Stefanie Pionke zur russischen Marktpolitik

Der Weltmarkt darf vorerst aufatmen. Die Regierung in Moskau will nicht in den Getreideexport eingreifen – weder mit Zöllen noch mit einem Ausfuhrstopp. Große internationale und staatlich gestützte russische Handelshäuser können nach der Entscheidung weiter vom international hohen Preisniveau profitieren. Die Tierhalter in Russland dürfen positiv zur Kenntnis nehmen, dass sich der Kreml dazu durchgerungen hat, die aufgeheizten Getreidepreise im Inland mittels Interventionsverkäufen herunterzukühlen.

Die Moskauer Regierungsspitze muss einen Drahtseilakt absolvieren: Zum einen will der nach dem Exportstopp 2010 arg angegriffene und inzwischen zumindest teilweise wiederhergestellte Ruf als zuverlässiger Lieferant am Weltmarkt nicht zerstört werden. Zum anderen sind hohe Nahrungsmittelpreise ein politisch sensibles Thema im Inland. Im August 2010 hatte der damalige Premier und heutige Präsident Wladimir Putin die Entscheidung für das Exportembargo mit folgenden Worten begründet: Man müsse einen Anstieg der Lebensmittelpreise verhindern, den Viehbestand sichern und Reserven für das kommende Jahr aufbauen.

Diese drei Punkte sind für die russische Regierung weiterhin wichtige Zielmarken. Anders lässt sich kaum erklären, dass Premier Dmitri Medwedew in den vergangenen Wochen medienwirksam eine Krisensitzung auf die andere folgen ließ und eine Aufstellung der inländischen Getreidebilanz forderte. Sicher: Der August 2012 ist nicht der August 2010. Es toben keine verheerenden Brände durch russische Lande und Präsident Putin lässt sich nicht tele- und fotogen vor Feuersbrünsten oder Löschfahrzeugen abbilden. Auch wenn die russische Agrarwirtschaft beim dortigen Lebensmitteleinzelhandel Preiserhöhungen für ihre Produkte einfordert, ist die Stimmung im Inland heute längst nicht so explosiv wie damals. Und gewählt hat das russische Volk bereits im Frühjahr.

Zutreffend ist aber auch, dass die Getreidebilanzen weltweit und in Russland 2012 angespannter sind als noch vor zwei Jahren. Russland wird nach 21 Mio.t im Wirtschaftsjahr 2011/12 in dieser Saison nur noch 10 bis 12 Mio.t Weizen exportieren können, schätzen Marktteilnehmer hierzulande. Der Bedarf des weltweit größten Weizenimporteurs Ägypten wird nicht proportional zu dem Angebot seines größten Lieferanten schrumpfen. Die Lücke – so ein dominantes Szenario am Markt – wird nicht zuletzt Europa füllen.

Doch auch die europäische Getreidebilanz ist auf Kante genäht. Deswegen schaut manch ein Händler hierzulande ängstlich auf den Umfang der russischen Staatsreserve. Die Interventionsbestände, die Medien in Russland zuletzt mit 5Mio.t Getreide bezifferten, seien nicht gerade großzügig, heißt es. Sie dürften nicht ausreichen, um die inländischen Getreidepreise über das gesamte, erst vor gut einem Monat begonnene Wirtschaftsjahr 2012/13 im Zaum zu halten. Exportzölle oder sonstige Markteingriffe halten Beobachter aus Markt und Wissenschaft daher weiterhin für durchaus möglich. Mit seiner Entscheidung an diesem Mittwoch hat sich Moskau nur etwas Zeit erkauft.
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