und mit der Lebensmittelproduktion gibt es bei diesen Rohstoffen auch keine Konkurrenz. Die Politik hat im Biokraftstoffquotengesetz einseitig auf Raps als Rohstoff zur Biodieselproduktion für den Beimischungsmarkt in Deutschland gesetzt. Dem Klimaschutz ist damit nur bedingt geholfen, da die Abfall- und Reststoffe trotz deutlich besserer Ökobilanzen außen vor bleiben. Eine Zertifizierung würde zu einem realistischeren Umgang in der Rohstofffrage führen.

Hoffen Sie auf das Exportgeschäft?

Böing: Inzwischen ist Biodiesel zu einer Commodity geworden, die weltweit gehandelt wird. Das spiegelt sich in Petrotecs Strategie wider: Unsere nächsten Biodieselanlagen entstehen in Großbritannien und in den USA. Die EU-Biokraftstoffrichtlinie fordert in allen EU-Ländern bis 2010 einen Anteil an Biokraftstoffen im Verkehrssektor von 5,75 Prozent: eine enorme Nachfrage, die bis auf Deutschland bisher kein EU-Land aus eigner Industrieproduktion befriedigen kann. Auch in den USA sind ähnliche gesetzliche Regelungen in der Diskussion. Mit der Emdener Biodieselanlage im Tiefseehafen ist Petrotec logistisch optimal aufgestellt, um diese Nachfrage zu bedienen.
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