Dagmar Hofnagel zur Braugerste 

Es ist ein Kreuz mit der Braugerste. Nachdem der Anbau der Sommergerste in den vergangenen Jahren eingeschränkt wurde, sollte in diesem Jahr zumindest in Deutschland die Produktion erneut reduziert werden. Jahre mit unbefriedigenden Erfahrungen bei Erträgen, Qualitäten, Preisen und darüber hinaus vor allem bei den Abrechnungsmodalitäten stecken vielen Landwirten in den Knochen und in den Büchern. Die Erzeuger wollten Brauern und Mälzern zeigen, dass sie sich nicht mehr verschaukeln lassen. Dann machten ihnen aber die Kahlfröste in diesem Winter und damit zum Teil massive Auswinterungsschäden einen Strich durch die Rechnung. Der Anbau von Sommergerste in Deutschland und der EU wurde in diesem Jahr erheblich ausgedehnt. Das erwünschte Signal einer knappen Versorgung ist damit zunächst ausgeblieben. Die Brauer sind auf Grund der aktuellen Aussichten bereits seit Wochen kaum aktiv am Markt. Sie lehnen sich entspannt zurück und warten die weitere Entwicklung ab.

Doch was vordergründig vorteilhaft für die Industrie aussieht, könnte sich im Laufe der Vegetationsperiode als Trugschluss herausstellen. Auch wenn die Saat in vielen Anbauregionen gut heranwächst, sind die Aufwuchsbedingungen nicht überall optimal. Speziell im Osten Europas grassiert Trockenheit. Nach dem Umbruch von Winterungen kam die Sommerung erst spät in die Böden und damit zu spät für vernünftige Erträge. Häufig wurde auch nur gegrubbert - Durchwuchs lässt grüßen. Ganz zu schweigen davon, ob überhaupt ausreichend vernünftiges Saatgut nach der missglückten Ernte im vergangenen Jahr zur Verfügung stand. Und letztendlich haben sich viele Landwirte auch für die Sommergerste in Aussicht auf hohe Futtergerstenpreise entschieden. Aufgedüngt könnten wenigstens noch akzeptable Erträge eingefahren werden. Und damit ist nicht auszuschließen, dass die Hälfte des vermeintlichen Überschusses von 2,3 Mio. t Sommergerste in der EU in die Futtersilos wandern werden, wenn die Prämie für Braugerste nicht hoch genug ausfällt. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass die gesamte Gerstenbilanz in der EU nach der Ernte eng bleiben dürfte. Auch wenn die Kurse in den vergangenen Wochen nach einem regelrechten Höhenflug nachgegeben hatten, bleiben die Vorzeichen für das Futtergetreide bullish. Ein fester US-Dollarkurs könnte die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Gerste auf den Weltmärkten weiter verbessern.

Aus all diesen Faktoren bereits heute einen festen Preis für die Braugerste abzuleiten, mutet zunächst absurd an. Im Moment stehen die Zeichen eindeutig auf „schwach" oder „seitwärts gerichtet". Der Braugerstenmarkt führt aber schon lange kein Eigenleben mehr. Die Kurse orientieren sich an den anderen Getreidearten. Selbst wenn Mälzer und Brauer wiederholt bewiesen haben, dass sie aus minderwertiger Ware ein ordentliches Bier herstellen können, sollten sie sich nicht zu sehr auf der sicheren Seite wähnen. Die endgültige Bilanz nach der Ernte und die sich immer wieder kurzfristig ändernden Warenströme könnten für Überraschungen sorgen.
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