Neue Pflanzenzüchtungstechniken

US-Raps setzt die Politik unter Zugzwang


DNA-Analysen der Ernte liefern nicht immer sichere Hinweise, ob Gentechnik zur Entstehung der Sorten verwendet wurde.
-- , Foto: az-Archiv
DNA-Analysen der Ernte liefern nicht immer sichere Hinweise, ob Gentechnik zur Entstehung der Sorten verwendet wurde.

Während die Politik derzeit detailverliebt das Opt-out-Verfahren für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) debattiert, gibt es längst neue Züchtungstechniken. Ob der Anbau von Pflanzen, die damit entwickelt wurden, nach Gentechnik-Gesetz geregelt werden muss oder nicht, diese Entscheidung schiebt die EU-Kommission seit Jahren auf. Das US-amerikanische Technologieunternehmen Cibus könnte mit der Anmeldung erster Sorten eine Entscheidung erzwingen.

In den USA ausgesät

In den USA ist im Frühjahr der erste Cibus-Raps ausgesät worden, der mit einer der neuen Methoden entwickelt wurde. Er ist resistent gegen Sulfonylharnstoff-Herbizide. Dass diese Eigenschaft nicht mit konventioneller Kreuzungszüchtung in das Rapsgenom gelangt ist, ist in der Pflanze nicht nachweisbar. In Kanada soll die Vermarktung des SU-Canola 2016 starten. In Europa ist Cibus auf der Suche nach Partnern für die Sortenentwicklung.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat den Raps bereits begutachtet: Ein Zulassungsverfahren nach Gentechnik-Gesetz sei nicht notwendig. Gegen eine mögliche Zulassung als gewöhnliche Rapssorte machen Gentechnik-Gegner mittlerweile mobil. Klare Aussagen der Gesetzgeber fehlen.

Schon seit 2007 weiß die EU-Kommission um den Regelungsbedarf. Leitlinien für die Auslegung der Gentechnik-Richtlinie 2001/18 müssen her. Damals hat sie acht neuartige Pflanzenzüchtungstechniken ausgemacht, die in den nächsten Jahren Bedeutung erlangen könnten. Geklärt werden muss, wie diese Methoden vor dem Hintergrund der Gentechnik-Gesetzgebung einzustufen sind.

Experten nehmen Stellung

Mithilfe der neuen Verfahren können zeitsparend zielgerichtete Veränderungen im Erbgut von Kulturpflanzen vorgenommen werden. In den fertigen Sorten ist anschließend nicht immer nachweisbar, ob die Veränderungen natürlich oder durch eine der neuen Methoden entstanden sind. Ob die Ergebnisse aus der Züchtung mit diesen Verfahren den Regeln des Gentechnik-Gesetzes unterliegen, wollte die EU-Kommission klären. Mehrere Expertengruppen sollten ihre Einschätzungen abgeben: die New Technics Working Group (NTWG), die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa und das Joint Research Center (JRC).

Deren Einschätzungen liegen seit 2012 vor und empfehlen, die meisten der neuen Techniken vom Gentechnik-Gesetz auszunehmen (siehe Übersicht), weil sich die so entwickelten Pflanzen nicht von konventionell gezüchteten Pflanzen unterscheiden. Die deutsche Zentrale Kommission für biologische Sicherheit (ZKBS) urteilt ähnlich. Vor diesem Hintergrund hat das BVL den Cibus-Raps, der mit Oleogonucleotid-gerichteter Mutagenese (ODM) entwickelt wurde, als „nicht gentechnisch verändert“ eingestuft.

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Kritiker sammeln Unterschriften

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) kommt zu völlig anderen Bewertungen der neuen Methoden. Technische Eingriffe in das Genom und die Integrität der Zelle werden für den Öko-Anbau abgelehnt. Diesem Duktus folgen Gentechnik-Kritiker. Sie sammeln jetzt Unterschriften für ihren Appell an Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, die Entscheidung des BVL aufzuheben. Damit zeichnet sich ein Tauziehen am Einzelfall ab.

In Brüssel könnte jetzt, da Cibus auf den europäischen Markt drängt, endlich Bewegung in die Rechtssetzung kommen. Die Kommission könnte im nächsten Winter Farbe bekennen. Im Anschluss könnte dann eine Folge von Klagen vor dem europäischen Gerichtshof starten. Sollte die Gentechnik-Richtlinie aufgeschnürt werden, ist eine lange Prozedur mit Trilog-Verhandlungen absehbar.

Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) spricht sich dafür aus, der Bewertung der Expertengremien zu folgen. Danach sollten Pflanzen mit Eigenschaften, die auch in der Natur vorkommen, oder Pflanzen mit Eigenschaften, bei denen nicht nachgewiesen werden kann, ob sie natürlich oder durch den Einsatz eines neuen Züchtungsverfahrens entstanden sind, nicht reguliert werden. Die neuen Techniken seien für viele kleine und mittelständische Pflanzenzüchtungsunternehmen ein wertvolles und erschwingliches Werkzeug für weiteren Züchtungsfortschritt. Gerade die kleineren Unternehmen wären von den Möglichkeiten ausgeschlossen, sofern eine Einstufung als Gentechnik aufgrund des Züchtungsverfahrens ein aufwendiges Zulassungsverfahren für neue Sorten nach sich ziehen würde.

Neue Züchtungstechniken

Rechtssicherheit ist notwendig

Auflagen für gentechnisch veränderte Sorten machen den kommerziellen Anbau zusätzlich unattraktiv. Hierdurch würde ein ungleicher Wettbewerb entstehen, da in anderen Ländern solche Neuentwicklungen angebaut werden könnten. In der Ware, die nach Europa geliefert würde, wäre kein Hinweis auf die verwendeten Züchtungstechniken zu finden. In diesen Zusammenhang stellt der BDP den Appell, eine rechtssichere Anwendung zu gewährleisten.

Drei wissenschaftliche Akademien machen sich ebenfalls für ein risikoorientierte Bewertung der Züchtungsergebnisse stark. Gemeinsam äußern sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie der Wissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Sie weisen vor allem auf die Folgen international unterschiedlicher Einschätzungen der Züchtungstechniken für den Forschungsstandort Deutschland hin. Außerdem heben die Forscher die Möglichkeiten hervor, die solche gezielt entwickelten Sorten für eine ökologisch orientierte, nachhaltige Landwirtschaft bieten.

Cibus hält sich über die weiteren Pläne für den SU-Raps bedeckt. Anfragen in anderen Ländern Europas wurden wie vom BVL beschieden. Bislang handelt es sich um Sommerrapssorten, deren Anbau bestenfalls in Skandinavien sinnvoll wäre. Die Entwicklung von entsprechenden Winterrapssorten und deren Zulassung in der EU könnte nach Einschätzung aus dem Julius-Kühn-Institut noch ein paar Jahre in Anspruch nehmen. Zusätzlich zu der Züchtungstechnik dürfte dem Cibus-Raps aber auch seine entscheidende Eigenschaft, die Herbizidresistenz, für die Vermarktung in Deutschland im Wege stehen. In den USA soll die Sulfonylharnstoff-Toleranz in der Fruchtfolge gegen Glyphosat-resistente Unkräuter helfen.

Darüber hinaus entwickelt Cibus Kartoffeln mit Resistenz gegen Phytophthora. Ebenfalls angekündigt ist Lein mit Glyphosat-Resistenz und Reissorten mit zwei unterschiedlichen Herbizidresistenzen. Alle diese Entwicklungen sind aus Sicht des US-amerikanischen Unternehmens mit Sitz in San Diego keine gentechnisch veränderten Pflanzen. (brs)

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