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Anregungen für Verbesserungen aus Sicht eines Praktikers

Agrarzeitung Ernährungsdienst 21. April 2004; Von Helmut Beecken, Südergellersen

Nach den unbefriedigenden Ergebnissen bei der freiwilligen Saatgutkontrolle des Gemeinschaftsfonds Saatgetreide (GFS) aus dem Herbst 2003 werden in der Saatgutwirtschaft Überlegungen angestellt, wie sich die Z-Saatgutqualität verbessern lässt. Helmut Beecken, Saatgutvermehrer und Aufbereiter in Südergellersen bei Lüneburg, hat aus den Erfahrungen seiner mehr als 30-jährigen Tätigkeit Ansatzpunkte für eine Verbesserung zusammengestellt, zu der seiner Ansicht nach alle an der Saatgutproduktion Beteiligten beitragen können.

Ansatzpunkte in der Vermehrung:

Der Qualitätsgedanke beginnt bei der Vermehrung. Wenn der Vermehrungsschlag in der Fruchtfolge in die richtige Stellung gebracht wird, lässt sich der Durchwuchs auf Null senken. Ein weiterer Beitrag ist eine gezielte Bestandesführung, durch die der Reinigungsabgang minimiert wird. Reinigung beginnt im Vermehrungsbetrieb, der nicht nur seinen Mähdrescher, sondern auch die Transportfahrzeuge und ein eventuelles Zwischenlager reinigt. Ein Absinken der Keimfähigkeit kann verhindert werden, wenn zeitig gedroschen wird, selbst wenn dadurch ein leichter Trocknungsgang erforderlich wird. Bei übertrockener Ware müssen am Mähdrescher Trommeldrehzahl und Korbeinstellung angepasst werden. Dieses wird nur erreicht, wenn ein entsprechender Aufschlag gezahlt wird.

Wichtig bei der Annahme ist, dass bei jeder Partie ein Rohwarenmuster gezogen wird, das auf Besatz und Anteil Untersortierung – und eventuell auf Keimfähigkeit – untersucht wird, damit entsprechende Partien getrennt gelagert werden können. Dieses breit gezogene Muster wird mit einem Probenteiler geteilt. Eines verbleibt im Aufbereitungsbetrieb, das zweite bekommt der Vermehrer.

Ansatzpunkte in der Aufbereitung:

Bei der Aufbereitung kommt es auf das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik an. Es brauchen nicht immer die neuesten und modernsten Anlagen zu sein, besonders dann nicht, wenn die aufzubereitende Menge sich in Grenzen bewegt. Die Festkosten sollten im Verhältnis zum Umsatz bleiben. Selbstverständlich bieten uns die neu entwickelten Reinigungsanlagen durch ihre technische Ausstattung beachtliche Vorteile. Eine gleichmäßige, frequenzgesteuerte Zwangszuführung des Produkts, große, der Leistung angepasste Siebflächen, ein mit Sieben ausgestatteter Rücklaufboden und ein durch Zwangsluft unterstützter Steigsichter können die Leistung und Qualität erhöhen.

Wenn zusätzlich zu dieser Ausstattung einer Reinigungsanlage noch ein zweiter Reinigungsgang über einen Drucklufttisch erfolgt, wird die Qualität noch einmal angehoben. Hier trennen wir die leichten und oft geschädigten Körner, beispielsweise durch Fusarium, ab. In unserem Betrieb brachte dieser zusätzliche Reinigungsgang über einen Drucklufttisch im Erntejahr 2002 eine Erhöhung der Keimfähigkeit um 4 Prozent von der Rohware bis zur Fertigware.

Ansatzpunkte bei der Saatgutanerkennung:

- Reinheit: Die für die Anerkennung erforderlichen 98 Prozent Reinheit werden bei den Getreidearten mit einer glatten Oberfläche wie Weizen, Roggen und Triticale meist problemlos erreicht. Schwieriger ist es bei der Gerste, die durch die raue Oberfläche des Kornes auf den Transportwegen hinter der Reinigung hin zu der Vorratszelle einen höheren Abrieb erfährt. Dies gilt besonders bei niedriger Kornfeuchte. Erschwerend ist hier auch Bruchkorn, das beim Mähdrusch vermieden werden sollte. Parallel muss die Einstellung des Entgranners an der Reinigung angepasst werden.

- Siebsortierung: Bei der Sortierung sollte eine Untersortierung von 3 Prozent nicht überschritten werden. Höhere Untersortierungen weisen oft Partien von leichteren Standorten mit nicht angepasster Bestandesführung auf. Dann kann es bei zu vollen Beständen besonders in trockenen Jahren bis zu 30 Prozent Untersortierung geben. Solche Partien sollten aus Kostengründen dem Konsumgetreide zugeführt werden. Parallel dazu könnten die Züchter aber auch je nach Sorte eine Obergrenze für die Sortierung festlegen, um eine einheitliche ansprechende Fraktion zu bekommen.

- Fremdbesatz: Es werden bei Z-Saatgut drei Körner anderer Getreidearten in 500 g toleriert. Das ist bei 120 kg/ha Aussaatmenge eine Pflanze auf 14 m2. Dieser Wert liegt an der obersten Grenze! Er lässt sich nicht nur gegenüber dem Saatgutkäufer schwer vertreten, sondern er begrenzt auch die Leistung der Anlage und verunsichert zudem die Person, die die Aufbereitungsanlage fährt. Dies ist oft bei anerkannten Partien nach §8 II der Fall. Von den zurzeit noch aufbereitenden 1.400 Betrieben verfügen nur wenige über entsprechende Tische, die den Besatz restlos trennen. Da der Besatz in den vergangenen Jahren stark zugenommen haben, muss sich der aufbereitende Betrieb dem Problem stellen. Möglich sind unterschiedliche Siebgrößen, ein entsprechender Steigsichter und unterschiedliche nach Größe und Form ausgewählte Trieurbleche.

- Keimfähigkeit: Der Käufer des Saatgutes schaut heute auf das Tausendkorngewicht und die Keimzahl. Die Bestellungen werden nicht mehr wie einst in kg/ha vorgenommen, sondern heute werden Fläche und keimfähige Körner/m2 angegeben. Danach bestimmt der Handel die zum Versand kommende Menge.

Die Keimfähigkeit wird, wie weiter oben erwähnt, schon bei der Ernte beeinflusst. Extrem nasse, aber auch extrem trockene Erntebedingungen erfordern eine sorgfältige Einstellung am Mähdrescher. Wenn Probleme auftreten, müssen sich Vermehrer und Aufbereiter darauf einstellen. Die extrem schlechten Keimwerte der Wintergerstenproben bei den GFS-Untersuchungen 2003 sind beispielsweise auf die extrem trockenen Partien zurückzuführen. Durch nicht sachgemäße Einstellung der Dreschorgane und des Entgranners an der Reinigungsanlage sind oft Haarrisse und leichte Beschädigungen am Keimling der Gerste entstanden. Durch eine zeitige Beizung dieser Partien, bedingt durch die frühe Ernte 2003, entstanden zusätzlich Verluste bei den Keimwerten. Das erklärt auch die Unterschiede im Keimwert zwischen den gebeizten GFS-Proben und den zur Anerkennung vorgestellten ungebeizten Mustern. Der Weizen ist diesbezüglich unempfindlicher. Extrem gefährdet ist dagegen bei niedrigen Feuchtegehalten der Roggen durch den sehr freiliegenden Keimling.

Ansatzpunkte bei der Beizung:

- Beizgrad: Grundsätzlich hat der Käufer von gebeiztem Saatgut ein Anrecht auf einen angemessenen Beizgrad und eine gleichmäßige Beizmittelverteilung. Ein ordnungsgemäßer Beizgrad liegt laut Pressemitteilungen des GFS zwischen 80 und 120 Prozent. Für mich ist diese Spanne zu breit gefasst. Ich halte die Einstellung des Pflanzenschutzamtes in Hannover für angemessener, die eine Spanne von 90 bis 110 Prozent als optimal bezeichnet. Sie sollte von den Beizstationen angestrebt werden, um den Käufer zufrieden zu stellen und sich selbst abzusichern.

- Aufzeichnungen: Um den Beizgrad abzusichern, ist oberstes Gebot, sauber zu arbeiten. Weiterhin gehört dazu, Aufzeichnungen zu führen über den Beizmittelverbrauch der einzelnen Partien, laufend Beizmittelproben aus dem Vormischbehälter zu ziehen und mit der Chargennummer zu versehen und dieses alles täglich in ein Beiztagebuch zu übertragen. Darüber hinaus brauchen wir breit gezogene Rückstellmuster der einzelnen abgeschlossenen gebeizten Mengen, die ein Jahr in einem trockenen, dunklen Raum aufbewahrt werden müssen.

- Reinigung des Getreides: Wichtig ist es, vor dem Beizvorgang das Getreide erneut zu reinigen, um den Abrieb zu entfernen, der auf dem Weg von der Hauptreinigung über das Zwischenlager bis zum Vorratsbehälter über der Beize entstanden ist. Deswegen muss ein einstellbarer Windsichter vorgeschaltet werden. Ein Prozent Verunreinigung bindet 6 bis 7 Prozent Beizmittel.

- Herrichtung der Beize: Besondere Aufmerksamkeit und Genauigkeit muss man bei der Herrichtung der Beize walten lassen. Die Gebindegröße entscheidet der verarbeitende Betrieb nach Bedarf und eigenen Erfahrungen. Entscheidend ist es, dass besonders größere und ältere Gebinde durch Umpumpen oder mechanisch aufgerührt werden. Untersuchungen aus einem 200-Liter-Gebinde – ein Jahr alt und frostfrei gelagert – in 30 cm, 60 cm und 90 cm Tiefe – ergaben Abweichungen der Beizmittelkonzentration um 22 Prozent. Selbstverständlich unterscheiden sich die Beizmittel hier in der Formulierung.

Seit einigen Jahren verwenden wir in unserem Betrieb das 50-Liter-Gebinde, obwohl von unserer insgesamt verarbeiteten Menge auch Gebinde mit 200 oder 1.000 Liter Verwendung finden könnten. Wir haben damit zwar einen etwas höheren Arbeitsaufwand, aber dafür die Gewähr, dass alle Wirk- und Farbstoffe durch das Ausspülen für den benötigten Wasserzusatz in den Vormischbehälter gelangen. Gleichzeitig ist das Gebinde für die Entsorgung sauber.

- Sauberkeit: Selbst bei sorgfältiger Reinigung des Getreides muss der Beizer nach einem Durchsatz von 75 bis 100 t gereinigt werden, besonders die Sprühkammer. Die erforderliche Fördermenge an Beizmittel für den Beizvorgang muss so eingestellt werden, dass es nicht durch einen zu großen Rück- und Überlauf im Mischbehälter zu einer Schaumbildung kommt. Das Schöpfrad sollte bei Pausen von mehr als 12 h zur Selbstreinigung in Wasser gelegt werden. Ein mit Beizmittel angetrocknetes Schöpfrad erzeugt bis zur vollständigen Ablösung der Reste eine Unterbeizung von bis zu 4 Prozent.

- Volumeneinstellung: Weiter ist es wichtig, dass die Volumeneinstellung zur Zuführung des Getreides zum Beizvorgang der Absackung angepasst ist, damit der Beizer ohne Unterbrechungen durchläuft. So bekommen wir keine Unterbeizungen der Partie. Wenn dann der Beizer mit 80 Prozent der Nennleistung gefahren wird und wir dem Beizmittel eine entsprechende Wassermenge, die der Getreideart angepasst ist, hinzusetzen, bekommen wir ein entsprechendes Beizbild. Beste Kontrollen sind Partien der Loseverladung.

- Beizgradanalysen: Schließlich sollen nur Beizmittel zum Einsatz kommen, zu denen der Anwender Vertrauen hat. Das heißt, durch wiederholte Beizgradanalysen muss die angegebene Menge laut Beiztagebuch mit einer Toleranz von plus/minus 5 Prozent festgestellt werden. Hierfür bieten renommierte Beizmittelhersteller ihren Außendienst und ihre Labore kostenlos an. Billigbeizmittel, die sich vordergründig auf eine günstige Kalkulation des Saatgutpreises auswirken, haben oft mehr Nachteile als Vorteile. Probleme können sein, dass die Formulierungen nicht beständig sind. In unseren Beizgradanalysen mussten wir gerade wieder feststellen, dass ein Beizmittel, das wir ordnungsgemäß angebeizt hatten, bei der Untersuchung im amtlichen Labor als deutlich unterbeizt analysiert wurde. Es wies einen Beizgrad von weniger als 80 Prozent auf. Das kann beispielsweise daran liegen, dass der Hersteller keine einheitlichen Referenzmuster an die Labore geschickt hat.

Ansatzpunkte bei den Beizmittelherstellern:

Wir fordern als Beizstation von einem Beizmittel ein breites Wirkungsspektrum gegen samen- und bodenbürtige Krankheiten und das bei guter Verträglichkeit. Außerdem muss die Beize hervorragend zu verarbeiten sein und ein gutes Beizbild ergeben. Sicherheit ist zu fordern bei der Formulierung der Wirkstoffe und der Farbstoffe. Hersteller sollten vor der Abfüllung einer Charge mehrere Proben ziehen und mit dem Referenzmuster der Zulassung vergleichen. Nur Abweichungen bis maximal 1 bis 2 Prozent dürfen toleriert werden. Die Chargennummer sollten auf dem Gebinde gut erkennbar sein und außerdem Herstellungsmonat und Jahr angegeben sein. Ganz wichtig ist, dass der Hersteller aus der Charge einheitliche Referenzmuster an die Labore für die Beizgradbestimmung schickt, mit der Angabe des Lösungsmittels und der Ablösezeit. Größtmögliche Sicherheit schafft ein Ringvergleich der Labore, den die Hersteller unterstützen sollten, um Fehlerquellen zu beheben.

Schließlich sollten die Außendienstmitarbeiter ständig Proben ziehen. Das ist im Interesse des Käufers, der Anwenders und des Herstellers. Die Einstichlöcher der Probenahme sind mit einem Aufkleber – Qualitätskontrolle für Beizgradanalyse – zu versehen. Die Ergebnisse der Proben sollten umgehend an den Anwender gesendet werden. Das dient der Eigenkontrolle und der Absicherung.



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