Der N-Sensor misst während der Überfahrt den exakten Stickstoffbedarf der Pflanzen.
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Der N-Sensor misst während der Überfahrt den exakten Stickstoffbedarf der Pflanzen.

Die Präzisionslandwirtschaft hatte sich einst vor allem auf einzelne intelligente Werkzeuge zur Optimierung der Feldarbeit konzentriert. Im digitalen Pflanzenbau wird nun die „Ganzheitlichkeit“ des Verfahrens vor allem aus Sicht des Landwirts betrachtet. Die intelligenten Werkzeuge des Precision Farming sind nach wie vor da; jetzt aber als Elemente eines Verfahrens, die wie Zahnräder automatisch ineinandergreifen. Digitaler Pflanzenbau ist somit ein komplexes Zusammenspiel aus bewährter (Precision-Farming-)Technik, agronomischem Know-how, Datenmanagement und Beratungsleistung. Der Landwirt erwartet, dass alles reibungslos funktioniert – erst recht an den Schnittstellen.

Ein Blick in die Praxis verdeutlicht die Notwendigkeit digital gemanagter Produktionsprozesse im Pflanzenbau. Schon mit bloßem Auge erkennen Landwirte im Herbst mehr oder weniger deutliche Entwicklungsunterschiede im Bestand. In Getreide und Raps schwankt die N-Aufnahme im Durchschnitt um den Faktor 3,5. Innerhalb eines Felds ist der beste Bestand also 3,5-mal besser entwickelt als der schwächste.

Vorteile für den Pflanzenbauer
Betriebsmittel werden am aktuellen Pflanzenbedarf ausgerichtet; Effizienz und Wirtschaftlichkeit von Pflanzenbaumaßnahmen steigen.

Es wird so wenig wie möglich und so viel wie nötig appliziert. Minimalwerte und gesetzliche Höchstgrenzen, speziell im Pflanzenschutz, werden automatisch berücksichtigt.

Routinearbeiten laufen automatisiert im Hintergrund. Dies entlastet den Betriebsleiter bei der Betriebsführung.


Diese Differenzierung setzt sich durch die Vegetation hinweg fort. Spätestens bei der Ernte zeigen die Ertragskarten die bekannten Ertragsunterschiede von +/-50 Prozent um den Durchschnittsertrag. Jede Teilfläche eines Feldes hat also ihr eigenes Behandlungsoptimum. Dies gilt es, von Anfang an in der Pflanzenbaustrategie zu berücksichtigen. Die Herausforderung ist die schiere Menge an Teilflächen. Treten im Pflanzenbestand alle 20 m Unterschiede auf, bedeutet das für den 200-ha-Betrieb mit einer mittleren Feldgröße von 5 ha rein rechnerisch 5000 Einheiten; im 1000-ha-Betrieb mit 15 ha mittlerer Feldgröße verfünffachen sich die Einheiten auf 25000. Das schafft kein Mensch. Es braucht somit ein ganzheitliches Farm-Managementsystem, in dem präzise Messtechnik die Unterschiede anhand objektiver Messgrößen erkennt und naturwissenschaftlich basierte Algorithmen die Messwerte automatisch auswerten. Des Weiteren sollte es dem Landwirt möglichst automatisch eine Handlungsempfehlung geben sowie ausgebrachte Mengen automatisch dokumentieren und analysieren. Dieses System sollte herstellerunabhängig und damit nahtlos in jegliche Landtechnik integrierbar sein. Die Vergabe von Nutzungsrechten an befugte Dritte, zum Beispiel Berater oder Dienstleister, ermöglicht einen reibungslosen Wissenstransfer.

Die Vorteile digitaler Produktionsprozesse liegen auf der Hand (siehe Kasten). Durch die Partnerschaft mit sechs „Leuchtturm-Betrieben“ in Europa treibt Agricon die internationale Nutzung von Pflanzenbaulösungen voran. Dabei handelt es sich um Praktiker in Deutschland, Polen, Ungarn und dem Baltikum – große Agrargenossenschaften ebenso wie Familienbetriebe –, die bereits langjährige Erfahrung in teilflächenspezifischer Grund- und N-Düngung haben. Mit Unterstützung des EU-Programms „Horizont 2020“ wurden sie im Frühjahr mit Sensoren ausgerüstet, um auch Wachstumsregler und Fungizide digital zu managen. Die unmittelbare Rückmeldung dieser nun rundum digitalisierten Betriebe zu Funktionalität und Handhabung fließt direkt in die Weiterentwicklung digitaler Pflanzenbauverfahren ein.


Peer Leithold, Geschäftsführer Agricon GmbH, Jahna
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