Ungarns Warenterminbörse seit Jahren erfolgreich mit Getreidefutures

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Budapest als Börsenplatz nach politischer Wende neu eröffnet - Vor allem Weizen- und Maiskontrakte notieren umsatzstark

11. August 1999; Tobias Schmid, Redaktion Agroonline, Frankfurt am Main

Die Agrarbörse in Budapest, neu eröffnet 1989, handelt derzeit Terminkontrakte auf Weizen, Gerste, Mais, Sonnenblumen und Schlachtvieh. Die Preisnotierungen liegen für Getreide weit unter dem EU-Niveau und teils niedriger als in den USA. Als einzige Warenterminbörse in Mittel- und Osteuropa könnte sich die Budapester Commodity Exchange (BCE) nach dem Beitritt Ungarns zur EU zu einer wichtigen Drehscheibe für die europäischen Agrarmärkte entwickeln.

Die BCE (www.bce.hu) gliedert sich in die Sektoren Finanzen, Getreide und Schlachtvieh. Im Getreidesektor bietet die BCE Terminkontrakte auf Weizen, Mais, Gerste und Sonnenblumensaaten sowie Optionen auf diese Werte. Dabei wurden im Weizensegment in den vergangenen Jahren mehrere Kontrakte unterschiedlicher Qualitätskriterien aufgelegt. Seit August 1999 wird nur noch ein Weizenkontrakt hoher Qualität angeboten. Minderwertige Qualitäten können nach Aussage von Mark Polany, Marketingabteilung der BCE, mit Abschlägen geliefert werden.

Im Sektor Schlachtvieh bietet die BCE derzeit zwei Kontrakte auf lebende Schweine an. In dem dritten Bereich Finanzen können Futures auf Währungen gehandelt werden. Hier sind auf Termin verschiedene Devisen angeboten, so ein Kontrakt auf US-Dollar, DM und Lira und seit März 1999 ein Kontrakt auf Euro. Der DM- und der Lira-Kontrakt werden nach den Worten Polanys nach Auslaufen der derzeitigen Kontraktmonate eingestellt. Dass die Währungskontrakte an der gleichen Börse notieren wie die Warenfutures, erleichtert die Beurteilung der Warennotierungen aus dem Ausland. Denn im Falle eines Engagements in Warenfutures, beispielsweise aus dem Euro-Raum, kann zur Absicherung des Kursrisikos der Währungskontrakt Forint zu Euro genutzt werden.

Rege Umsätze bei Mais und Weizen

Im Getreidesektor der BCE wurden in den vergangenen Jahren Weizen- und Maiskontrakte umsatzstark gehandelt. Rund 1,1 Mio. t Weizen und somit über ein Fünftel der ungarischen Weizenernte konnten beispielsweise im vergangenen Jahr an der BCE umgeschlagen werden. Der Warenwert des Jahresvolumens belief sich bei Weizen auf umgerechnet 88 Mio. Euro. Damit machte Weizen 1998 an der BCE rund 52 Prozent des Kontrakthandels im Getreidesektor aus. Mais folgte mit 36 Prozent, Sonnenblumen mit 9 Prozent. Auf Gerste entfielen 2 Prozent. Der durchschnittliche Tagesumsatz 1998 von fast 300 Kontrakten stellt im Vergleich zu anderen europäischen Terminbörsen für Getreide eine ansprechende Liquidität dieses Marktes dar.

Dabei entwickelte sich der Getreidesektor an der BCE über die Jahre sehr unterschiedlich. Bis 1995 blieb der Umsatz mit einem Volumen um 40 000 Kontrakte jährlich noch gering. Ab 1996, mit Beginn der internationalen Hochpreisphase bei Getreide, wuchsen die Kontraktumsätze in Budapest enorm an. Mit mehr als 217 000 Kontrakten im Getreidesektor konnte 1997 ein Rekordumsatz verbucht werden. Im Folgejahr verringerte sich das Kontraktvolumen auf knapp 105 000. Gegenüber dem Finanzsektor blieben die Umsätze im Getreidesektor dabei weit zurück. Mit über 8,3 Mio. Kontraktumsätzen 1998 machte dieser Sektor im vergangenen Jahr fast 99 Prozent aller Kontraktumsätze und rund 97 Prozent des wertmäßigen Umsatzes an der BCE aus. Der Viehsektor blieb mit 238 Kontraktumsätzen 1998 wie auch in den Vorjahren unbedeutend.

Notierungen auf niedrigem Niveau

Die Preisnotierungen des Weizen- und Maiskontraktes in Budapest liegen im Vergleich zu anderen Getreidebörsen auf niedrigem Niveau. Eine ähnliche Weizenqualität wie an der BCE wird in den USA an der Kansas City Board of Trade (KCBT) und in Europa an der Warenterminbörse Hannover (WTB) gehandelt. Der Maisfuture der BCE basiert auf der gleichen Qualität, die an der Chicago Board of Trade (CBoT) gehandelt wird. Um eine Beurteilung des Preisniveaus zu ermöglichen, sind in der Grafik die Kurse für Weizen und Mais von diesen internationalen Börsen auf Euro umgerechnet.


Die Kurse des Brotweizens aus Kansas und Mais aus Chicago wurden mit dem Euro/Dollar-Kursverhältnis umgerechnet, wie er für September 1999 an der Chicago Mercantile Exchange (CME) gehandelt wird. Die Kontrakte an der BCE notieren in Forint. Die Umrechnung erfolgt auf Basis der Euro/Forint-Notierung per September an dieser Börse.

Marktöffnung gegenüber der EU

Mit der schrittweisen Öffnung der Grenzen nach Mittel- und Osteuropa wird der Einfluß der EU-Agrarmärkte auf den Terminmarkt in Budapest rasch zunehmen. Vor allem könnte mit zunehmender Liberalisierung der EU-Märkte die Budapester Börse an Bedeutung gewinnen. Derzeit basiert das EU-Außenhandelsgeschäft mit Ungarn auf dem Assoziierungsabkommen von 1993. Innerhalb vereinbarter Importkontingente kann Ware zu einem ermäßigten Zollsatz aus Ungarn in die EU eingeführt werden. Bei Weizen erhöhen sich die Kontingente von Jahr zu Jahr und liegen für das Wirtschaftsjahr 1999/2000 bei 280 320 t, rund 11 Prozent der für dieses Jahr veranschlagten Weizenernte in Ungarn von etwa 2,5 (Vorjahr 5,0) Mio. t. Das Maiskontingent liegt für die kommenden zwei Kampagnen bei 2 000 t, Sonnenblumen können frei geliefert werden. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre wurden die Kontingente für Weizen aufgrund ihrer Attraktivität bereits in den ersten Monaten des neuen Wirtschaftsjahres ausgeschöpft.

Momentan steht die EU mit Ungarn in Verhandlungen über die Fortführung der Handelsbeziehungen nach dem Wirtschaftsjahr 2000/2001. Diskutiert wird derzeit ein neues Kontingentsystem. Innerhalb von schrittweise erweiterbaren Quoten sollen Agrarprodukte frei von Exporterstattungen und Zöllen gehandelt werden. Ab 2003 ist der Beitritt Ungarns und weiterer mittel- und osteuropäischer Staaten im Zuge der ersten Erweiterungsrunde der EU möglich. Wie die Übergangsregelung auch beschaffen sein mag, die Agrarmärkte werden sich rasch weiter annähern. Da die Warenterminbörsen mit ihren späteren Kontrakten schon ins Wirtschaftsjahr 2000/2001 hineinreichen, könnte sich ein Blick auf den ungarischen Terminmarkt für hiesige Händler folglich bald lohnen.
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