Daphne Huber-Wagner zur Düngesaison

Die Ansichten über den aktuellen Düngermarkt gehen weit auseinander. Dass Düngen Spaß machen kann, zeigte das große Interesse der Teilnehmer während des Precision-Farming-Kongresses in Berlin. Betriebsleiter und Berater steckten mit Technikern und Pflanzenbauern die Köpfe zusammen, um die optimale Düngergabe auch noch in der kleinsten Ecke jedes einzelnen Schlages zu ermitteln. Höhere Erträge sowie weniger Arbeits- und Düngerkosten sind der Lohn, den eine moderne computergesteuerte Ausbringungstechnik verspricht. Dunkle Wolken hängen dagegen über der europäischen Düngemittelindustrie. Der Absatz von Stickstoffdüngern geht weiter zurück. Die Einlagerungsquote von Stickstoffdüngern zur Halbzeit des Düngejahres 2012/13 liegt bundesweit unter 50 Prozent. Landwirte und Handel kalkulieren messerscharf.

Die Anbieter von Düngern sind schwer gebeutelt. So viele unvorhergesehene Produktionsausfälle wie in den vergangenen Monaten hat es noch nie gegeben. Betroffen sind Produzenten in Österreich, Belgien, Tschechien, der Slowakei, Russland, Polen sowie modernste Anlagen in Ägypten. Das Angebot von Kalkammonsalpeter (KAS) und Harnstoff ist deshalb in Deutschland keinesfalls reichlich. Doch für großen Aufruhr sorgen diese Störfälle nicht. Großhandel und Landwirtschaft geben sich betont gelassen. Keine Tonne wird vor der Saison zu viel gekauft, geschweige denn eingelagert. Der Start ins neue Düngejahr 2012/13 ist alles andere als erfreulich verlaufen. Die jüngste Statistik zeigt, dass nach schwachen Vorgaben von Juli bis September erneut weniger KAS und Harnstoff abgesetzt wurde. Der Druck der Produzenten auf die großen Agrarhandelshäuser nimmt zu. Das Sturmtief erfasst den Außendienst mit voller Wucht. Doch die gute Großwetterlage auf den Höfen auf Grund der hohen Erzeugerpreise, die bereits für die Ernte 2013 winken, ist kein Selbstläufer dafür, für den Dünger viel Geld zu bezahlen. Auch der Hinweis auf einen weiteren Rückgang der weltweiten Getreide- und Rapsbestände und damit weiter steigende Preise verfehlt seine Wirkung. Die Masse der Betriebe in Deutschland stellt sich gegen den Wind und wird frühestens mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling ihren Dünger ordern. Der Agrarhandel zeigt sich ebenfalls zurückhaltend. Hier greift zunehmend das neu installierte Risikomanagement. Nach der Bruchlandung im Herbst 2008, als teure Düngerbestände die Bilanz verhagelten, werden jetzt nur Käufe getätigt, wenn Abschlüsse dahinterstehen.

Mit dem Phänomen eines rückläufigen Düngerabsatzes steht Deutschland nicht alleine da. Die Quartalszahlen globaler Marktplayer sind alles andere als erfreulich. Die Umsatzrückgänge werden mit hohen Rohstoff- und Energiekosten begründet. Den Stillstand, bis die Anlagen in West- und Osteuropa wieder laufen, sollten alle Marktbeteiligten nutzen, um eine ökonomisch und ökologisch tragbare Lösung zu finden. Frische Luft tut gut: Die junge, gut ausgebildete Generation von Betriebsleitern ist gegenüber Lösungen von ökologischen und ökonomischen Düngestrategien aufgeschlossen. Dies ist ein Hebel, um die gegenwärtige Misere zu beseitigen.
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