Dr. Jürgen Struck zum Tierschutzplan

Der Tierschutzplan in Niedersachsen zeigt ein Jahr nach seiner Einführung eine erste, wenngleich unerwartete Konsequenz. Die intensive Haltung von Moschusenten soll in diesem Bundesland so rasch wie möglich eingestellt werden. Grund dafür sind unerfüllbare Anforderungen an den Tierschutz. Nach eingehenden Beratungen kamen die Fachgremien zu dem Schluss, dass es im speziellen Fall der Moschusente keine Möglichkeit zum Verzicht auf das als nicht tierschutzgerecht angesehene Kürzen des Schnabels gebe. Werde dies verboten, so würden andere Aspekte des Tierschutzes verletzt. Der Minister handelt rasch und konsequent: Moschusenten dürfen in Niedersachsen nicht mehr erzeugt werden – Problem gelöst. Knapp 20 Betriebe sind betroffen.

Etwa 1,5 Millionen Tiere werden in Deutschland pro Jahr erzeugt und vermarktet. Gehalten werden Moschusenten in wasserreichen Regionen, vorwiegend in Brandenburg und Niedersachsen. Es stellt sich die Frage, was die Entscheidung in Niedersachsen für andere Bundesländer und vor allem für die wirklich wichtigen Nutztierarten bedeutet. Mit der Verabschiedung des Tierschutzplans hat sich Niedersachsen selbst eine Vorreiterrolle zugewiesen. Wegen seiner starken Veredelungswirtschaft steht dieses Bundesland immer wieder im Fokus gesellschaftlicher Konflikte. Um in diesen sach- und fachgerecht argumentieren zu können und gleichzeitig die wirtschaftlich bedeutende Tierhaltung zu erhalten, wurde die Idee des Tierschutzplans in konkrete Schritte umgesetzt. Der Plan ist ein auf viele Jahre angelegtes Projekt, in welches der Sachverstand aller jeweiligen Nutztierexperten eingebracht und die Anforderungen der Wirtschaft berücksichtigt werden sollen. Daraus kann und wird viel Gutes entstehen, Fortschritte in Fragen des Tierschutzes werden ermöglicht. Die gewonnenen Erkenntnisse können dann auch bundesweit umgesetzt werden und Impulse auch für andere Länder geben. Doch die Entscheidung im Fall der Moschusenten birgt Brisanz.

Zunächst einmal ist davon auszugehen, dass auch Moschusentenhalter in anderen Bundesländern allein unter Verweis auf den niedersächsischen Tierschutzplan sich auf das Ende ihrer Haltung einrichten sollten. Auch ist damit zu rechnen, dass grundsätzliche Gegner der Nutztierhaltung zunächst applaudieren werden, um anschließend neue Forderungen bis hin zur Aufgabe bestimmter Formen der Tierhaltung zu erheben. Die im Tierschutzplan weiter zu behandelnden Fragen beschäftigen sich mit zum Teil sehr schwierigen, tierschutzrelevanten Fragestellungen. Da ist sicherlich ein vernünftiges Abwägen verschiedener Aspekte gefordert und anschließend mit guten Argumenten zu begründen. In der Entscheidung zu Moschusenten verweist das Ministerium auf die wirtschaftlich marginale Bedeutung des Erwerbszweigs, welcher vertiefende Fragestellungen kaum rechtfertige. Doch eine gewisse Signalwirkung könnte von dem Fall ausgehen. Die „großen“ Nutztierbranchen jedenfalls werden den Fall Moschusenten mit großer Aufmerksamkeit verfolgen. Tierhaltungsgegner sicher auch.
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