Brexit-Verhandlungen

Scheitern könnte teuer werden

Die Gespräche zwischen der EU und Großbritannien dürften schwierig werden. Die Verhandlungspositionen beider Seiten liegen weit auseinander. London möchte politische Souveränität zurückgewinnen, nicht aber auf die wirtschaftlichen Vorteile des Binnenmarkts verzichten. Brüssel fürchtet die politischen Konsequenzen für den Zusammenhalt der EU, wenn man den Briten zu weit entgegenkommt.

Hoffnung auf gesichtswahrenden Kompromiss

Wie ein mögliches Verhandlungsergebnis aussehen wird, ist schwierig zu prognostizieren. Die DZ Bank hat in einer Analyse vier mögliche Verhandlungsergebnisse skizziert und ihre ökonomischen Konsequenzen für Großbritannien, Deutschland und die EWU aufgezeigt. Das wahrscheinlichste Szenario mit einer Wahrscheinlichkeit von 55 Prozent unterstellt eine für beide Seiten gesichtswahrende Kompromisslösung. Die DZ Bank geht von einem Freihandelsabkommen für den Güterbereich, nicht aber für den Dienstleistungssektor aus. Im Gegenzug könnte Brüssel London in anderen Bereichen entgegenkommen, zum Beispiel in der Frage einer „Implementierungsphase“ nach Ablauf der Verhandlungen. Unter dieser Lösung hätte vor allem der britische Finanzsektor zu leiden, für die Industrie wäre er dagegen ein Erfolg. Das Gleiche gilt für die Industrie in den EU-Staaten. Einige Länder der EU und der EWU würden zusätzlich von der Standortverlagerung der Banken profitieren.

Kein Ergebnis wäre schlechteste Lösung

Denkbar sei aber auch ein Scheitern der Verhandlungen. Es wird kein Abkommen geben, was nach Ansicht der DZ-Bank-Analysten trotz gegenteiliger Beteuerungen Londons („no deal is better than a bad deal“) das ungünstigste Ergebnis, also den „worst case“ für beide Seiten bedeuten würde. Gleichwohl hält die DZ Bank dieses Ergebnis mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent durchaus für vorstellbar.

Exit vom Brexit unwahrscheinlich

Extrem unwahrscheinlich (5 Prozent) sei, dass ein Stimmungsumschwung in Großbritannien zu einem Rücktritt vom Brexit führt. Wenig Chancen räumt die DZ Bank auch einem Verhandlungsergebnis ein, bei dem Großbritannien all seine Forderungen durchsetzen kann, also ein Freihandelsabkommen inklusive Dienstleistungsfreiheit, bei gleichzeitiger Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Harter Brexit schadet beiden Seiten

Bei einem Brexit ohne Freihandelsabkommen würden die Zölle der Welthandelsorganisation (WTO) eingeführt werden. Davon wäre vor allem der Agrar- und Lebensmittelsektor betroffen. Die Zölle für Milch und Milchprodukte (33,5 Prozent), Zucker und Süßwaren (20,2 Prozent), Getränke (19,4 Prozent), tierische Produkte (15 Prozent), Getreideerzeugnisse (12,4 Prozent) sind deutlich höher als die für chemische Produkte (4,5 Prozent), den Fahrzeugbau (4,3 Prozent) oder Maschinen (1,9 bis 2,8 Prozent). Die wirtschaftlichen Auswirkungen wären für Großbritannien härter als für die EU 27. Aber auch in den EU-Staaten würde sich dieses Szenario negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken, vor allem in Irland, Spanien, den Niederlanden, Belgien und Deutschland.

Investitionen verlagern sich auf den Kontinent

Es seien aber auch positive Effekte vorstellbar, die die wirtschaftlichen Belastungen kompensieren könnten. Wenn Großbritannien seine Attraktivität als Investitionsstandort verliert, könnten ausländische Direktinvestitionen in andere Mitgliedsländer der EU und der EWU umgelenkt werden. Dies betreffe vor allem den Finanzsektor. Aber auch Produktionsstandorte in der Industrie könnten verlagert werden, so die DZ Bank. (SB)
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