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Studie der Uni Kassel: Steiniger Weg für landwirtschaftliche Existenzgründer

Agrarzeitung Ernährungsdienst 12. August 2006; Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

Gründer landwirtschaftlicher Betriebe haben es in Deutschland schwer. Zu den größten Problemen zählen Kapitalmangel und der schwierige Zugang zum Land. Das sind Ergebnisse einer Studie des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften an der Universität Kassel.

Die vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV), Berlin, geförderte Studie der Kasseler Universität untersucht die Situation von meist jungen Landwirten, die in die Landwirtschaft eingestiegen sind, ohne selbst Hoferbe zu sein. 28 Betriebe von Existenzgründern in vier ausgesuchten Regionen Deutschlands haben die Wissenschaftler bundesweit unter die Lupe genommen. So wurden unter anderem ein Ackerbaubetrieb mit Mastschweinehaltung in Südniedersachsen, ein 30-Kuh-Betrieb mit Käserei im Schwarzwald sowie ein Gemischbetrieb mit Schweinen, Gänsen und Direktvermarktung in Ostwestfalen untersucht. Auch ein Reiterhof sowie ein Nebenerwerbs-Dammwildhalter in der Altmark waren darunter, des Weiteren ein Premium-Winzer und ein Demeter-Gemüsebaubetrieb im Breisgau.

Trotz dieser Vielfalt lassen sich laut Uni Kassel zwei Tendenzen benennen: Nicht Masse ist gefragt, sondern Qualität. Und Existenzgründer wirtschaften eher arbeitsintensiv als flächenintensiv. Vier Fünftel der befragten Betriebe arbeiten nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus. Eine Direktvermarktung haben 80 Prozent der Betriebe aufgebaut, ein Bauernhof bietet Urlaub auf dem Hof an, ein Betrieb arbeitet als Kinderbauernhof. Nur drei Betriebe beschränken sich auf die reine Erzeugung.

Hohe Motivation

Typische Voraussetzungen für Existenzgründer sind geringes Eigenkapital und – zumindest in der Anfangsphase – ein schwieriger Zugriff auf Land. Dennoch ist die Motivation am „Bauersein“ sehr hoch. Viele Gründer haben ihren Betrieb aus Resthöfen wieder aufgebaut, oft schrittweise. Es kommt vor, dass selbst die Betriebsleiter in der Startphase zusätzlich einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen. Oft betreibt ein Partner den Hof, der andere geht einem anderen Beruf nach. Bei zwei Dritteln der Höfe ist die Landwirtschaft jedoch die wesentliche und zentrale Einkommensquelle für Familie oder Betriebsgemeinschaft. Rund die Hälfte dieser Betriebe hat sogar Lohnarbeitskräfte eingestellt – häufig im Bereich der Verarbeitung oder Vermarktung.

Fast alle Befragten haben eine qualifizierte landwirtschaftliche Ausbildung: Lehre oder Meister, zwei Drittel haben studiert. Die Suche nach einem Betrieb erfolgt über Anzeigen in Wochenblättern, Verbandszeitschriften oder Tageszeitungen, Kontakt mit Hofbörsen und Maklern, Mundpropaganda und Aktivierung des Bekanntenkreises. Aber auch „ungeplante“ Betriebsübernahmen kommen vor: So haben zwei Existenzgründer darauf reagiert, als wegen Krankheit oder plötzlichem Tod Betriebe in ihrem Umfeld angeboten wurden. Die Betriebsgründungen haben tendenziell „regionalen Charakter“. Rund vier Fünftel der Betriebsleiter stammen aus der Region, in der sie den Betrieb bewirtschaften oder sich zumindest vor der Existenzgründung bereits dort niedergelassen hatten.

Mangelhafte Beratung

Grundsätzlich – so ein weiteres Fazit der Studie – ist der Weg für landwirtschaftliche Existenzgründer steinig. Die größten Probleme sind Kapitalmangel und die häufig geringe Kooperationsbereitschaft der Banken. Problematisch sind ferner der schwierige Zugang zum Land sowie ein Mangel an qualifizierter Beratung für Einsteiger. Nicht zuletzt tun sich die potenziellen Abgeber der Höfe – die Altbauern – oft schwer.

Weil die Einsteiger in der Regel nicht über viel Kapital verfügen, müssten die Abgebenden das tun, was bei einer Übergabe innerhalb der Familie normal ist: Um den Nachfolgern einen erfolgreichen Start zu ermöglichen, müssten sie und die weichenden Erben darauf verzichten, das finanziell Optimale aus der Übergabe herauszuholen. Gegenüber nichtverwandten Dritten ist dies schwierig. Aus diesem Grund starten viele Existenzgründer mit Resthöfen, bei denen diese Übergabeproblematik nicht besteht, erläutert die Uni Kassel weiter.
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