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In den neuen Bundesländern stehen nur noch sieben Fabriken unter Dampf - Einige gehören zu den modernsten Europas

20.04.2002; Brigitte Braun-Michels, Agrarzeitung Ernährungsdienst, Leipzig

Die ostdeutsche Zuckerindustrie hat in den vergangenen Jahren einen rasanten Strukturwandel durchlebt. Während 1990 dort insgesamt noch 42 Zuckerfabriken unter Dampf standen, sind es heute gerade einmal sieben Werke. Einige zählen zu den modernsten Produktionsstätten von Zucker in Europa.

"Die Zuckergewinnung der Werke aus der DDR entspricht der Produktion unserer vier bayerischen Südzuckerwerke", beschrieb damals treffend ein Vertreter der Südzucker AG, Mannheim/Ochsenfurt, die Situation. Mit einer Tagesverarbeitung von rund 700 t bei den kleinsten Fabriken und bis zu 3000 t bei den größeren Werken war es nicht möglich, die Zuckerfabriken kostendeckend zu fahren. Auch die Umwelt- sowie Qualitätsstandards waren nicht einzuhalten.

Um die Quoten für die rübenanbauende Landwirtschaft zu sichern, wurde per Verordnung (VO Nr. 3577/90 des Rates der EG) im Dezember 1990 zunächst eine Höchstquote von 847000 t Weißzucker, davon 647703 t A-Quote, den neuen Bundesländern zugeteilt. Diese wurde in Form von Lieferrechten an die Anbauflächen gebunden, auf denen bisher bereits Rüben angebaut wurden. Im Durchschnitt konnten die ostdeutschen Rübenerzeuger damit auf 5 Prozent ihrer bewirtschafteten Fläche Rüben anbauen. Im Jahr 2001 wurden die Quoten EU-weit gekürzt. Jetzt steht den neuen Bundesländern noch eine Höchstquote von 839040 t Weißzucker zu.

Auflagen beim Kauf

Die Zuckerfabriken waren zunächst dem Volkseigenen (VE) Kombinat Zucker in Halle/Saale zugeordnet. 1990 erfolgte eine Umwandlung in die Deutsche Ostzucker AG (DOZ AG). Die 42 Zuckerfabriken firmierten als Töchter dieser AG. Unter Mitwirkung der Treuhand und des Bundeskartellamtes konnten nun Investoren die Fabriken, inklusive der dazugehörigen Quoten, erwerben. Bei einem "gemäßigten" Kaufpreis für die Altstandorte wurden die Käufer verpflichtet, in einem bestimmten Zeitraum umfangreiche Investitionen zu tätigen, um wettbewerbsfähige Strukturen herzustellen. Außerdem mussten Sozialleistungen, wie die Übernahme einer bestimmten Mitarbeiterzahl, eingehalten werden. Letztendlich verpflichteten sich vier westdeutsche und eine dänische Unternehmensgruppe, rund 1 Mrd. EUR zu investieren. Dazu gehörten die Südzucker AG, der Zuckerverbund Nord AG, die Zucker-Aktiengesellschaft Uelzen-Braunschweig, Pfeifer & Langen sowie die dänische Danisco Sugar GmbH. Heute firmieren der Zuckerverbund Nord AG und die Zucker AG Uelzen/Braunschweig als Nordzucker AG.

Die Südzucker AG steht innerhalb der EU mit einer Quote von rund 3 Mio. t und einem Marktanteil von etwa 21 Prozent an der Spitze der Zuckerproduzenten. Nordzucker steht an 4., Danisco an 5. Stelle und Pfeifer & Langen belegt Platz 7. Aus der Ostzucker AG erwarb die Südzucker insgesamt 17 Zuckerfabriken und hat damit einen Anteil von rund 33 Prozent der ostdeutschen Höchstquote inne. Mit der Übertragung wurde das Unternehmen zu umfangreichen Investitionen verpflichtet. Das Einzugsgebiet reicht von der Thüringer Ackerebene über die Leipziger Tieflandbucht, das Altenburger Land, die Lommatzsche Pflege bis in die Oberlausitz.

Um wirtschaftlich Zucker erzeugen zu können, investierte die Südzucker nach eigenen Angaben rund 409 Mio. EUR in den Erhalt und Ausbau von fünf Werken. Das waren die Unternehmen in Brottewitz, Delitzsch, Löbau, Straußfurt und Zeitz. Zentralwerk wurde mit einer täglichen Rübenverarbeitung von heute 12000 t das Werk am Standort Zeitz (siehe Grafik). Maximal 20 Prozent der Investitionssumme durften nach EU-Richtlinien gefördert werden. Wie die Südzucker selbst angibt, seien diese 20 Prozent nicht voll in Anspruch genommen worden und zu großen Teilen in das Werk Zeitz geflossen. Hier fanden die umfangreichsten Sanierungsmaßnahmen statt. Das kleinste der fünf Werke in Straußfurt ist nach der Kampagne im Jahr 1996 geschlossen worden. Die anteilige Quote ging auf das Werk in Zeitz über.

Zusätzlich zu den Investitionen in technische Neuerungen haben westdeutsche Unternehmen der Südzucker Patenschaften für die ostdeutschen Werke übernommen. Mitarbeiter wurden ausgetauscht und im Umgang mit der neuen Technik intensiv geschult. Eigentlich wollte die Südzucker es beim Bestand der vier übrig gebliebenen Unternehmen belassen. Dennoch hat sich die Konzernleitung entschlossen, die Werke in Delitzsch mit 6800 t/Tag Rübenverarbeitung nach der Kampagne 2001/02 und das Werk in Löbau (2000 t/Tag) nach der Kampagne 2002/03 zu schließen. "Das Werk in Delitzsch zu schließen war absolut nicht geplant", so Rainer Düll, Pressesprecher der Südzucker AG. "Die Zuckermarktordnung hat uns mit einer rund 4,5-prozentigen Kürzung für Deutschland regelrecht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch ein Werk in Zeil mit einer Rübenverarbeitung von 9200 t/Tag in den alten Bundesländern müssen wir aus wirtschaftlichen Gründen schließen", ergänzt Düll.

Kampagnedauer muss stimmen

Um eine Zuckerfabrik wirtschaftlich fahren zu können, müsse eine Kampagne von 90 bis 100 Tagen gewährleistet sein. Das wäre in beiden Werken nicht mehr möglich gewesen. In den Fabriken selbst wird schließlich bestätigt, dass die Kampagne sich nur noch auf 60 bis 70 Tage belief. Außerdem, so war beim Verband der sächsisch-thüringischen Zuckerrübenanbauer zu erfahren, hat sich die Rohstoffmenge nach der Wende durch hohe Zuckergehalte und Inhaltsstoffe in größerem Ausmaß verringert, als zunächst angenommen wurde.

Das Werk in Delitzsch war von Südzucker auf den modernsten technischen Stand gebracht worden. Deshalb ist man auf der Suche nach einem Investor, der Teile der technischen Anlagen nutzen kann und auch das gut ausgebildete Personal zu schätzen weiß. Erste Überlegungen und Interessenten gebe es bereits. Die Rübenverarbeitung aus den geschlossenen Werken wird umverteilt. In Brottewitz sollen die Rüben aus Löbau verarbeitet werden. Die Delitzscher Rüben werden nach Zeitz geliefert. Die Rüben aus den Anbaugebieten Westthüringens werden im hessischen Wabern verarbeitet. Dies sei vom Transport her die günstigste Variante.

Der zweite "Zuckerriese" in den neuen Bundesländern ist die Nordzucker AG (Höchstquote 1039783 t Weißzucker). Im Jahr 1997 haben sich der Zuckerverbund Nord und die Zucker AG Uelzen/Braunschweig zur Nordzucker AG zusammengeschlossen. Damit hat die Nordzucker 27 Prozent der ostdeutschen Höchstquote inne.

Der Zuckerverbund Nord hatte nach der Wende mehrere Fabriken rund um die Magdeburger Börde übernommen. Dazu gehörten die Standorte Aderstedt, Genthin, Goldbeck, Hadmersleben, Haldensleben, Klein Wanzleben und Weferlingen. Die Werke wurden alle geschlossen und ein neues Werk in Klein Wanzleben erbaut. Bis heute wurden hier nach Angaben der Unternehmensleitung etwa 255 Mio. EUR investiert. Die Zulagen und Zuschüsse beliefen sich auf knapp 12 Prozent der Investitionssumme. Dazu bestand die Möglichkeit für Sonderabschreibungen. Die Rübenverarbeitung pro Tag beträgt 12000 t - bei einer Kampagnedauer von 96 Tagen. Das Werk beschäftigt 162 Mitarbeiter.

Die Zucker AG Uelzen Braunschweig hatte in Sachsen-Anhalt das Werk in Salzwedel und in Mecklenburg-Vorpommern die Werke in Güstrow, Lübbin und Wismar übernommen. Güstrow wurde als einziger Standort erhalten (Rübenverarbeitung 8600 t/Tag). Der Betrieb war die einzige neu errichtete Zuckerfabrik in der ehemaligen DDR. Nach der Übernahme 1991 ist das Werk modernisiert und in großen Teilen umgebaut worden (Investitionsaufwand 177 Mio. EUR). Hier wurden etwa 17 Prozent der Investitionssumme an Zulagen und Zuschüssen in Anspruch genommen. Das Werk hat heute 156 Mitarbeiter und eine Kampagnedauer von 79 Tagen.

Kontakte schon sehr früh geknüpft

Schon im Dezember 1989 knüpften Mitarbeiter von Pfeifer & Langen erste Kontakte mit den Verantwortlichen des VE Kombinates Zucker und dachten darüber nach, wie man die Zuckerproduktion in Ostdeutschland zukünftig gestalten könnte. Erste Konzepte wurden erarbeitet, die jedoch verändert werden mussten, nachdem sich Treuhand und Kartellamt für ein Regionalisierungskonzept des ostdeutschen Zuckermarktes ausgesprochen hatten. Pfeifer & Langen gründete für ihre ostdeutschen Aktivitäten die Diamant-Zucker-Fabriken GmbH & Co KG. Im Februar 1991 übernahm die Diamant-Zucker von der Treuhand schließlich vier Zuckerfabrikgesellschaften mit insgesamt zehn Zuckerfabriken in Sachsen-Anhalt und Brandenburg (Thöringswerder, Nauen, Elsnik, Langenbogen, Löbejün, Helmsdorf, Letschin, Wulfen, Alsleben und Prosigk). Die Diamant-Zucker erhielt damit 25 Prozent der ostdeutschen Zuckerhöchstquote.

Nach Überprüfung der Fabriken und angestellten Modellrechnungen stand für die Konzernleitung schnell fest, dass man die Idee von durchgreifenden Sanierungen der Altstandorte verwerfen würde. Alle Fabriken wiesen überdurchschnittlich hohe Personal- und Betriebskosten auf. Die Zuckerfabriken Prosigk und Alsleben gehörten beispielsweise mit bis zu 750 t Rübenverarbeitung pro Tag zu den kleinsten Fabriken aus dem ostdeutschen Bestand. Das Konzept, nur eine Fabrik zu erbauen, wurde beschlossen.

Von den Altwerken wurden zunächst vier Fabriken stillgelegt und übergangsweise die Verarbeitung von den anderen Werken übernommen. 1992 begann man mit dem Aufbau der neuen Zuckerrübenfabrik in Könnern. Die erste Rübenkampagne startete dort im Oktober 1993. Rund 256 Mio. EUR wurden nach Unternehmensangaben in den Standort Könnern investiert. 15 Prozent der gesamten Investitionssumme habe der Konzern über Zuschüsse und Zulagen des Bundes erhalten. Heute werden in Könnern 16500 t Rüben pro Tag verarbeitet. Um die Fabrik kontinuierlich auszulasten, ist die Produktionsphase in eine so genannte "Rüben- und Dicksaftkampagne" unterteilt worden. Während der Rübenkampagnen werden 55 Prozent des Zuckers kristallisiert und 45 Prozent als Dicksaft zwischengelagert. Letzterer wird im Sommer zu Kristallzucker verarbeitet. Damit sind nach Aussagen der Betriebsleitung wesentliche Teile des Werkes bis zu 200 Tage pro Jahr in Betrieb. In Könnern sind 205 Mitarbeiter beschäftigt, die überwiegend aus den stillgelegten Werken stammen. Könnern gilt als eine der modernsten Zuckerfabriken innerhalb Europas.

Dänen im Norden aktiv

Einziger ausländischer Investor auf dem ostdeutschen Zuckermarkt ist die aus Dänemark stammende Danisco Sugar. Die Unternehmensgruppe hatte insgesamt acht Fabriken aus dem Bestand der Ostzucker AG übernommen und erhielt damit 15 Prozent der ostdeutschen Höchstquote. Dazu gehörten in Mecklenburg-Vorpommern die Werke in Anklam, Barth, Demmin, Friedland, Jarmen, Stralsund und Tessin. In Brandenburg wurde ein Unternehmen in Prenzlau übernommen. Heute erstrecken sich die Erzeugungsflächen für Danisco über dieses Gebiet.

Alle Zuckerfabriken wurden mit Ausnahme von Anklam 1990 bis 1996 stillgelegt. Hier endeten auch die Sozialverpflichtungen, an die der Konzern beim Kauf der Altfabriken von der Treuhand gebunden wurde. Das Werk in Anklam wurde ausgebaut und zu 90 Prozent modernisiert. Das Investitionsvolumen betrug Unternehmensangaben zufolge etwa 133 Mio. EUR, davon waren etwa 31 Mio. EUR staatliche Zuschüsse. Heute können in Anklam pro Tag 10500 t Zuckerrüben verarbeitet werden; ursprünglich waren es 3000 t.
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