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Intensivierung wird deutlich vorangetrieben – Moderne Technik und Know-how fehlen

Agrarzeitung Ernährungsdienst 13. Februar 2009; Von Dr. Angela Werner, Frankfurt a.M.

Russland zählt zu den aufstrebenden Agrarnationen. Land ist reichlich verfügbar, doch die Produktivität gering. Das Interesse und auch der Bedarf an modernen westlichen Betriebsmitteln wachsen. Das Land ist für ausländische Anbieter ein wichtiger Markt mit Potenzial und beeindruckenden Wachstumsraten.

In Russland gibt es Felder, so weit das Auge reicht, und Agrarbetriebe in Größenordnungen, die jenseits der westlichen Vorstellungen liegen. Viele große Agrarunternehmen bewirtschaften mehrere Hunderttausend Hektar, erzählt Chris Clayton, der als Leiter Pflanzenschutz Osteuropa für Syngenta dort und in anderen osteuropäischen Ländern arbeitet. „Solche Agrarholdings, die in mehreren Untereinheiten von landwirtschaftlichen Betriebsleitern bewirtschaftet werden, können sogar über eine Million Hektar umfassen. Und diese Holdings sind komplett vertikal integriert“, sagt Clayton. Dazu gehören eine eigene Mühle, eine Futtermittelproduktion, Getreidesilos, sogar eine Zuckerfabrik bis hin zu großen Milchviehanlagen mit Melkrobotern und allem drum und dran. Dafür sind riesige Investitionsvolumen und die Unterstützung der Regierung notwendig. „Das sind hierzulande unvorstellbaren Größenordnungen.“ Rund 200 solcher Agrarholdings gibt es laut Clayton in Russland. Sie bewirtschaften in großem Maßstab hochproduktiv rund 25 Prozent der intensiv genutzten Ackerfläche. Weitere 25 Prozent der Anbaufläche entfallen auf kleinere Landwirtschaftsunternehmen und der Rest auf Familienbetriebe.

Die Großbetriebe werden von sehr wohlhabenden privaten Unternehmern geführt, die in der Regel über sehr gute Verbindungen sowohl zur regionalen als auch nationalen Politik verfügen. Diese enge Verbindung ist wichtig, um Zugang zu den von der Regierung aufgelegten Subventionsprogrammen zu bekommen. Es ist ein erklärtes politisches Ziel, die Agrarproduktion und damit den Selbstversorgungsgrad deutlich zu steigern, der zurzeit bei etwa 40 Prozent liegt. Die Programme sind deshalb genau auf diese Agroholdings ausgerichtet. 2007 hat die Regierung beispielsweise ein Unterstützungsprogramm in Höhe von 41 Mrd. US-$ für fünf Jahre aufgelegt.

Ungenutzte Ressourcen

Bis zur heutigen Krise scheint die Verfügbarkeit von Geld in Russland kein Problem zu sein. Reichlich vorhanden ist auch Agrarland, das Privatunternehmer aufkaufen und zu großen Einheiten vereinen. „Es gibt noch viel Land, das brach liegt.“ Clayton schätzt das Potenzial auf rund 13 Mio. ha. Die Produktivität ist jedoch je nach Region sehr unterschiedlich. Die Region Krasnodar im Süden gilt als der Brotkorb Russlands, wo sich rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Russlands befinden. Die Region ist fruchtbar. Die Erträge an Qualitätsweizen erreichen 5 bis 6 t/ha, auch weil in Düngung und Pflanzenschutz investiert wird.

Je weiter östlich die Anbaugebiete liegen, desto weniger wird geerntet. Die Erträge erreichen durchschnittlich nur bis zu 2 t/ha. „Und für Pflanzenschutzmittel werden nur etwa 10 US-Dollar je Hektar ausgegeben. In Deutschland sind es etwa 145 US-Dollar je Hektar Weizen“, so Clayton. Hinzu kommt, dass die klimatischen Bedingungen härter sind und auch die Logistik auf Grund der großen Entfernungen schwieriger ist. In diesen Regionen ist die Infrastruktur der „limitierende Faktor“ der Agrarproduktion. Denn die Distanzen zwischen den Feldern sind groß.

Große Wissbegierde

Steigenden Bedarf sieht Clayton für Know-how in modernem Betriebsmanagement. „Im Durchschnitt ist das Fachwissen eher niedrig. Es geht darum, die modernen Maschinen fachgerecht zu bedienen und entsprechend pflegen oder reparieren zu können.“ Auch die Expertise im Pflanzenbau muss sich rasch weiterentwickeln. „Es sind seit zwanzig Jahren immer noch dieselben Leute, die unterrichten“, beschreibt Clayton. Das Know-how muss im Augenblick sehr oft entweder eingekauft oder über Auslandsaufenthalte der Mitarbeiter erworben werden. Eine Steigerung der Produktion erwartet Clayton vor allem im Anbau von Weizen und Ölsaaten.

Mit der Intensivierung wächst natürlich auch der Bedarf an Betriebsmitteln. Die Versorgung mit Düngemitteln wird weitgehend aus heimischer Produktion erreicht, da Russland über eine große chemische Industrie verfügt. Die russischen Pflanzenschutzhersteller dagegen entwickeln kaum eigene Wirkstoffe, sondern kaufen sie im Ausland zu und formulieren sie. Generika spielen im russischen Pflanzenschutzmarkt daher eine größere Rolle. Allerdings entspricht die Qualität nicht mehr den steigenden Anforderungen der Farmer, so Clayton. Nachgefragt wird bei Pflanzenschutzmitteln ebenso wie bei Saatgut nämlich vorrangig moderne, westliche Technik. „Die Top-Produzenten dürsten förmlich nach moderner Technik und können es kaum erwarten, damit loszulegen“, erläutert Clayton. Neben Herbiziden und Saatgutbehandlungsmitteln zeichnet sich vor allem bei Fungiziden zur Bekämpfung von Rosten ein höherer Bedarf ab. „Hier sind im Augenblick insbesondere Triazole gefragt, und die Strobilurine werden folgen“, so Clayton.

Für ausländische Anbieter stehen die Zeichen in Russland auf Wachstum. Syngenta verzeichnete in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Wachstumsrate im Pflanzenschutz. „Auf lange Sicht wird diese Entwicklung, ungeachtet der augenblicklichen Unsicherheiten, weitergehen“, ist sich Clayton sicher. Er schätzt das Marktpotenzial im Pflanzenschutz in fünf Jahren auf 2 Mrd. US-$ – „je nachdem, wie sich der Rubel entwickelt“.

Schwacher Nachbar

Neben Russland wird auch immer wieder die Ukraine als künftiges „Powerhouse“ der Agrarproduktion gehandelt. Die Voraussetzungen, was die Bodenqualität, das Klima und das Ertragspotenzial angeht, sind sogar oft besser als im Nachbarland. Doch im Gegensatz zu Russland ist die Ukraine politisch sehr instabil, die Landwirtschaft klein strukturiert. „Manchmal wird sogar die Unkrautbekämpfung in der Ukraine noch mit Hand gemacht.“ Es sind kaum Kredite verfügbar, sodass moderne Produktionstechnik im Augenblick kaum zum Zuge kommen kann. Es fehlt an Lagerkapazitäten sowie entsprechender Infra- und Distributionsstruktur, beschreibt Clayton.

Für den Pflanzenschutzmarkt der Ukraine sieht der Manager zwar ein hohes Wachstumspotenzial. Doch die Frage bleibt, wann es wirklich ausgeschöpft werden kann. Russland hat jedenfalls die Nase vorn, wenn es um die Intensivierung der Landwirtschaft geht und wird wohl als erstes Land im Osten Europas diese Ziellinie erreichen, davon ist Clayton überzeugt.





Info-Box: Rasantes Wachstum

Russland verfügt insgesamt über 120 Mio. ha an Agrarland. Rund 60 Mio. ha werden für den Ackerbau genutzt, 25 Prozent davon werden von professionellen, privat geführten Agrarholdings bewirtschaftet. Im Anbau dominiert Getreide, das etwa drei Viertel der Nutzfläche bestreitet. Der Pflanzenschutzmarkt erreichte 2008 700 Mio. US-$, gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 35 Prozent. In fünf Jahren könnten es 2 Mrd. US-$ sein. Überwiegend werden Herbizide nachgefragt. Doch auch Saatgutbehandlungsmittel werden wichtiger. Mit zunehmender Intensivierung werden auch verstärkt Fungizide eingesetzt. Der Bedarf hat sich nahezu verdoppelt. Syngenta bestreitet in Russland einen Marktanteil im Pflanzenschutz von etwa 25 Prozent. (AW)
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