Report Saatgut Wintergetreide

Saatgutpracht unter italienischer Sonne


Experiment auf dem Versuchsfeld: Mehrere potenzielle Mutterlinien werden mit nur einem Bestäuber gekreuzt.
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Experiment auf dem Versuchsfeld: Mehrere potenzielle Mutterlinien werden mit nur einem Bestäuber gekreuzt.

Im norditalienischen Cesena, nahe Bologna, hat das niedersächsische Züchtungsunternehmen Strube feste Anbauverträge für die Zuckerrübenvermehrung. Dort sind die Bedingungen für die Saatgutvermehrung optimal und die Pflanzen gedeihen prächtig: Trockene, heiße Sommer und milde Winter sorgen für das passende Klima. Die Saatguternte für die nächste Saison ist zurzeit in vollem Gange. Strube vermehrt in Italien auf rund 600 ha. Der Saatgutertrag liegt durchschnittlich bei 2,5 t/ha.

Die Saatgutproduktion in Italien leitet Corrado 
Corrado Domenico Gasperini kennt Feld und Farmer.
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Corrado Domenico Gasperini kennt Feld und Farmer.
Domenico Gasperini, Geschäftsführer von Strube-Italia. Die italienischen Farmer haben über Jahre viel Wissen gesammelt und viel Übung bei der Pflege der Rübenpflanze zur Saatgutproduktion.

Bis der Landwirt in Deutschland im Frühjahr das kommerzielle Saatgut auf den Acker bringen kann, vergehen drei Jahre. Im ersten Jahr zwischen August und September werden die Stecklingsbeete ausgesät. Nach erfolgtem Kältereiz werden die Stecklinge im darauffolgenden Februar verpflanzt. Vorher werden sie geköpft und nach Größe sortiert, um keine wertvollen Nährstoffe zu vergeuden. Im Juli und August desselben Jahres wird das Saatgut geerntet. Um Kontaminationen zu vermeiden, liegen die Vermehrungsfelder in Italien geschlossen, das heißt mindestens 1,2 km voneinander entfernt.

Die Mutterpflanze steht im Juni kurz vor der Blüte - bildet jedoch keine Pollen aus.
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Die Mutterpflanze steht im Juni kurz vor der Blüte - bildet jedoch keine Pollen aus.

Mütter bilden keinen Pollen

Auch mit einer weiteren Besonderheit müssen die Vermehrer des Hybridsaatguts umgehen. Zuckerrüben sind zwittrig. Für eine erfolgreiche Kreuzung mit dem Bestäuber werden daher Mutterpflanzen gezüchtet, die männlich steril (MS-Linie) sind: Sie bilden keinen Pollen aus. Ihre Sterilität wird, sobald sich die Blüte öffnet, überprüft, erklärt Dr. Antje Wolff, Leiterin der Saatgutforschung bei Strube. Sie ist Expertin für die Saatgutqualität und -produktion. Nach langjähriger Erfahrung erkennt sie die Genetik bereits am Phänotyp.

Als Saatgut-Expertin erkennt Dr. Antje Wolf das Erbgut bereits am Aussehen.
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Als Saatgut-Expertin erkennt Dr. Antje Wolf das Erbgut bereits am Aussehen.
Parallel zu der männlich sterilen Mutterpflanze muss es immer eine fertile Variante geben, die den Stamm aufrechterhält. Die kommerziell verwendeten Mütter sind Einfachhybride – eine reine Inzuchtlinie wäre zu schwach. Der Bestäuber hingegen stammt aus einer Inzuchtlinie. Wenn es trocken wird, platzt der Staubbeutel und der Pollen fliegt auf die weibliche Blüte. Nun kann der Samen heranwachsen. Das geerntete Kreuzungssaatgut ist somit ein Dreifachhybride. Grundsätzlich werden sowohl Bestäuber als auch die MS-Linie auf agronomische Leistung wie Zucker- und Rübenertrag gezüchtet. Resistenzen gegen Cercospora und Rhizoctonia stehen auch auf dem Züchtungsplan. Für die Mutterlinie spielt außerdem eine große Rolle, wie sehr sie sich zur Saatgutproduktion eignet. Ein gutes Saatgutkaliber, stabile Saatguterträge sowie eine gute Standfestigkeit der Samenträger sind wichtig.

Für die Bestäubung sorgt die zwittrige Inzuchtlinie - der Pollenflug beginnt meist in Hitzeperioden.
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Für die Bestäubung sorgt die zwittrige Inzuchtlinie - der Pollenflug beginnt meist in Hitzeperioden.

Züchterische Erfahrung sammeln

Zur Produktion von Versuchssaatgut dient der Top-Cross: Auf solch einem Versuchsfeld werden verschiedene männlich sterile Genotypen, potenzielle Mutterlinien, mit einem Bestäuber kombiniert. Was auf den ersten Blick nach Wildwuchs aussieht, hat Prinzip. „So sammeln wir Erfahrungen zu vielen verschiedenen Samenträgern“, erklärt Wolff. Denn die Eigenschaften des geernteten Kreuzungssaatgutes lassen einen direkten Rückschluss auf die Eigenschaften der Mutter zu. Schließlich waren die Umweltbedingungen identisch und der Bestäuber ist derselbe. Mithilfe des Versuchssaatguts werden die Eigenschaften zur Saatgutproduktion und die agronomische Leistung der Mutter getestet. Bis Mitte August können deutsche Zuckerrübenanbauer bei Pfeifer & Langen sowie Nordzucker noch Zuckerrübensaatgut für die kommende Aussaat bestellen. (has)
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