Trend in der Tierhaltung geht zu Precision Livestock Farming

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Integrierte tierische Erzeugung anvisiert - Verbraucherakzeptanz soll verbessert werden

Der Antrieb für technische Entwicklungen in der Tierhaltung wird durch drei verschiedene Tendenzen geprägt, die sich auf der diesjährigen "Eurotier" vom 28. November bis 1. Dezember in Hannover widerspiegeln werden. Zum einen sollen tierspezifische Verhaltensweisen durch tierangepasste Haltungsbedingungen berücksichtigt werden. Zum anderen sollen die mit der tierischen Erzeugung gekoppelten Umweltbelastungen verringert werden. Zum dritten wird die Technik im umfassenden Sinne von der Software über die Prozesssteuerungen bis hin zu konstruktiven Elementen genutzt, um die Arbeitswirtschaft zu erhöhen und die Rentabilität zu verbessern. Im Sinne einer "Integrierten tierischen Erzeugung" wird in diesem neuen Jahrzehnt das Precision Livestock Farming entwickelt. Was darunter zu verstehen ist, hat Dr. Jens-Peter Ratschow, Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe, Münster, zusammengefasst.

Kriterienkataloge, die eine Gesamtbewertung der verschiedenen Haltungsverfahren in der Geflügel-, Schweine-, Milch- und Rindfleischproduktion zulassen, sind verfügbar. So wird es künftig eine stetige Aufgabe sein, neue Entwicklungen möglichst gesamtheitlich zu bewerten. Hierdurch ist dann eine umfassende Einschätzung dieser Verfahren durch den Landwirt, aber auch durch den Verbraucher, möglich. Neues Vertrauen kann aufgebaut werden. Die Käfighaltung von Legehennen wird in Tierschutzkreisen vor allem wegen der engen und monotonen Umweltsituation und der Vernachlässigung tierspezifischer Verhaltensweisen stark kritisiert.

Auf Grund höchstrichterlicher Entscheidung werden neue Rahmenbedingungen für die gesamte Legehennenbranche in Deutschland erwartet. Dabei zeigt sich ein zunehmender Trend zu alternativen Haltungsformen. Dem Tierschutzaspekt kommt bei diesen neuen Entwicklungen eine dominierende Bedeutung zu, doch müssen mögliche Nachteile hinsichtlich Ei-Qualität und Umweltbelastungen durch gezieltes Management minimiert werden. Künftig wird der strukturierte Käfig mit der Volierenhaltung und der intensiven Auslauf- und Freilandhaltung konkurrieren.

Rechtssicherheit schnell gefragt

Da sich gezeigt hat, dass Junghennen neue Haltungsverfahren nur dann optimal annehmen, wenn sie auch in veränderten Anlagen aufgezogen wurden, zielen technische Entwicklungen in der Geflügelhaltung auch auf die Veränderung der Junghennenhaltung hin. Hieraus ergibt sich, dass noch stärker als in der Vergangenheit eine vertikale Integration von Junghennenaufzüchtern und Legehennenhaltern zwangsläufig erfolgen muss. Die Hersteller für Legehennenhaltungssysteme drängen den Gesetzgeber, möglichst kurzfristig die Umsetzung der EU-Richtlinie in nationales Recht vorzunehmen, um Rechtssicherheit zu schaffen.

Die "Eurotier 2000" wird deutlich machen, dass heute eine Vielzahl von Alternativsystemen besteht, die deutliche Veränderungen von Tränke-und Fütterungssystemen, von der Anordnung und Ausformung der Sitzstangen und vieler anderer Details zulassen. Die von verschiedenen Verbänden, Ministerien, der Industrie und Wissenschaft und nicht zuletzt von Praktikern erarbeitete Beurteilungsmatrix zeigt deutlich auf, in welchen Bereichen das eine oder andere Haltungsverfahren größere Vorteile bietet. Die Entwicklungen in der Schweinehaltung sind durch zwei wesentliche Tendenzen geprägt: Zum einen zwingen die verschärften Wettbewerbsbedingungen auf den internationalen Märkten zu mehr Rentabilität. Deshalb wird die Produktion auf Kosteneinsparungen bei gleichzeitiger Suche nach höherer Arbeitsproduktivität auf allen Ebenen hin durchleuchtet.

Bei vordergründiger Betrachtung drängt sich hierbei die Aussage auf, dass die Ställe noch mehr technisiert werden und weniger Zeit für die Betreuung der Tiere zur Verfügung steht. Die bisherigen Entwicklungen bei vermehrtem Technikeinsatz in der Tierhaltung haben aber vielmehr dazu geführt, dass die Haltungsbedingungen durch den Technikeinsatz häufig deutlich verbessert werden und für die Tierbetreuung mehr Zeit zur Verfügung steht. Die intensive Diskussion um tiergerechte Aufstallungsformen wird immer häufiger im Gesamtzusammenhang von Tierverhalten, auftretenden Umweltbelastungen und betriebswirtschaftlichem Erfolg gesehen. Die Qualitätserzeugung bleibt hinsichtlich der Produktqualität wie auch der Dokumentation der Produktion dabei ebenso wenig auf der Strecke wie die Vernetzung der einzelnen Partner (Züchtungsorganisation, Ferkelerzeuger, Mäster, Schlachterei und Lebensmittelhandel). Gerade durch den Einsatz der EDV sind die potenziellen Chancen einer schnellen Umsetzung der "Integrierten tierischen Erzeugung" im Schweinesektor deutlich gewachsen.

Ferkelschutzkörbe auch künftig Bestand

Innerhalb der Ferkelerzeugung haben die Bereiche Abferkelställe und Deckzentren einen hohen technischen Stand erreicht. Die Ferkelschutzkörbe im Abferkelstall werden auch künftig Bestand haben. Vielfältige Untersuchungen hinsichtlich der freien Bewegung für die Sauen haben immer wieder deutlich gemacht, dass die - an sich schon hohen - Ferkelverluste in diesem Sektor bei der freien Bewegung durch zusätzlich auftretenden Erdrückensverluste der neu geborenen Ferkel erhöht werden.

Für den Stallbereich Wartestall, in dem die tragenden Sauen aufgestallt sind, gibt es entscheidende Neuerungen. Die Gruppenhaltungsverfahren für tragende Sauen erfahren eine Renaissance. Die technischen Ausführungen der Abruffütterung, des Biofixsystems, der Breinuckelfütterung, der Brei- oder Rohrbreiautomatenfütterung und der Flüssigfütterung am Einzelfressstand sind heute so weit fortgeschritten, dass komplette Managementprogramme über Fütterungsanlagen gefahren werden können. Durch die wachsenden Sauenbestände und das erhöhte Verständnis für die Bedeutung der Hygiene in der Aufzucht der Ferkel wird die traditionelle Aufstallung, in der die Flatdecks im Abferkelstall mit untergebracht sind, zunehmend unterbrochen. In gesonderten Gebäuden werden Großgruppenhaltungen für Ferkel angeboten, die die unterschiedlichsten Varianten hinsichtlich der Ausgestaltung der Böden, der Heizungsprogramme und der Fütterungssysteme beinhalten. Trocken- oder Flüssigfütterungen werden eingesetzt, wie auch die auf die Gesundheit der Ferkelklauen ausgerichteten Kombiböden (Gemisch aus Kunststoff- mit Betonelementen).

Großgruppen in der Schweinemast

In der Schweinemast etabliert sich in Deutschland die Großgruppe immer stärker, gleichgültig, ob Trocken- oder Flüssigfütterungssysteme eingesetzt werden. 40 bis 60 Tiere werden zeitgleich aufgestallt. Die Vorteile hinsichtlich der verbesserten Tiergerechtheit, die sich durch das selbstständige Ausbilden von Fress-, Liege- und Bewegungszonen besonders gut darstellen lässt, bringt bei verbesserter Leistung so viele zusätzliche Aspekte, dass die verringerten Kosten der Aufstallung kaum noch eine Rolle für die Auswahl spielen. Innerhalb dieser Systeme der Mastschweinehaltung verbleiben zurzeit kaum noch denkbare Einsparungspotenziale hinsichtlich Kostenreduzierung und Gewinnerwartung. Ist man dennoch auf der Suche, so soll aus Umweltschutzgründen und aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen der Fremdenergieeinsatz für die Lüftung und die Zuheizung reduziert werden. Dies führt zu Offenstallsystemen, die aber noch nicht optimiert sind. Ziel dieser Maßnahmen soll eine deutliche Verringerung der Umweltbelastungen bei entsprechender Kostenreduzierung sein. Falls durch den sechs- bis zehn-fachen Luftwechsel in diesen Offenställen die Ammoniakemissionen deutlich erhöht sind, so würde dies den verminderten Energieeinsatz hinsichtlich der Umweltwirkungen kaum ausgleichen. Deshalb sind hier zusätzliche Forschungen erforderlich, um zu abgesicherten Aussagen zu kommen.

Leistung der Kühe steigern

Technische Entwicklungen in der Milcherzeugung zielen auf verbesserten Kuhkomfort ab, der zu einer Leistungssteigerung führt. Einsparpotenziale beim Stallbau und den Stalleinrichtungen werden genutzt. Als Slogan gilt: "Viel Platz, viel Luft und tiergerechtes Melken". Hinter diesen Schlagworten verbirgt sich die Einsicht, dass ein ausgeklügeltes Raum-und Funktionsprogramm mit für die Kühe bequemen Liegeboxen - bei großem Luftraum - latente Entzündungen oder Krankheiten verringert und das Leistungsniveau ansteigen lässt.

Auf Grund des Trends zu größeren Kuhherden sind befahrbare Futtertische mit der entsprechenden Futtervorlagetechnik immer häufiger Standard. Entsprechend intensiv werden die angebauten oder selbst fahrenden Futtermischwagen den Anforderungen der Praxis angepasst. Als solche sind insbesondere die Schnelligkeit bei der Entnahme der Silage aus dem Fahrsilo zu nennen, die Mischqualität, die genaue Ausdosierung und nicht zuletzt die Standzeit dieser Fahrzeuge.

Innerhalb der Milchviehhaltung werden Verbesserungen hinsichtlich der Spaltenbodengestaltung und der Entmistungssysteme erwartet, um die Klauengesundheit der Milchkühe zu erhöhen. Tränke-und Fütterungssysteme werden überarbeitet, um "frisches Wasser" und "frisches Futter" den Kühen anbieten zu können und damit die Hygiene zu erhöhen. Auf der diesjährigen "Eurotier" werden automatische Melksysteme präsentiert, bei denen sich die Landwirte über den Stand der Technik informieren können. Auch wenn im Augenblick diese Systeme weniger intensiv diskutiert werden, so werden sie sich allein wegen der arbeitswirtschaftlichen Vorteile langsam aber stetig gerade in Familienbetrieben behaupten und weiter durchsetzen. Technische Verbesserungen der Melktechnik sind weiterhin erforderlich.

Eine vergleichende Bewertung dieser Haltungsverfahren wird ebenfalls heute möglich. Dabei zeigen sich eindeutige Präferenzen hinsichtlich des Laufstalles. Extreme Entwicklungen werden aber auch wieder in Kürze zurückgedrängt werden, wie zum Beispiel das Einbringen von Sand in die Liegeboxen. Dieser Sand verursacht Sinkschichten in den Güllekanälen, die sich mit konventionellen Mitteln nicht beseitigen lassen. Die Güllepumpen verschleißen frühzeitig. Die Ausbildung planbefestigter Laufflächen mit Schieberentmistung oder den mobilen Entmistungsfahrzeugen wird sich kaum behaupten, haben die Tiere nach kurzer Nutzungszeit doch keinen optimalen Halt. Gerade die Erhaltung der Klauengesundheit ist eines der besonders wichtigen Themen in der Milchviehhaltung. Insgesamt lässt sich festhalten, dass im Sektor Milchviehhaltung wesentliche Verbesserungen in der Fütterungstechnik und der Ausgestaltung des Raum- und Funktionsprogrammes zu erwarten sind. Für die gute Ausgestaltung der Liegeboxen stehen vielfältige Materialien zur Verfügung, die zum Beispiel im direkten Vergleich durch die DLG-Prüfungen eine Bewertung erfahren haben und entsprechenden Kuhkomfort zulassen. (DLG)

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