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Überschüsse nach hoher Ernte – Bevorstehender WTO-Beitritt begrenzt Außenschutz

Agrarzeitung Ernährungsdienst 3. März 2007

Verstärkte Investitionen in den Zuckerrübenanbau sowie das milde Wetter im Herbst 2006 haben den ukrainischen Landwirten eine Rekordernte beschert. Damit wächst in der Ukraine der Druck, den Markt zu reformieren. Dr. Heinz-Wilhelm Strubenhoff, der im Auftrag des deutschen Landwirtschaftsministeriums in Kiew im Rahmen des Programms „Deutsch-Ukrainischer agrarpolitischer Dialog“ als Berater tätig ist, beschreibt die Situation.

Sämtliche Zuckerrüben konnten 2006 in der Ukraine geerntet werden. Nach Angaben des Ministeriums für Agrarpolitik in Kiew wurden daraus 2,6 Mio..t Zucker produziert. Das sind etwa 50 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Der Inlandsverbrauch beträgt jedoch nur rund 2,3 Mio..t Zucker. Außerdem muss der ukrainische Markt auf Grund internationaler Verpflichtungen im Rahmen des bevorstehenden WTO-Beitritts zusätzliche 260±000.t Quotenzucker aufnehmen. Damit ist die diesjährige Zuckerbilanz eindeutig positiv.

Der Zuckermarkt hat mit kräftigen Preissenkungen reagiert. Im Februar 2007 haben die Großhandelspreise umgerechnet etwa 364 €/t betragen. Sie sind in Landeswährung gegenüber dem gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres um etwa 40 Prozent gefallen. Marktteilnehmer berichten von vollen Zuckerlägern, die etwa 3.Mio..t umfassen könnten. Teilweise leben alte, schlechte Gewohnheiten wieder auf. So erhalten Zuckerrübenbauern schon wieder Zucker statt Bargeld – ein klares Zeichen der Marktsättigung.

Auslandsmärkte erhöhen Druck

Auch die Auslandsmärkte bieten keine Alternativen. Der Weltmarktpreis ist geringer als der Inlandspreis. Auch das vollmundige Versprechen des russischen Landwirtschaftsministers, das er beim Amtsantritt der neuen ukrainischen Regierung gegeben hat, der Ukraine in Zukunft Zucker abkaufen zu wollen, hat sich nicht konkretisiert. Im Gegenteil – nach dem Beitritt der Ukraine zur WTO sind sogar Importe möglich. Denn der zurzeit in der Ukraine erhobenx e prohibitiv hohe Zollsatz von pauschal 300 €/t ist nicht WTO-konform. Zulässig wäre nur der ad-valorem-Tarif in Höhe von 50 Prozent des Warenwertes, und der ist gerade bei niedrigen Weltmarktpreisen zu gering, um Importe aufhalten zu können. Wahrscheinlich muss die Ukraine, wenn sie denn der WTO in diesem Jahr beigetreten sein wird, sofort auf so genannte Sicherheitsklauseln ausweichen, um Importe zu verhindern. Denn auch die „Veredelung“ von Zucker zu Ethanol, ins Spiel gebracht während der Parlamentsdebatte über den Import des Quotenzuckers, ist in der Ukraine auf Grund der hohen Kosten für den Rohstoff Zuckerrübe keine wirklich nachhaltige Alternative.

Ministerium plant Preissenkung

Das Ministerium für Agrarpolitik bereitet deshalb eine Reihe von Maßnahmen vor, dieser Situation zu begegnen. Als erste Maßnahme sollen die garantierten Mindestpreise gesenkt werden, die bisher gemäß eines Kabinettsbeschlusses vom 20. Februar 2006 gelten. Sie betragen für Zuckerrüben noch umgerechnet etwa 26 €/t sowie für Zucker etwa 375 €/t. Im Gespräch ist neben der Senkung auch die völlige Abschaffung dieser Mindestpreise.

Als weitere Maßnahme ist die Überprüfung der Quotenvergabe in der Diskussion. Bisher werden diese jährlich vom Ministerium für Agrarpolitik vergeben. Die Zuckerfabriken legten in der Vergangenheit ihre Verträge für die kontrahierten Flächen vor und bekamen dann in der Regel die erforderlichen A-Quoten, die bisher in der Ukraine insgesamt 1,84 Mio..t Zucker umfasst haben. Angesichts der Überschusssituation wird sich die Verteilung verändern. Als Lösung werden zwei Varianten diskutiert: erstens die Vergabe von jährlichen Quoten nach Wettbewerbskriterien und zweitens die Vergabe von langfristig handelbaren Quoten.

Transparentere Quotenvergabe Wettbewerb unter den Fabriken

Unter diesen Rahmenbedingungen wird sich der Wettbewerb in der ukrainischen Zuckerwirtschaft noch einmal verschärfen. Von den bestehenden 120 Zuckerfabriken werden langfristig nur etwa 40 gebraucht und im Markt bleiben können. In Zukunft werden nur diejenigen Zucker-Holdings wettbewerbsfähig sein, die Produktivität, Liquidität und Marktmacht aufbringen. Einzelne Zuckerfabriken werden den Wettbewerb nur schwer überleben können.

Ein weiterer Faktor spielt eine Rolle. Die Regierung in Kiew erwägt, nur denjenigen Zuckerfabriken Sonderkonditionen zukommen zu lassen, die eigene Zuckerrüben anbauen. Falls die Regierung diese Pläne wahr macht, werden sich vor allem vertikal integrierte Unternehmen durchsetzen. In der Übersicht sind die sieben führenden Zucker-Holdings mit ihren wesentlichen Kennzahlen zusammengefasst. Die Unternehmen befinden sich ausschließlich in ukrainischem oder russischem Besitz. Eine interessante Finanzierungsform hat das Unternehmen Astarta-Kiew gewählt, das an der Warschauer Börse gelistet ist.

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